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Kerstin Fritzsche

Die kürzesten Wörter, nämlich "ja" und "nein", erfordern das meiste Nachdenken. - Pythagoras

Alles auf der Welt kommt auf einen gescheiten Einfall und auf einen festen Entschluss an. - Johann Wolfgang von Goethe

Leisten wir uns den Luxus, eine eigene Meinung zu haben.

 - Otto von Bismarck

 

Politik ist angewandte Liebe zum Leben.

 - Hannah Arendt

 

Journalisten sind Generalisten. Sie verstehen alles, aber alles meistens nur halb. - Claus H. Casdorff

Schweigen ist eines der am schwierigsten zu widerlegenden Argumente.
 - Josh Billings

 

Wer heute noch nicht verrückt ist, ist einfach nicht informiert.
 - Gabriel Barylli

 

Über 50 Prozent der Offliner glauben, das Internet wird vollkommen überbewertet. - ARD/ZDF-Onlinestudie 2007

Di

17

Jan

2017

Die Angst vor Fake News

 

hätte schon viel früher in Deutschland einsetzen müssen.

 

 

 

 

 

Wahr ist an einer Geschichte immer nur das, was der Zuhörer glaubt.

 

 

Hermann Hesse in „Heumond“

 

 

 

 

 

Von Trumps Wahlkampf waren nun jetzt alle erschrocken. Die Fake News sprudelten nur so – und brachten mit Hilfe von Manipulationen Republikaner-Stimmen. Analysen dazu kamen, auch in amerikanischen Medien, seltsamerweise aber erst spät, nämlich erst NACH der Präsidentschaftswahl.

 

So besuchte ein kleines Medium in den USA einen der größten Fake-News-Macher, BuzzFeed besuchte dann auch einen, dann veröffentlichte „Das Magazin“ aus der Schweiz seine Reportage zu Trumps Wahlkampf mit Hilfe von Cambridge Analytica. Anfang des Jahres veröffentlichte BuzzFeed eine Hitliste der „erfolgreichsten“ Fake News auf Facebook (ob das nicht auch noch mal ein Push für genau die ist, müsste man übrigens auch mal diskutieren).

 

Und nachdem man hier „Breitbart“ entdeckt hat, gibt es dazu auch schon den ersten Skandal, der eine entsprechende Analyse nach sich zieht. Andere überregionale Medien ziehen nach, das Thema „Breitbart“ will man nicht nur einem überlassen, und man muss sich schon fragen, ob es dabei noch um die Entlarvung eines Portals und seiner Strukturen geht oder nicht eher darum, die Welle der Entrüstung jetzt einfach mitzureiten. Denn vorher war man ja auf dem rechten Auge mit Blick aufs Digitale schon ein bisschen blind, schließlich gibt es in Deutschland schon länger Webseiten, die Tatsachen verdrehen und damit gerade in der Flüchtlingsfrage Stimmung machen.

 

 

 

Angst vor Programmatic Advertising

 

 

 

Auch mit den Mechanismen von Online-Werbung begann man sich dann erst zu beschäftigen, angeregt durch die Kampagne „Kein Geld für Rechts“. Komischerweise fiel in dieser ganzen Diskussion nie „OMS“ oder der Name einer anderen Vermarktungsgesellschaft, viele Kolleg_innen glauben bis heute, dass die Werbung insgesamt individuell ist und vor allem individuell in Auftrag gegeben wurde/wird.

 

 

 

Der andere Teil der Branche redet jetzt angsterfüllt über Programmatic Advertising und Prorammatic Campaigning, manch ein traditioneller Print-Journalist, der sich vorher schon kaum gekümmert hat, wie die Werbe-Finanzierung der Website seines Arbeitgebers eigentlich funktionieren kann, hört diese Worte wohl jetzt zum ersten Mal und ist konfrontiert mit der sehr bitteren Erkenntnis, dass Inhalte, vor allem seine qualitativ hochwertigen Inhalte, im Wahlkampf zur Bundestagswahl höchstwahrscheinlich gar nichts zählen könnten, weil viral gehende Fake News und sie unterstützende Netz-Kampagnen viel stärker sind, sein könnten.

 

 

 

Es ist sogar die Rede von Programmatic Journalism. Und dass der auch eine Chance sein kann. Roboterjournalismus gibt es schon – die Wetter- und Sport-News müssen keine Menschen mehr generieren, und diese haben damit mehr Zeit für investigative Geschichten, heißt es. Und Nachrichten passgenau aufs jeweilige Medium zuzuschneiden und auszugeben in den jeweiligen Kanal. Volker Schütz, Chefredakteur der Verlagsgruppe Deutscher Fachverlag, die den „Horizont“ herausgibt, sieht in seinen fünf Trends für 2017, die eigentlich eher Mini-Kommentare zum jetzigen Stand des Journalismus sind, darin sogar eine Chance für die einzelne Medien-Marke. „Progammatic Journalism ist nicht das Ende des kritischen Journalismus, sondern hat das Potenzial, neue Leser zu gewinnen, neue Erlösmodelle in Gang zu setzen, eine Medienmarke zu stärken. Vorausgesetzt, Medien investieren noch stärker in Big Data“, schreibt er zum Jahresanfang. (Die neuen Erlösmodelle würden mich genauer interessieren, aber da geht’s leider nicht weiter.)

 

 

 

Hier haben wir aber das nächste Problem, eigentlich gleich zwei: Verlagshäuser investieren erstens ja schon kaum in die Digitalisierung oder haben das zumindest in den letzten fünf Jahren nur vereinzelt getan, je nach Konzerngröße und -Zugehörigkeit. Und zweitens ist Big Data da kein Allheilmittel, sondern macht uns auch angreifbar, wenn wir ganz selbstverständlich all das nutzen, was uns die Digital-Riesen so vorgeben: Redaktionsalltag wird über Google Calendar und Slack organisiert, fast jeder hat einen WhatsApp-Chatbot, der die Nachrichten aufs Smartphone und auf Facebook über Messenger bringt, viele von uns nutzen Instant Articles und Cloud-Dienste. Und machen sich keine Gedanken über Sicherung der Daten und Verschlüsselung. Wir kritisieren die Vorherrschaft der drei Großen im Digitalen und hängen uns selbstverständlich mit dran. Wenn man da gehackt wird, uns Daten geklaut werden oder unser Content zweckentfremdet wird – da braucht man sich eigentlich nicht wundern, oder? „Content is immer noch king“ ist da einfach irrelevant.

 

 

 

Ansätze daraus für die Praxis?

 

 

 

Und es bleibt bei all diesen Thesen und frommen Wünschen immer eine Frage leuchtend übrig: Wie gehen wir praktisch damit um? Analyse ist schön und gut, aber wenn sich daraus keine Handlungen ableiten lassen, dann bringt uns das in unserem immer schneller und komplexer werdenden Journalismus-Alltag überhaupt nichts. Dann werden wir weiterhin überrollt von Mechanismen à la Fake News oder hecheln Big Data hinterher, gerade in mittelständigen Regional-Verlagen. Denn: Konzern-Konzentration nimmt immer noch weiter zu. Man kann nur eine Haltung haben und diese auch bewahren, wenn man die Zeit und Unterstützung dazu hat. Der Durchschnitts-Nachrichten-Arbeiter formally known as Redakteur hat keine Zeit, sich da groß erst drüber zu unterhalten und Maßnahmen zu analysieren und auszuwählen. Jedenfalls nicht in der Arbeitszeit.

 

 

 

Dass Medienkompetenz fehlt, wussten wir schon vorher

 

 

 

Und sorry, dass wir zunehmend einen „Snippet-Journalismus“ haben, dass junge Menschen nicht mehr Primärquellen lesen, sondern ihre Nachrichten über Facebook, Empfehlungen von Freunden etc. empfangen und es auch dadurch immer schwieriger wird, Echtes von Falschem zu unterscheiden, das wussten wir vorher schon.

 

Seitdem ich im Online-Journalismus tätig bin, und das sind schon zehn Jahre, gibt es den Ruf nach Medienkompetenz, vor allem mehr Medienkompetenz für junge Menschen. Bisher habe ich noch nicht gesehen, dass Politik, Institutionen oder auch wir in den Medien darauf gute Antworten und vor allem Maßnahmen hatten. Über die weitere „Medien-Verrohung“ und die Entwicklung von Hate Speech und Fake News im Jahre 2016 braucht sich also keiner wirklich wundern.

 

 

 

So wie wir uns immer den Kommunikationsprozess erklärt haben – das funktioniert nicht mehr

 

 

 

Zum anderen kommt meiner Meinung nach hinzu, dass Hate Speech und Populismus neuzeitige Ausdrücke von Distinktion und gleichzeitig Zugehörigkeit sind. Herkömmliche Modelle, die uns immer den Kommunikationsprozess erklärt haben, die uns Journos dabei auch sicher gewogen haben in dem, was wir tun und wie wir es tun, funktionieren nicht mehr. Vielleicht haben sie das sogar nie, aber es war uns egal. Viele haben beispielsweise weiterhin an die Gatekeeper-Funktion geglaubt. Jetzt sind wir doppelt hilflos. Und weil das alles auch ein gesellschaftlicher Mechanismus ist, sollte es also auch die Soziologie dringend interessieren.

 

 

 

Der Hass hat nicht erst 2016 zugenommen

 

 

 

Für viele ist 2016 das Jahr, in dem der Hass das Internet erobert hat. Das stimmt aber nicht. Es war 2014. Weil sich Meinungen da schon verstärkt und Menschen zusammengerottet haben, die ohne Rücksicht auf Verluste andere regelrecht stalken und diffamieren. Es gab 2014 drei Fälle in meinem Umfeld. Beispielsweise hier einer erklärt: Ein ESA-Mitarbeiter wurde angegriffen wegen angeblichem Sexismus und auf allen möglichen Kanälen im Netz gestalkt. Es gab dabei eine Verbindung zur Gamer-Szene, daher wurde das Ganze so unfassbar groß und fies. Da wäre sehr, sehr viel justiziabel gewesen – und das übrigens auch von Frauen. Da gab es Frauen, die ihm Misshandlungs-, Vergewaltigungswünsche und Morddrohungen ausgesprochen haben. Die sich die Mühe gemacht haben, über diese ganze, mehrere Wochen währende „Debatte“ Storifys zusammenzusetzen und Videos für YouTube – nur zur Diffamierung!

 

Tendenziell sind vielleicht mehr Männer Trolle und/oder hassend und bedrohend im Netz unterwegs, in diesem Fall haben sich aber selbsternannte Feministinnen nicht vom anderen Geschlecht unterschieden in Grausamkeit, Häufigkeit und Kreativität, um denjenigen runterzumachen und anzugreifen.

 

 

 

Bei den anderen Fällen ging es vor allem um Bedrohungen über die eigene Website und Twitter. Twitter ist meiner Meinung nach ebenfalls 2014 zu einer wahnsinnigen Hassmaschine geworden (dennoch möchte ich persönlich nicht auf Twitter verzichten, ich habe über Twitter auch wunderbare Menschen kennen gelernt, die ich sonst nie getroffen hätte). Eine Person, die einfach als Kämpferin für Gleichstellung zu bezeichnen ist, ist erst nach ein paar Monaten und dann unter anderem Namen zurückgekommen, die andere ist nach Angriffen auf dem rechten Spektrum seitdem raus aus dem virtuellen Leben, war meines Wissens in psychologischer Behandlung und ist bis heute nicht zurückgekommen, hat sogar nicht nur Twitter-Account, sondern auch Blog und Website gelöscht.

 

 

 

Und wenn man auch noch aktuelle Beispiele möchte, dann taugt das der britischen Feministin Lindy West sehr gut. Hier im „Guardian“ schreibt sie selbst, warum sie Twitter verließ.

 

 

 

Und daher würden jetzt auch alle etablierten Medien, die Angst vor „Breitbart“ in Deutschland haben, gut daran tun, sich auch für die anderen Populismus- und Fake-News-Mechanismen zu interessieren, die es schon längst gibt. Und zwar jenseits von „Tichys Einblicken“, einem Henryk M. Broder und der „Achse des Guten“, die (neue) Populismus-Plattformen 2017 etablieren, wie Frank Zimmer von W&V befürchtet. Da hat sich schon einiges etabliert.

 

 

 

Ich möchte auch niemandem etwas unterstellen, viele haben es vielleicht einfach nicht gemerkt, weil es, wie richtig auf netzpolitik.org steht, eigentlich ja darum ging, „die demokratische Meinungsbildung vor Manipulation zu schützen. Doch jetzt ist die Fake-News-Debatte selbst zum Risiko für Presse- und Meinungsfreiheit geworden.“

 

 

 

Geht es zum Beispiel um Gender, Homosexualität, Religion und Flüchtlinge, dann hatten und haben wir schon seit mehr als zwei Jahren ein Fake-News-Universum, nämlich mit Webseiten wie PI-News und denen, die alle zum Medien-Portfolio von Sven von Storch gehören, Ehemann der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch, und in dieser Konstellation auch gut vernetzt mit der Neuen Rechten und der „Demo für alle“-Bewegung, die Beatrix von Storch einst mitgründete und die jetzt das Ex-CDU-Mitglied Hedwig von Beverfoerde angeblich alleine organisiert – auf deutscher und seit Juni 2016 auch auf europäischer Ebene.

 

Vieles, was auf diesen Webseiten zu lesen war und ist, beruht zwar auf realen Ereignissen, ist aber verdreht dargestellt oder unterschlägt wesentliche Teile der Information. In Bezug auf die neuen Lehrpläne in vielen Bundesländern, die Aufklärung über sexuelle Vielfalt beinhalten, wurden und werden bewusst Falschinformationen gestreut. Teil des Problems: Die Webseiten sind in Chile registriert.

 

 

 

Auch in der eigenen Branche gibt es eine Brille

 

 

 

Das wurde aber innerhalb der Branche überhaupt nicht wahrgenommen. Zu viel wird hier noch durch unterschiedliche Brillen betrachtet. Klar, Journalist_innen sind eitel, man verkauft auch immer gleichzeitig sich selbst und möchte gerne die Deutungshoheit über die Dinge für sich beanspruchen, vor allem, wenn man ein Thema selbst entdeckt hat. Und dann kommt noch manchmal das Männer-Frauen-Ding dazu.

 

So schreibt Stefan Winterbauer auf meedia.de über die Social-Media-Fälle Roland Tichy bei Xing und den #lauerleak, bei dem Ex-Pirat Christopher Lauer einen Sparkassen-Mitarbeiter öffentlich auf Twitter als AfD-Wähler outete und damit einen Shitstorm auslöste, als würden wir zum ersten Mal einen – Zitat – „asozialen Social-Media-Mob“ erleben, der nur am Trollen und Hassen interessiert ist, eine echte Debatte verhindert und außerdem Folgen für das „echte Leben“ hat. Ach. Überraschung! Nicht.

 

 

 

Im übrigen müsste man der Vollständigkeit halber auch noch die Frage stellen, ob bei den beiden angesprochenen Fällen die Urheber Tichy und Lauer eigentlich selbst eine Debatte wollten oder nur Provokation, denn warum macht Lauer das direkt über Twitter öffentlich, anstatt nicht erst einmal der betroffenen Kreissparkasse eine Anfrage per Mail zu schicken? Und Tichy hatte nicht nur bei Meedia die Möglichkeit, sich selbst zu erklären, tat es aber nicht. Auch das also Teil der Aufmerksamkeits- und Aufregungsmechanik, in der dann wiederum ein anderer Journalist, in dem Fall also Winterbauer, noch mal erklären muss, wie die ganze Sache zu sehen ist. Ein bisschen mit erhobenem Zeigefinger, aber Lösungen hat er freilich auch keine, wenn er am Ende schreibt: „Es ist dringend an der Zeit, dass wir die Art, wie wir online miteinander umgehen, in zivilisiertere Bahnen lenken. Nur wie?“ Einen Punkt hat er dabei auch vergessen: Es wird eben nicht nur Online so miteinander umgegangen. Online ist nur ein Verstärker dieser Grabenkämpfe. Hat man vielleicht nur vorher nicht unbedingt mitbekommen – oder als Journalist_in auch nicht nachgefragt. Das würde auch wiederum Fragen an den eigenen Umgang damit stellen.

 

Als zu Silvester die Flüchtlingsdebatte erneut hohe Wellen schlug, haben Spiegel Online und wir beim Nordbayerischen Kurier uns dazu entschlossen, die Kommentar-Funktion für die betroffenen Artikel zu sperren, weil wir nicht Herr der Lage wurden und es außerdem keine Debatte gab. Dies in der Facebook-Gruppe für Online-Journalisten innerhalb des DJV gepostet und nach dem Umgang der Kolleg_innen damit gefragt, gab es keine Reaktion. Muss ich daraus schließen, dass das Interesse am praktischen Umgang damit und dem Austausch darüber nicht vorhanden ist? Bei über 80 Leuten in der Gruppe? Mich interessiert nach wie vor, wie andere das handhaben und wie sie das diskutieren. Vielleicht ist das aber nicht öffentlichkeitswirksam genug, und man schaut lieber auf die Polizei.

 

 

 

Aber, auch so ein Beispiel, polizeiliche Verfolgung von Falschbehauptungen etwa gab es ja auch schon vorher und nicht erst, seitdem die Polizei Rosenheim öffentlichkeitswirksam, auch auf Twitter, herausgegeben hat, dass sie das nun konsequent macht. Eine Selbstverständlichkeit polizeilicher Arbeit, so wie die Recherche dazu selbstverständliche journalistische Arbeit sein sollte. Es wird in Zukunft sogar eher darum gehen, wie Polizei und Journalist_innen dabei zusammenarbeiten (können). Wir brauchen uns hier gegenseitig, mehr als je zuvor. Auch, um zu analysieren und zu erklären, was ein Missbrauch ist, weil es Fake News sind, die da verbreitet werden, und wann es sich um Kriminalität handelt.

 

 

 

Nicht immer sind Fake News Populismus

 

 

 

Denn nicht immer werden Fake News in populistischer Absicht verbreitet. Es gibt ja auch noch die Fälle von Identitätsklau, um damit Geld zu erpressen und/oder an persönliche Daten und Telefonnummern zu kommen, gerade auf Facebook. Oder die Problematik, dass mit Fake News und entsprechenden Verlinkungen auf Porno-Seiten umgelenkt wird oder ein Virus aktiviert wird.

 

Ein aktueller Fall in Südhessen, wo eine Politikerin genau so einen Identitätsklau mit ihrem Facebook-Profil für einen populistischen Angriff noch vor dem Wahlkampf hielt, macht deutlich, wie wichtig da unsere Aufgabe der Aufklärung ist und noch immer sein wird.

 

Lasst uns nicht darüber reden, dass. Sondern wie. Die neueste Ankündigung von Facebook, sich Partner zum Identifizieren von Fake News zu suchen, für deren Arbeit man aber nichts zahlt, ist für mich keine reale Auseinandersetzung eines digitalen Großkonzerns mit einem der aktuellsten gesellschaftlichen Probleme. Wir werden es selbst machen müssen. Das ist unser Job 2017.

 

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Fr

13

Jan

2017

"Modus" - der Mörder ist nicht in uns allen

(aus der Ausstellung "Homosexualität_en" in Berlin 2015)

 

 

Nicht jede_r ist so tolerant wie Homer Simpson bzw. seine Macher. Gerade wurden erste Ergebnisse einer umfassenden Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes veröffentlicht, die Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland abfragt (Download hier; die komplette Studie wird irgendwann im Frühjahr veröffentlicht).

 

Die gute Nachricht an den Ergebnissen: Über 80% der Deutschen sprechen sich für die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule aus. Und - in your face, AfD und "Demo für alle": "Beim Thema Bildung und sexuelle Vielfalt befürwortet eine klare Mehrheit von 89,6 Prozent das Ziel, in Schulen Akzeptanz gegenüber homo- und bisexuellen Personen zu vermitteln. Sieben von zehn (70,6 Prozent) weisen die Aussage, das Ansprechen von sexueller Vielfalt in der Schule verwirre die Kinder in der Entwicklung ihrer Sexualität, eher oder vollkommen zurück."

Aber: Je niedriger der Bildungsgrad der Befragten und je näher das Thema Homosexualität an den eigenen Lebensbereich reicht, desto intoleranter sind die Menschen. Und sicherlich geben sie das nur innerhalb so einer anonymen Befragung zu, denn ansonsten ist es durchaus auch nicht political correct, Lesben und Schwule komisch zu finden und ihnen nicht gleiche Rechte zuzugestehen.

 

Man kann nur ahnen, dass eben genau mit Aufkommen der rechtskonservativen Bewegungen in Europa, etwa "Manif pour tous" und dann "Demo für alle" und AfD in Deutschland, diese Menschen in den letzten 3 bis 4 Jahren eine neue Heimat gefunden haben, eine Heimat für ihr Gefühl des "Ich hab' ja nix gegen die, aber..." und "Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen". Auch gesellschaftlich-intellektuell in die Öffentlichkeit gebracht durch Leute wie Akif Pirincci, Thilo Sarrazin, Birgit Kelle oder Udo Ulfkotte, die fleißig gegen Gender und sexuelle Vielfalt anschreiben.

 

Nicht jede_r radikalisiert sich dadurch auch, klar. Aber wie weit es gehen kann, wenn diese Meinungen in einer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft trotzdem am Sieden sind, zeigte Ende des just vergangenen Jahres 2016 die skandinavische Serie "Modus - Der Mörder in uns", die ab Ende November im ZDF ausgestrahlt wurde. Sie ist aber auch noch, und zwar zusätzlich in der schwedischen Original-Version, in der ZDF-Mediathek verfügbar. Es handelt sich dabei um die TV-Adaption der "Vik/Stubø"-Buch-Serie der lesbischen Schriftstellerin Anne Holt, die in ihrem Heimatland Norwegen auch mal Justizministerin war.

 

Kein "Who-dunnit", sondern ein "Why-dunnit"

 

Ich habe die Bücher nich gelesen und so ein bisschen gebraucht, bis ich raus hatte, dass es um Hass auf Homosexuelle und eine fanatische Sekte geht. Und genau dies ist ziemlich genial. Eine gewisse Raffinesse schreibt man skandinavischen Serien ja ohnehin zu und erwartet sie auch. Aber wie subtil die Erzählung geöffnet wird, dass erst einmal weder Motiv, noch Zusammenhänge zwischen den einzelnen Morden klar sind, das ist schon ziemlich gut und spannend gelöst. Den Zusatz "Der Mörder in uns" finde ich persönlich dabei lediglich unpassend, denn er suggeriert, dass jede_r von uns solch einen Hass entwickeln kann, dass er oder sie zum Mörder wird - und die Morde in "Modus" sind ziemlich gut geplant, ziemlich brutal und kompromisslos und ziemlich zielgerichtet durchgeführt. Es sind dennoch "Hate Crimes", aber die Opfer sind mehr nicht zufällig als zufällig. Es geht dem Täter oder vielmehr der Täter-Gruppe um einen ganz bestimmten Kreis von (besser gestellten) Lesben und Schwulen in Uppsala und Stockholm.

Und damit wird ein Bezug geschaffen zur europäischen Realität von Homo-Hass, der auch Neid auf beruflichen und sozialen Status von Lesben und Schwulen beinhaltet, der sich daraus speist, dass eben nicht alle gleich sind und man vor allem, wenn man selbst eher zu den unteren Zehntausend gehört, auf gar keinen Fall einer Minderheit Gleichstellung und gleiche Rechte gönnt.

 

Schaubild lesbischer und schwuler Lebenswirklichkeiten

 

Auch wird das teilweise bei den Opfern selbst deutlich, und das ist ein weiterer interessanter Punkt der Serie. Da ist die Bischöfin, die sich in ihrem Amt für Lesben und Schwule einsetzt, die aber nicht stark genug ist, selbst zu ihrem Lesbisch-Sein zu stehen und mit Freundin und schwulem Ehemann über Jahrzehnte ein Doppelleben führt, bis sie ermordet wird und alles rauskommt - was noch nicht mal ihr Sohn wusste, der sozusagen gezwungen wurde, mit der großen Lebenslüge seiner Eltern aufzuwachsen.

Da ist das schwule Paar mit Altersunterschied, einer von ihnen ein großer Reeder, das zusammen mit einem lesbischen Paar schon ein Kind hat und jetzt noch eines bekommt - die beiden Frauen Schauspielerin und Politikerin. Alle Vier zwar gesellschaftlich engagiert, aber irgendwie auch in ihrer Privilegiertheit von anderen gesellschaftlichen Realitäten entfernt.

Dann ist da der junge Schwule aus einfachen Verhältnissen, der noch nicht bei seiner Familie geoutet war und doch nichts sehnlicher wollte, als einfach glücklich sein und einen Platz haben, der Heimat ist - und wenn das nur der queere Club ist, in dem er in der Küche arbeitete, gesellschaftlich "unschuldig", quasi, der Junge.

 

Hass hat eine Dynamik - und das bedroht letztendlich die Gesellschaft

 

Die Dynamik des Hasses wird sogar aufgegriffen: Nach den ersten beiden Morden wird nicht weit von besagtem Club ein jüngeres lesbisches Paar, das sich auf der Straße küsste, von einer Gruppe junger Männer überfallen. Zuerst fragt sich die Polizei und damit auch der Zuschauer, ob es einen Zusammenhang gibt. Dann wird klar: Männlicher Machismo gepaart mit hohem Alkohol-Konsum und das gerade entstandene Klima in der Stadt, ein dummer Spruch - und dann ist es nicht weit bis zum Hieb oder Tritt. Auch das ist real, homophob motivierte Übergriffe haben in den letzten Jahren wieder zugenommen, auch in vermeintlich toleranteren Städten wie Berlin oder Köln, auch in eindeutigen Community-Vierteln oder -Straßen. Oder gerade in diesen.

 

Klar, es gibt keinen anderen Weg zur Gleichstellung, zur Toleranz und irgendwann hoffentlich auch Akzeptanz als über die Politik. Politik muss dafür sorgen, dass sich Gesellschaft verändern kann, muss Minderheiten schützen und Demokratie durchsetzen. Aber "Modus" macht auch klar: Auch in so sozialen und fortschrittlichen Gesellschaften wie den skandinavischen ist damit keine Sicherheit und das Erreichen der Ziele garantiert - im Gegenteil zementiert das vermutlich alles teils rückschrittliche Entwicklungen sogar. Denn immer dort, wo für eine gesellschaftliche Gruppe ein Feld aufgemacht wird, sieht eine andere, dass das ihre beschnitten wird.

In dieser Vielschichtigkeit ist "Modus" grandios. Und hochaktuell. Und zusätzlich auch noch ein spannender Psycho-Krimi, eben ganz skandinavisch.

 

Thema Homosexualität bei den meisten Rezensionen komplett ausgeblendet

 

Umso erstaunlicher, dass "Modus" in deutschen Medien so wenig besprochen wurde. Und wenn dann nur dieser letzte Entertainment-Aspekt. Einige Kritiken erwähnen noch nicht mal das Wort "Homosexualität" in der Handlungsbeschreibung - und stellen erst recht keine Bezüge her, was die Serie dadurch eigentlich erzählen will, also auch Bezüge zur Realität des gesellschaftlichen Backlashes, wie wir ihn in einigen Ländern leider haben - und wie sich als Elite fühlende religiös motivierte Gruppierungen oder gar Parteien dieses Meinungsklima zunutze machen.

 

Wir brauchen mehr solche Serien. Auch aus rein deutscher Produktion.

 

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Di

10

Jan

2017

Patti Smith: Kaffeebraun zäh und melancholisch

 

I love you“

 

Love not lightly“

 

 

Das verbindende Element ist Kaffee. Der Motor. Ohne Kaffee geht bei Patti Smith nichts. Sie kommt nicht ins Nachdenken, nicht ins Schreiben. Ihre Welt, wie sie sie in „M Train“ festhält, wird durch die Verbindung von gemahlenen Bohnen und heißem Wasser offenbar. Was wir sehen – und was sie vorher durch ihre Brille gesehen hat - , ist eigentlich immer durch einen Becher Kaffee gesehen. (Mehr wunderbare Kaffee-inspirierte Geschichten von Patti Smith gibt es übrigens hier.)

 

Ein Tag im New Yorker Leben von Patti Smith startet im Café' Ino, ihrem Lieblingscafé um die Ecke ihrer Wohnung. Dort sitzt sie immer am selben Tisch, immer mit schwarzem Kaffee, meistens mehrere Tassen. Und überlegt. Und schreibt.

 

Selbst eine Menge ihrer anderen Reisen, um die es in „M Train“ geht, sind durch Kaffee motiviert. Mal ist sie auf der Suche nach dem Ursprung des Kaffees, mal bringt ihr Kaffee einen neuen Ort nahe.

 

Sie ist fasziniert von Murakami (naja, wer ist das nicht?). Liest in ihrem Café – bei Kaffee natürlich – „Dance Dance Dance“ („Tanz mit dem Schafsmann“), „Kafka on the Shore“ („Kafka am Strand“), „Sheep Case“ („Wilde Schafsjagd“) und „The Wind-up Bird Chronicle“ („Mister Aufziehvogel“), das sie nicht mehr loslässt und das sie mehrmals hintereinander liest. Warum? „The fate of a certain property“ und wie Murakami es beschreibt, gibt Smith an. Weil sie selbst auf der Suche ist. Später wird sie die Ausgabe von „The Wind-up Bird Chronicle“ verlieren – zu dem Zeitpunkt, an dem sie etwas anderes findet: a certain property of her own. Ihr Stück Eigentum, ein Haus an der Küste.

 

"M Train" ist ein autobiografisches Buch, aber es erzählt keine lineare Biografie chronologisch nach. Und das macht es so schwer, mit diesem Buch auszukommen. Mir machte es das sehr schwer, ich habe mehrmals unterbrochen und es letztendlich im letzten Jahr, obwohl ich mich so auf es gefreut hatte, nicht zu Ende gelesen. „Just Kids“ war eine Offenbarung gewesen, und ich konnte mich kaum gedulden, bis „M Train“ erschien. Aber hier ist alles anders. Während „Just Kids“ von der wunderbar schmerzhaften Beziehung Smiths zu Robert Mapplethorpe erzählte, von den harten Zeiten in den 60ern und 70ern in New York, von einem Kunstbetrieb, in dem nichts romantisch war, vor allem nicht für Frauen – während „Just Kids“ also von ganzen Welten sprach und so viel zumindest in meiner Sicht auf New Yorker Kunst damals im Dunstkreis von Andy Warhol im speziellen und Frauen und Kunstbetrieb im allgemeinen erhellte, bleibt „M Train“ so kaffeebraun getüncht, mal mit mehr, mal mit weniger Geschmack und Farbe.

 

Smith springt. Und klar, es ist schon interessant, was sie über Frida Kahlo denkt, über Virginia Woolf, Friedrich von Schiller, Hermann Hesse, Genet, Religion, Sylvia Plath, ... Aber das wirkt alles wie Ausschnitte aus Tagebüchern, neu reflektiert und ein wenig glatt gebügelt, garniert mit Fotografien, die sie dazu gemacht hat. Es wirkt irgendwie nicht so real und gefährlich wie alles, was sich in „Just Kids“ offenbarte. Vielleicht kann es das auch nicht, denn dies sind alles Ausschnitte aus Lebensphasen von Patti Smith, in denen sie keine finanzielle Not mehr leidet, von niemandem abhängig ist, nichts muss, alles nur kann, so wie sie es möchte und wann.

 

Und damit transportiert „M Train“ dann doch dieses Klischee von der Romantik des Kunst-Machens, das so viele Kritiker in „Just Kids“ gesehen haben und bei dem es genau darum überhaupt nicht ging. Müßiggang, Konzentration, künstlerische Arbeit muss man sich erst einmal leisten können. Vielleicht bin ich deswegen so enttäuscht und konnte das Buch nicht fertig lesen. Weil es letztendlich ein Klischee bedient und bestätigt, von dem ich froh war, dass es eigentlich mit „Just Kids“ begraben worden war. Natürlich auch verbunden mit dem Neid, dass jemand Zeit hat für all das. Wann haben wir heute noch wirklich Zeit für Gedanken, fürs Innehalten und zu schauen, ob daraus vielleicht noch etwas anderes erwächst, und wenn es nur eine neue Erkenntnis ist neben den ganzen vielen Informationen, die immer auf uns einprasseln. Oder Kunst erwächst. Ich wünschte, ich könnte ein bisschen mehr so sein wie Patti Smith in dieser Zeit. Und ich wünschte, „M Train“ würde ein bisschen mehr vermitteln, wie das geht und es nicht nur unverschämt machen, dieses In-Cafés-Sitzen-und-Kaffee-trinken-und-schreiben.

Vermutlich mag ich das Buch deshalb nicht. Schade eigentlich.

 

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Mo

09

Jan

2017

Love who you are

 

 

 

Statt Neujahrsvorsätzen ein paar einfache Regeln

 

Don't stop trying, there's always reason to go on living
I'm living as long as you can breathe
Stay clear of extremes, just say what you mean
But try not to be mean

You should say thank you often

Like your hair
Wave to strangers everywhere
Do what you're supposed to do
Don't look at what the others do

Think before you buy a car
Don't marry someone you met at a bar
There's no such thing as going too far
Love who you are

Don't be scared of what's ahead
But wear a helmet to protect your head
Be aware, say you care, don't say fair
Stay close to the hand that raised you


Watch for signs
Never waste expensive wine
Spoil your body, spoil yourself
Never cheat and share your wealth

Sing when you're glad
Close the door if you sound bad
Don't believe a man who knows he's right
Don't skip ahead, enjoy your flight

Be nice to your dog, drive slow in the fog
Convince yourself to write a song
Change clothes everyday

Call ahead when you're late
Be safe when you're planning to get laid

Read what you like
Be on your brother's side

 


It's okay to wonder why


But don't expect to understand your life

 

 

(Sarah Bettens: "Don't stop")

 

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Do

29

Dez

2016

Die Bücher des Jahres 2016

 

 


Ein alter Studienfreund von mir hat letztens auf Facebook seine Bücher des Jahres veröffentlicht. Das brachte mich auf die Idee, dass ich da auch mal drüber nachdenken sollte. Die schlechte Nachricht daran zuerst: Ich habe leider vermutlich dieses Jahr mehr über Bücher gelesen, als dass ich Bücher gelesen habe. Leider vor allem zu wenig Romane. Aber ich glaube, immerhin mehr als 2015. Und dann natürlich nicht nur neue Bücher. Dafür gab es dieses Jahr aber großartige neue Bücher. 2017 ist eine neue Chance, großartige Bücher zu entdecken.

Zu allererst: die viel gelobte Kate Tempest

Sie ist die alternative Künstlerin, auf die sich 2016 alle einigen konnten und damit eben gar nicht mehr so alternativ, da Feuilleton-Liebling: Kate Tempest. Als Musikerin und Spoken-Word-Künstlerin, wie auch als Autorin von Gedichten, die ganze Kurzgeschichten erzählen. In diesem Jahr ist auch ihr  Debütroman "The bricks that built the houses" (Deutsch: "Worauf du dich verlassen kannst") erschienen. Die Geschichte der vier Süd-Londoner Becky, Harry, Leon und Pete, die sich auch in Tempests Album "Everybody down" spiegelt. "All I ever wanted to be was good enough", sagt der Vater des langzeitarbeitslosen Pete an einer Stelle. Und genau darum geht's. Dieses gute Überleben in einer der teuersten und zugleich abgefucktesten Metropolen Europas packt Tempest in wunderschöne, oft auch schmerzhafte Sätze. Unbedingt im englischen Original lesen. "It's true if you believe it"!


Das deutsche Debüt des Jahres

Es gibt nur zwei Schreibschulen in Deutschland, das Literaturinstitut in Leipzig und den Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim, wo ich auch war, wenn auch im Mutter-Studiengang Kulturwissenschaften. Und es gibt nur zwei Lager in Deutschland, wenn es darum geht, ob literarisches Schreiben zu erlernen ist. Die Vielzahl an gleichförmiger, nabelschauender Debüts aus Hildesheim und Leipzig, die in der Masse an Neuerscheinungen nicht weiter wahrgenommen werden, geben wohl den Kritikern recht, dass es nicht langt, schreiben zu können, sondern dass man auch etwas erlebt haben muss - was als Studi mit 19 halt eigentlich einfach nicht geht.
Es gab 2016 eine Ausnahme, die damit die Regel des anderen Lagers bestätigt, nämlich dass es egal ist, ob ein Autor das, was er beschreibt, selbst erlebt hat oder nur einfach gute Ideen und genaue Beobachtungen gut umsetzen kann. Diese Ausnahme war Philipp Winkler aus Hannover, der in Hildesheim studiert hat. Sein Buch "Hool" war noch nicht erschienen, aber schon für den Deutschen Buchpreis nominiert, auf der Shortlist!

Völlig gerechtfertigt. Hier ist einer, der wieder was zu erzählen hat. Wenn auch in der Ich-Perspektive, aber mit einem gesellschaftlich brisanten Kontext. Winkler ermöglicht ein Eintauchen in eine Subkultur, die der Mainstream immer noch nicht gut genug kennt, die aber fasziniert, weil sie an der Grenze zum Illegalen lebt: Hooliganismus. Das hat man zuletzt bei Clemens Meyer in "Als wir träumten" gelesen, übrigens Leipzig, übrigens ein Debüt, das den Deutschen Buchpreis gewann, vor zehn Jahren.

 

Alle zehn Jahre eine herausragendes Schreibschulen-Debüt - krasser Schnitt, aber so lohnt das Warten, muss man sagen. Winkler schreibt mitreißend aus einer rauen Welt, die aber genug eigentlich sanfte Typen beherbergt, die alle dasselbe wollen wie wir Normalos oder die jungen Menschen bei Kate Tempest: ein gutes Leben, eine Beziehung, ausreichend Geld, ein bisschen Spaß und Abwechslung am Wochenende.


Der Überraschungsroman

Wir bleiben bei diesem Themenkomplex mit den irgendwie liebenswerten Verlierertypen und dem bisschen Kriminalität für die Suche nach dem besseren Leben. Und auch wie Kate Tempest kommt Silke Scheuermannn eigentlich aus der Lyrik, hat aber jetzt mal wieder einen Roman veröffentlicht. Und was für einen! "Wovon wir lebten" ist mein absoluter Lieblingsroman dieses Jahres.

Der Frankfurter Marten kommt aus einem problematischen Elternhaus. Seine Mutter säuft, seinem Vater ist alles egal, leider auch die viel jüngere Schwester, und Marten wird in jungen Jahren als Drogen-Kurier eingespannt, so lange er minderjährig ist. Da er auch viel für Sex übrig hat und schöne Frauen, gibt es auch die ein oder andere Schlägerei, und Marten wandert zwischendrin auch mal ein paar Tage in den Bau. Bei der Resozialisation trifft er Peter, der Martens Koch-Talent entdeckt. Die Beiden machen ein Restaurant auf, Marten als Underdog wird bald der neue Star der Ausgeh-Szene der Banken-Metropole. Aber dann holt ihn doch noch die Vergangenheit ein. So weit die Geschichte von Scheuermanns neuem Roman. Ziemlich klischeehaft, dann noch auf Backstein-Größe erzählt – man vermutet schlimme verfloskelte Zähigkeit eines modernen Bildungsromans. Aber nein, die Wahl-Offenbacherin, die sonst eher in der Lyrik zu Hause ist, erzählt mit Witz und Einfühlsamkeit eine Geschichte über das Erwachsen-Werden, wie sie zuletzt die Herren von der Kategorie eines Jonathan Franzen nicht mehr hinbekommen haben. Da läuft nicht nur Rhein-Main-Fans das Wasser im Mund zusammen.


Der Klassiker, der leider nicht für den Buchpreis nominiert war

Mir ist der etablierte Literaturbetrieb recht egal. Aber eine Sache verstehe ich absolut nicht: dass Juli Zeh mit "Unterleuten" nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Dieses Buch hat alles richtig gemacht: aktuelle, gesellschaftsrelevante Themen, interessante Charaktere, den Geist der Zeit (andere sagen: das gesellschaftliche Klima) eingefangen, Spannung, ohne opulent zu wirken, eine Entwicklung gemacht, ohne selbstreferentiell zu nerven oder sich in Geschlechterbildern zu ergehen, wie es die amerikanischen alten Herren gerne machen. Nicht mein Lieblingsroman, aber mit Sicherheit der wichtigste Roman des Jahres. Und wer wie die FAS-Wirtschaftsredaktion denkt, es gehe nur um Windkraft, der hat es nicht verstanden.


Der Popkultur-Klassiker

(den ich noch nicht gelesen habe). Was, spinnt die, die empfiehlt ein Buch, das sie noch nicht gelesen hat!? Ja, weil Thomas Meinecke mit seinen Cultural-Studies-Bricolage-Sampling-Romanen einfach schon seit Jahren brillant ist und den Nagel auf den Kopf trifft. Naja, eher mehrere, also ganz viele Nägel erst einmal vereint, bevor er sie schlägt. Das neueste Werk dieser Art heißt "Selbst" und ist, glaube ich, inzwischen das sechste dieser Art. Es geht, wie immer, irgendwie um alles: alte Kulturtechniken und neue Kulturen, Konsum, Sex, Gender, Homosexualität, Gentrifizierg, Mode, Feminismus, Drag, Soziologie, Kapitalismus, Strukturalismus, Erwachsenwerden, Musik, ..... Und im Sampling auch ums Sampling itself. Ich freu mich drauf. Jeder sollte seinen Meinecke gelesen haben. Denn jeder liest Meinecke anders, und auch das ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Literatur, die nicht nur gibt, sondern auch fordert.


Ground Control to Major Tom

David Bowie ist wie so viele ganz Große 2016 leider gestorben. No ground control anymore. Aber mit einem populären Wissenschaftsbuch aus England kann man trotzdem ins Weltall fliegen. Ich habe in Darmstadt, Home to ESOC, European Space Operations Centre, gelebt. Da begeistert man sich früher oder später für Raumfahrt. Oft ist vieles der Materie aber dennoch total kompliziert, und wenn man nicht ständig einen leidenschaftlichen ESA-Mitarbeiter an seiner Seite hat, der einem die Sterne quasi runterholt auf die Erde und alles vereinfachend erklärt, ist man aufgeschmissen. Auch gibt es gute Bücher, die populärwissenschaftlich unterhaltsam erklären können, eher nicht in Deutschland. Im südhessischen mairisch-Verlag ist aber eins erschienen dieses Jahr. "SPACE - Eine Entdeckungsgeschichte des Weltalls" erklärt einfach und doch spannend und umfangreich, wie und warum Planeten sich bewegen und warum uns das seit Jahr und Tag so fasziniert. Das kurzweilige Sachbuch ist die Übersetzung von "The Secret Life of Space" der Astronomen und BBC-Weltraum-Experten Heather Couper und Nigel Henbest, das 2015 erschien. Übersetzt hat es Daniel Beskos - mit dankenswert supersuperwenigen Fußnoten.


Das wiederentdeckte Buch

Apropos populärwissenschaftliche Bücher aus England: "Man walks into a Pub" des britischen "Bier-Papstes Pete Brown ist zwar schon vor längerem erschienen, aber ich habe es (und seine nachfolgenden Bücher zu Bier) aber 2016 entdeckt, dank der Empfehlung eines guten Freundes. Brown umreißt auf anekdotenreiche, witzige Art nichts weniger als die Kultur- und Sozialgeschichte des Trinkens seines Heimatlandes von "schon immer" bis zur Craftbier-Revolution jetzt (mehr über Craftbier und Bier allgemein übrigens auf meinem anderen Blog drüben). Information wird in lebendige Geschichten eingeteilt, so dass man das Gefühl hat, man würde mit Pete bei ein bis 13 Pints in einem der wiedererstarkten viktorianischen Pubs sitzen und einfach nett plaudern. Mal abgesehen davon, dass man generell zu Bier viel lernt, wird deutlich, warum Trinken und vor allem das Trinken in Pubs für die Briten viel mehr ist als nur Alkoholkonsum. Auch wenn viele Briten auch heute noch ein gespaltenes bzw. "Mir-doch-egal-Hauptsache-Bier"-Verhältnis gegenüber Ale haben. Aber ich bin sicher, das ändert sich 2017.


Noch mehr für Neubierige

Wir bleiben beim Gerstensaft. Denn es sind dieses Jahr wirklich gute, neue Bier-Bücher erschienen. Obwohl:

Eigentlich ist schon alles gesagt über Bier hierzulande. Und am Ende hat sowieso jeder in Franken zum Gerstensaft eine eigene Meinung und einen eigenen Geschmack. Weil die Sache mit Franken und dem Bier aber eine schier unendliche Liebesgeschichte ist, haben sich in diesem Jahr erneut vier unerschrockene Hopfen-Ritter auf den Weg gemacht und in alten und neuen Brauereien und Gasthäusern todesmutig bis zur Trunkenheit erforscht, was der Franke unbedingt noch kennen muss außer dem Bier von nebenan.

 

Zum einen waren Anders Möhl und Elmar Tannert in wechselnder Begleitung unterwegs, um das eigentlich unmögliche Unterfangen zu bewerkstelligen, aus mehr als 300 Brauereien für "33 Biere. Eine Reise durch Franken" die besten 33 Biere herauszusuchen. Natürlich sind sie gescheitert. Aber zu den ausgewählten erzählen sie stets eine Geschichte, aus Kulturgeschichte, Kulinarik oder Lokalkolorit. Da verzeiht man als Bier liebende und lesende Frau auch so manche unnütze „überblümelige“ Ausschmückung oder Ausdrücke wie „die vollbusige Kellnerin“. Und auch das Vorwort von Matthias Egersdörfer hätte es zur Adelung nicht unbedingt gebraucht.

Martin Droschke und Norbert Krines hingegen erforschten für den "Craft-Beer-Führer Franken" die neue fränkische Welt der Craftbiere, jener stärker gehopften Aroma-Bomben, die so angesagt sind und dem Bier vor allem in Großstädten bei jungen Menschen zu neuem Ansehen verhelfen. Sage und schreibe 56 Orte, darunter auch altbekannte, die jetzt was Neues machen, werden in liebenswürdigen Porträts vorgestellt, zusätzlich gibt es nutzwertige Tipps für noch mehr Bieriges in Franken. Und es wird klar: In Franken war schon vieles „Craft“, also handgemacht, bevor es den Hype gab. Der Überblick macht aber Lust, auch die älteren Biere neu zu entdecken. Beide Bücher also lesenswert, bei einem Seidla sowieso.


Und dann hab ich auf dem Städtetrip nach Wien auch noch eins entdeckt (übrigens gibt's in Wien den größten Craft Beer Store Europas, mit begehbarem Kühlschrank, so was will ich auch!): "Na pivo - Eine mährisch-böhmische Bierreise" von Beppo Beyerl. Der schreibt sonst über Wien und die Wiener. Jetzt hat er mal in Tschechien das gemacht, was er sonst zu Hause macht, nämlich Bier trinken und die Leute dort porträtieren, Wirtshäuser, Bahmhöfe, wichtige Plätze besuchen, schauen, was die Leute bewegt und wie sie ihr Bier konsumieren und herstellen. Klar, dass das nicht nur für jeden bierinteressierten Österreicher Pflichtlektüre ist, sondern auch für einen Oberfranken und sonstigen Hobbytrinker aus deutschen Landen. Allerdings hat Beyerl bei seiner letzten Station Pilsen eine entscheidende Brauerei vergessen: Raven des Australiers Filip Miller (seine Mutter ist Tschechin). Aber man kann ja noch mehr Bücher schreiben und noch mehr bierreisen.


Und zum Schluss for something completely different

Es kann nur ein essayistisches Sachbuch geben 2016, das in eine Hitliste gehört: "Gegen den Hass" von Carolin Emcke. Weil Rassismus, Fundamentalismus und gesellschaftliche Phobien demokratiefeindlich sind und wir alles tun müssen, damit der Hass nicht noch mehr an Boden gewinnt. Emcke hilft wie immer mit ihren Büchern zu verstehen. Verstehen, um ein Handeln zu entwickeln. Denn wir haben nur ein Leben. Ziviler Widerstand, jetzt!

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Di

17

Jan

2017

Die Angst vor Fake News

 

hätte schon viel früher in Deutschland einsetzen müssen.

 

 

 

 

 

Wahr ist an einer Geschichte immer nur das, was der Zuhörer glaubt.

 

 

Hermann Hesse in „Heumond“

 

 

 

 

 

Von Trumps Wahlkampf waren nun jetzt alle erschrocken. Die Fake News sprudelten nur so – und brachten mit Hilfe von Manipulationen Republikaner-Stimmen. Analysen dazu kamen, auch in amerikanischen Medien, seltsamerweise aber erst spät, nämlich erst NACH der Präsidentschaftswahl.

 

So besuchte ein kleines Medium in den USA einen der größten Fake-News-Macher, BuzzFeed besuchte dann auch einen, dann veröffentlichte „Das Magazin“ aus der Schweiz seine Reportage zu Trumps Wahlkampf mit Hilfe von Cambridge Analytica. Anfang des Jahres veröffentlichte BuzzFeed eine Hitliste der „erfolgreichsten“ Fake News auf Facebook (ob das nicht auch noch mal ein Push für genau die ist, müsste man übrigens auch mal diskutieren).

 

Und nachdem man hier „Breitbart“ entdeckt hat, gibt es dazu auch schon den ersten Skandal, der eine entsprechende Analyse nach sich zieht. Andere überregionale Medien ziehen nach, das Thema „Breitbart“ will man nicht nur einem überlassen, und man muss sich schon fragen, ob es dabei noch um die Entlarvung eines Portals und seiner Strukturen geht oder nicht eher darum, die Welle der Entrüstung jetzt einfach mitzureiten. Denn vorher war man ja auf dem rechten Auge mit Blick aufs Digitale schon ein bisschen blind, schließlich gibt es in Deutschland schon länger Webseiten, die Tatsachen verdrehen und damit gerade in der Flüchtlingsfrage Stimmung machen.

 

 

 

Angst vor Programmatic Advertising

 

 

 

Auch mit den Mechanismen von Online-Werbung begann man sich dann erst zu beschäftigen, angeregt durch die Kampagne „Kein Geld für Rechts“. Komischerweise fiel in dieser ganzen Diskussion nie „OMS“ oder der Name einer anderen Vermarktungsgesellschaft, viele Kolleg_innen glauben bis heute, dass die Werbung insgesamt individuell ist und vor allem individuell in Auftrag gegeben wurde/wird.

 

 

 

Der andere Teil der Branche redet jetzt angsterfüllt über Programmatic Advertising und Prorammatic Campaigning, manch ein traditioneller Print-Journalist, der sich vorher schon kaum gekümmert hat, wie die Werbe-Finanzierung der Website seines Arbeitgebers eigentlich funktionieren kann, hört diese Worte wohl jetzt zum ersten Mal und ist konfrontiert mit der sehr bitteren Erkenntnis, dass Inhalte, vor allem seine qualitativ hochwertigen Inhalte, im Wahlkampf zur Bundestagswahl höchstwahrscheinlich gar nichts zählen könnten, weil viral gehende Fake News und sie unterstützende Netz-Kampagnen viel stärker sind, sein könnten.

 

 

 

Es ist sogar die Rede von Programmatic Journalism. Und dass der auch eine Chance sein kann. Roboterjournalismus gibt es schon – die Wetter- und Sport-News müssen keine Menschen mehr generieren, und diese haben damit mehr Zeit für investigative Geschichten, heißt es. Und Nachrichten passgenau aufs jeweilige Medium zuzuschneiden und auszugeben in den jeweiligen Kanal. Volker Schütz, Chefredakteur der Verlagsgruppe Deutscher Fachverlag, die den „Horizont“ herausgibt, sieht in seinen fünf Trends für 2017, die eigentlich eher Mini-Kommentare zum jetzigen Stand des Journalismus sind, darin sogar eine Chance für die einzelne Medien-Marke. „Progammatic Journalism ist nicht das Ende des kritischen Journalismus, sondern hat das Potenzial, neue Leser zu gewinnen, neue Erlösmodelle in Gang zu setzen, eine Medienmarke zu stärken. Vorausgesetzt, Medien investieren noch stärker in Big Data“, schreibt er zum Jahresanfang. (Die neuen Erlösmodelle würden mich genauer interessieren, aber da geht’s leider nicht weiter.)

 

 

 

Hier haben wir aber das nächste Problem, eigentlich gleich zwei: Verlagshäuser investieren erstens ja schon kaum in die Digitalisierung oder haben das zumindest in den letzten fünf Jahren nur vereinzelt getan, je nach Konzerngröße und -Zugehörigkeit. Und zweitens ist Big Data da kein Allheilmittel, sondern macht uns auch angreifbar, wenn wir ganz selbstverständlich all das nutzen, was uns die Digital-Riesen so vorgeben: Redaktionsalltag wird über Google Calendar und Slack organisiert, fast jeder hat einen WhatsApp-Chatbot, der die Nachrichten aufs Smartphone und auf Facebook über Messenger bringt, viele von uns nutzen Instant Articles und Cloud-Dienste. Und machen sich keine Gedanken über Sicherung der Daten und Verschlüsselung. Wir kritisieren die Vorherrschaft der drei Großen im Digitalen und hängen uns selbstverständlich mit dran. Wenn man da gehackt wird, uns Daten geklaut werden oder unser Content zweckentfremdet wird – da braucht man sich eigentlich nicht wundern, oder? „Content is immer noch king“ ist da einfach irrelevant.

 

 

 

Ansätze daraus für die Praxis?

 

 

 

Und es bleibt bei all diesen Thesen und frommen Wünschen immer eine Frage leuchtend übrig: Wie gehen wir praktisch damit um? Analyse ist schön und gut, aber wenn sich daraus keine Handlungen ableiten lassen, dann bringt uns das in unserem immer schneller und komplexer werdenden Journalismus-Alltag überhaupt nichts. Dann werden wir weiterhin überrollt von Mechanismen à la Fake News oder hecheln Big Data hinterher, gerade in mittelständigen Regional-Verlagen. Denn: Konzern-Konzentration nimmt immer noch weiter zu. Man kann nur eine Haltung haben und diese auch bewahren, wenn man die Zeit und Unterstützung dazu hat. Der Durchschnitts-Nachrichten-Arbeiter formally known as Redakteur hat keine Zeit, sich da groß erst drüber zu unterhalten und Maßnahmen zu analysieren und auszuwählen. Jedenfalls nicht in der Arbeitszeit.

 

 

 

Dass Medienkompetenz fehlt, wussten wir schon vorher

 

 

 

Und sorry, dass wir zunehmend einen „Snippet-Journalismus“ haben, dass junge Menschen nicht mehr Primärquellen lesen, sondern ihre Nachrichten über Facebook, Empfehlungen von Freunden etc. empfangen und es auch dadurch immer schwieriger wird, Echtes von Falschem zu unterscheiden, das wussten wir vorher schon.

 

Seitdem ich im Online-Journalismus tätig bin, und das sind schon zehn Jahre, gibt es den Ruf nach Medienkompetenz, vor allem mehr Medienkompetenz für junge Menschen. Bisher habe ich noch nicht gesehen, dass Politik, Institutionen oder auch wir in den Medien darauf gute Antworten und vor allem Maßnahmen hatten. Über die weitere „Medien-Verrohung“ und die Entwicklung von Hate Speech und Fake News im Jahre 2016 braucht sich also keiner wirklich wundern.

 

 

 

So wie wir uns immer den Kommunikationsprozess erklärt haben – das funktioniert nicht mehr

 

 

 

Zum anderen kommt meiner Meinung nach hinzu, dass Hate Speech und Populismus neuzeitige Ausdrücke von Distinktion und gleichzeitig Zugehörigkeit sind. Herkömmliche Modelle, die uns immer den Kommunikationsprozess erklärt haben, die uns Journos dabei auch sicher gewogen haben in dem, was wir tun und wie wir es tun, funktionieren nicht mehr. Vielleicht haben sie das sogar nie, aber es war uns egal. Viele haben beispielsweise weiterhin an die Gatekeeper-Funktion geglaubt. Jetzt sind wir doppelt hilflos. Und weil das alles auch ein gesellschaftlicher Mechanismus ist, sollte es also auch die Soziologie dringend interessieren.

 

 

 

Der Hass hat nicht erst 2016 zugenommen

 

 

 

Für viele ist 2016 das Jahr, in dem der Hass das Internet erobert hat. Das stimmt aber nicht. Es war 2014. Weil sich Meinungen da schon verstärkt und Menschen zusammengerottet haben, die ohne Rücksicht auf Verluste andere regelrecht stalken und diffamieren. Es gab 2014 drei Fälle in meinem Umfeld. Beispielsweise hier einer erklärt: Ein ESA-Mitarbeiter wurde angegriffen wegen angeblichem Sexismus und auf allen möglichen Kanälen im Netz gestalkt. Es gab dabei eine Verbindung zur Gamer-Szene, daher wurde das Ganze so unfassbar groß und fies. Da wäre sehr, sehr viel justiziabel gewesen – und das übrigens auch von Frauen. Da gab es Frauen, die ihm Misshandlungs-, Vergewaltigungswünsche und Morddrohungen ausgesprochen haben. Die sich die Mühe gemacht haben, über diese ganze, mehrere Wochen währende „Debatte“ Storifys zusammenzusetzen und Videos für YouTube – nur zur Diffamierung!

 

Tendenziell sind vielleicht mehr Männer Trolle und/oder hassend und bedrohend im Netz unterwegs, in diesem Fall haben sich aber selbsternannte Feministinnen nicht vom anderen Geschlecht unterschieden in Grausamkeit, Häufigkeit und Kreativität, um denjenigen runterzumachen und anzugreifen.

 

 

 

Bei den anderen Fällen ging es vor allem um Bedrohungen über die eigene Website und Twitter. Twitter ist meiner Meinung nach ebenfalls 2014 zu einer wahnsinnigen Hassmaschine geworden (dennoch möchte ich persönlich nicht auf Twitter verzichten, ich habe über Twitter auch wunderbare Menschen kennen gelernt, die ich sonst nie getroffen hätte). Eine Person, die einfach als Kämpferin für Gleichstellung zu bezeichnen ist, ist erst nach ein paar Monaten und dann unter anderem Namen zurückgekommen, die andere ist nach Angriffen auf dem rechten Spektrum seitdem raus aus dem virtuellen Leben, war meines Wissens in psychologischer Behandlung und ist bis heute nicht zurückgekommen, hat sogar nicht nur Twitter-Account, sondern auch Blog und Website gelöscht.

 

 

 

Und wenn man auch noch aktuelle Beispiele möchte, dann taugt das der britischen Feministin Lindy West sehr gut. Hier im „Guardian“ schreibt sie selbst, warum sie Twitter verließ.

 

 

 

Und daher würden jetzt auch alle etablierten Medien, die Angst vor „Breitbart“ in Deutschland haben, gut daran tun, sich auch für die anderen Populismus- und Fake-News-Mechanismen zu interessieren, die es schon längst gibt. Und zwar jenseits von „Tichys Einblicken“, einem Henryk M. Broder und der „Achse des Guten“, die (neue) Populismus-Plattformen 2017 etablieren, wie Frank Zimmer von W&V befürchtet. Da hat sich schon einiges etabliert.

 

 

 

Ich möchte auch niemandem etwas unterstellen, viele haben es vielleicht einfach nicht gemerkt, weil es, wie richtig auf netzpolitik.org steht, eigentlich ja darum ging, „die demokratische Meinungsbildung vor Manipulation zu schützen. Doch jetzt ist die Fake-News-Debatte selbst zum Risiko für Presse- und Meinungsfreiheit geworden.“

 

 

 

Geht es zum Beispiel um Gender, Homosexualität, Religion und Flüchtlinge, dann hatten und haben wir schon seit mehr als zwei Jahren ein Fake-News-Universum, nämlich mit Webseiten wie PI-News und denen, die alle zum Medien-Portfolio von Sven von Storch gehören, Ehemann der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch, und in dieser Konstellation auch gut vernetzt mit der Neuen Rechten und der „Demo für alle“-Bewegung, die Beatrix von Storch einst mitgründete und die jetzt das Ex-CDU-Mitglied Hedwig von Beverfoerde angeblich alleine organisiert – auf deutscher und seit Juni 2016 auch auf europäischer Ebene.

 

Vieles, was auf diesen Webseiten zu lesen war und ist, beruht zwar auf realen Ereignissen, ist aber verdreht dargestellt oder unterschlägt wesentliche Teile der Information. In Bezug auf die neuen Lehrpläne in vielen Bundesländern, die Aufklärung über sexuelle Vielfalt beinhalten, wurden und werden bewusst Falschinformationen gestreut. Teil des Problems: Die Webseiten sind in Chile registriert.

 

 

 

Auch in der eigenen Branche gibt es eine Brille

 

 

 

Das wurde aber innerhalb der Branche überhaupt nicht wahrgenommen. Zu viel wird hier noch durch unterschiedliche Brillen betrachtet. Klar, Journalist_innen sind eitel, man verkauft auch immer gleichzeitig sich selbst und möchte gerne die Deutungshoheit über die Dinge für sich beanspruchen, vor allem, wenn man ein Thema selbst entdeckt hat. Und dann kommt noch manchmal das Männer-Frauen-Ding dazu.

 

So schreibt Stefan Winterbauer auf meedia.de über die Social-Media-Fälle Roland Tichy bei Xing und den #lauerleak, bei dem Ex-Pirat Christopher Lauer einen Sparkassen-Mitarbeiter öffentlich auf Twitter als AfD-Wähler outete und damit einen Shitstorm auslöste, als würden wir zum ersten Mal einen – Zitat – „asozialen Social-Media-Mob“ erleben, der nur am Trollen und Hassen interessiert ist, eine echte Debatte verhindert und außerdem Folgen für das „echte Leben“ hat. Ach. Überraschung! Nicht.

 

 

 

Im übrigen müsste man der Vollständigkeit halber auch noch die Frage stellen, ob bei den beiden angesprochenen Fällen die Urheber Tichy und Lauer eigentlich selbst eine Debatte wollten oder nur Provokation, denn warum macht Lauer das direkt über Twitter öffentlich, anstatt nicht erst einmal der betroffenen Kreissparkasse eine Anfrage per Mail zu schicken? Und Tichy hatte nicht nur bei Meedia die Möglichkeit, sich selbst zu erklären, tat es aber nicht. Auch das also Teil der Aufmerksamkeits- und Aufregungsmechanik, in der dann wiederum ein anderer Journalist, in dem Fall also Winterbauer, noch mal erklären muss, wie die ganze Sache zu sehen ist. Ein bisschen mit erhobenem Zeigefinger, aber Lösungen hat er freilich auch keine, wenn er am Ende schreibt: „Es ist dringend an der Zeit, dass wir die Art, wie wir online miteinander umgehen, in zivilisiertere Bahnen lenken. Nur wie?“ Einen Punkt hat er dabei auch vergessen: Es wird eben nicht nur Online so miteinander umgegangen. Online ist nur ein Verstärker dieser Grabenkämpfe. Hat man vielleicht nur vorher nicht unbedingt mitbekommen – oder als Journalist_in auch nicht nachgefragt. Das würde auch wiederum Fragen an den eigenen Umgang damit stellen.

 

Als zu Silvester die Flüchtlingsdebatte erneut hohe Wellen schlug, haben Spiegel Online und wir beim Nordbayerischen Kurier uns dazu entschlossen, die Kommentar-Funktion für die betroffenen Artikel zu sperren, weil wir nicht Herr der Lage wurden und es außerdem keine Debatte gab. Dies in der Facebook-Gruppe für Online-Journalisten innerhalb des DJV gepostet und nach dem Umgang der Kolleg_innen damit gefragt, gab es keine Reaktion. Muss ich daraus schließen, dass das Interesse am praktischen Umgang damit und dem Austausch darüber nicht vorhanden ist? Bei über 80 Leuten in der Gruppe? Mich interessiert nach wie vor, wie andere das handhaben und wie sie das diskutieren. Vielleicht ist das aber nicht öffentlichkeitswirksam genug, und man schaut lieber auf die Polizei.

 

 

 

Aber, auch so ein Beispiel, polizeiliche Verfolgung von Falschbehauptungen etwa gab es ja auch schon vorher und nicht erst, seitdem die Polizei Rosenheim öffentlichkeitswirksam, auch auf Twitter, herausgegeben hat, dass sie das nun konsequent macht. Eine Selbstverständlichkeit polizeilicher Arbeit, so wie die Recherche dazu selbstverständliche journalistische Arbeit sein sollte. Es wird in Zukunft sogar eher darum gehen, wie Polizei und Journalist_innen dabei zusammenarbeiten (können). Wir brauchen uns hier gegenseitig, mehr als je zuvor. Auch, um zu analysieren und zu erklären, was ein Missbrauch ist, weil es Fake News sind, die da verbreitet werden, und wann es sich um Kriminalität handelt.

 

 

 

Nicht immer sind Fake News Populismus

 

 

 

Denn nicht immer werden Fake News in populistischer Absicht verbreitet. Es gibt ja auch noch die Fälle von Identitätsklau, um damit Geld zu erpressen und/oder an persönliche Daten und Telefonnummern zu kommen, gerade auf Facebook. Oder die Problematik, dass mit Fake News und entsprechenden Verlinkungen auf Porno-Seiten umgelenkt wird oder ein Virus aktiviert wird.

 

Ein aktueller Fall in Südhessen, wo eine Politikerin genau so einen Identitätsklau mit ihrem Facebook-Profil für einen populistischen Angriff noch vor dem Wahlkampf hielt, macht deutlich, wie wichtig da unsere Aufgabe der Aufklärung ist und noch immer sein wird.

 

Lasst uns nicht darüber reden, dass. Sondern wie. Die neueste Ankündigung von Facebook, sich Partner zum Identifizieren von Fake News zu suchen, für deren Arbeit man aber nichts zahlt, ist für mich keine reale Auseinandersetzung eines digitalen Großkonzerns mit einem der aktuellsten gesellschaftlichen Probleme. Wir werden es selbst machen müssen. Das ist unser Job 2017.

 

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Fr

13

Jan

2017

"Modus" - der Mörder ist nicht in uns allen

(aus der Ausstellung "Homosexualität_en" in Berlin 2015)

 

 

Nicht jede_r ist so tolerant wie Homer Simpson bzw. seine Macher. Gerade wurden erste Ergebnisse einer umfassenden Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes veröffentlicht, die Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland abfragt (Download hier; die komplette Studie wird irgendwann im Frühjahr veröffentlicht).

 

Die gute Nachricht an den Ergebnissen: Über 80% der Deutschen sprechen sich für die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule aus. Und - in your face, AfD und "Demo für alle": "Beim Thema Bildung und sexuelle Vielfalt befürwortet eine klare Mehrheit von 89,6 Prozent das Ziel, in Schulen Akzeptanz gegenüber homo- und bisexuellen Personen zu vermitteln. Sieben von zehn (70,6 Prozent) weisen die Aussage, das Ansprechen von sexueller Vielfalt in der Schule verwirre die Kinder in der Entwicklung ihrer Sexualität, eher oder vollkommen zurück."

Aber: Je niedriger der Bildungsgrad der Befragten und je näher das Thema Homosexualität an den eigenen Lebensbereich reicht, desto intoleranter sind die Menschen. Und sicherlich geben sie das nur innerhalb so einer anonymen Befragung zu, denn ansonsten ist es durchaus auch nicht political correct, Lesben und Schwule komisch zu finden und ihnen nicht gleiche Rechte zuzugestehen.

 

Man kann nur ahnen, dass eben genau mit Aufkommen der rechtskonservativen Bewegungen in Europa, etwa "Manif pour tous" und dann "Demo für alle" und AfD in Deutschland, diese Menschen in den letzten 3 bis 4 Jahren eine neue Heimat gefunden haben, eine Heimat für ihr Gefühl des "Ich hab' ja nix gegen die, aber..." und "Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen". Auch gesellschaftlich-intellektuell in die Öffentlichkeit gebracht durch Leute wie Akif Pirincci, Thilo Sarrazin, Birgit Kelle oder Udo Ulfkotte, die fleißig gegen Gender und sexuelle Vielfalt anschreiben.

 

Nicht jede_r radikalisiert sich dadurch auch, klar. Aber wie weit es gehen kann, wenn diese Meinungen in einer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft trotzdem am Sieden sind, zeigte Ende des just vergangenen Jahres 2016 die skandinavische Serie "Modus - Der Mörder in uns", die ab Ende November im ZDF ausgestrahlt wurde. Sie ist aber auch noch, und zwar zusätzlich in der schwedischen Original-Version, in der ZDF-Mediathek verfügbar. Es handelt sich dabei um die TV-Adaption der "Vik/Stubø"-Buch-Serie der lesbischen Schriftstellerin Anne Holt, die in ihrem Heimatland Norwegen auch mal Justizministerin war.

 

Kein "Who-dunnit", sondern ein "Why-dunnit"

 

Ich habe die Bücher nich gelesen und so ein bisschen gebraucht, bis ich raus hatte, dass es um Hass auf Homosexuelle und eine fanatische Sekte geht. Und genau dies ist ziemlich genial. Eine gewisse Raffinesse schreibt man skandinavischen Serien ja ohnehin zu und erwartet sie auch. Aber wie subtil die Erzählung geöffnet wird, dass erst einmal weder Motiv, noch Zusammenhänge zwischen den einzelnen Morden klar sind, das ist schon ziemlich gut und spannend gelöst. Den Zusatz "Der Mörder in uns" finde ich persönlich dabei lediglich unpassend, denn er suggeriert, dass jede_r von uns solch einen Hass entwickeln kann, dass er oder sie zum Mörder wird - und die Morde in "Modus" sind ziemlich gut geplant, ziemlich brutal und kompromisslos und ziemlich zielgerichtet durchgeführt. Es sind dennoch "Hate Crimes", aber die Opfer sind mehr nicht zufällig als zufällig. Es geht dem Täter oder vielmehr der Täter-Gruppe um einen ganz bestimmten Kreis von (besser gestellten) Lesben und Schwulen in Uppsala und Stockholm.

Und damit wird ein Bezug geschaffen zur europäischen Realität von Homo-Hass, der auch Neid auf beruflichen und sozialen Status von Lesben und Schwulen beinhaltet, der sich daraus speist, dass eben nicht alle gleich sind und man vor allem, wenn man selbst eher zu den unteren Zehntausend gehört, auf gar keinen Fall einer Minderheit Gleichstellung und gleiche Rechte gönnt.

 

Schaubild lesbischer und schwuler Lebenswirklichkeiten

 

Auch wird das teilweise bei den Opfern selbst deutlich, und das ist ein weiterer interessanter Punkt der Serie. Da ist die Bischöfin, die sich in ihrem Amt für Lesben und Schwule einsetzt, die aber nicht stark genug ist, selbst zu ihrem Lesbisch-Sein zu stehen und mit Freundin und schwulem Ehemann über Jahrzehnte ein Doppelleben führt, bis sie ermordet wird und alles rauskommt - was noch nicht mal ihr Sohn wusste, der sozusagen gezwungen wurde, mit der großen Lebenslüge seiner Eltern aufzuwachsen.

Da ist das schwule Paar mit Altersunterschied, einer von ihnen ein großer Reeder, das zusammen mit einem lesbischen Paar schon ein Kind hat und jetzt noch eines bekommt - die beiden Frauen Schauspielerin und Politikerin. Alle Vier zwar gesellschaftlich engagiert, aber irgendwie auch in ihrer Privilegiertheit von anderen gesellschaftlichen Realitäten entfernt.

Dann ist da der junge Schwule aus einfachen Verhältnissen, der noch nicht bei seiner Familie geoutet war und doch nichts sehnlicher wollte, als einfach glücklich sein und einen Platz haben, der Heimat ist - und wenn das nur der queere Club ist, in dem er in der Küche arbeitete, gesellschaftlich "unschuldig", quasi, der Junge.

 

Hass hat eine Dynamik - und das bedroht letztendlich die Gesellschaft

 

Die Dynamik des Hasses wird sogar aufgegriffen: Nach den ersten beiden Morden wird nicht weit von besagtem Club ein jüngeres lesbisches Paar, das sich auf der Straße küsste, von einer Gruppe junger Männer überfallen. Zuerst fragt sich die Polizei und damit auch der Zuschauer, ob es einen Zusammenhang gibt. Dann wird klar: Männlicher Machismo gepaart mit hohem Alkohol-Konsum und das gerade entstandene Klima in der Stadt, ein dummer Spruch - und dann ist es nicht weit bis zum Hieb oder Tritt. Auch das ist real, homophob motivierte Übergriffe haben in den letzten Jahren wieder zugenommen, auch in vermeintlich toleranteren Städten wie Berlin oder Köln, auch in eindeutigen Community-Vierteln oder -Straßen. Oder gerade in diesen.

 

Klar, es gibt keinen anderen Weg zur Gleichstellung, zur Toleranz und irgendwann hoffentlich auch Akzeptanz als über die Politik. Politik muss dafür sorgen, dass sich Gesellschaft verändern kann, muss Minderheiten schützen und Demokratie durchsetzen. Aber "Modus" macht auch klar: Auch in so sozialen und fortschrittlichen Gesellschaften wie den skandinavischen ist damit keine Sicherheit und das Erreichen der Ziele garantiert - im Gegenteil zementiert das vermutlich alles teils rückschrittliche Entwicklungen sogar. Denn immer dort, wo für eine gesellschaftliche Gruppe ein Feld aufgemacht wird, sieht eine andere, dass das ihre beschnitten wird.

In dieser Vielschichtigkeit ist "Modus" grandios. Und hochaktuell. Und zusätzlich auch noch ein spannender Psycho-Krimi, eben ganz skandinavisch.

 

Thema Homosexualität bei den meisten Rezensionen komplett ausgeblendet

 

Umso erstaunlicher, dass "Modus" in deutschen Medien so wenig besprochen wurde. Und wenn dann nur dieser letzte Entertainment-Aspekt. Einige Kritiken erwähnen noch nicht mal das Wort "Homosexualität" in der Handlungsbeschreibung - und stellen erst recht keine Bezüge her, was die Serie dadurch eigentlich erzählen will, also auch Bezüge zur Realität des gesellschaftlichen Backlashes, wie wir ihn in einigen Ländern leider haben - und wie sich als Elite fühlende religiös motivierte Gruppierungen oder gar Parteien dieses Meinungsklima zunutze machen.

 

Wir brauchen mehr solche Serien. Auch aus rein deutscher Produktion.

 

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