popular culture gendered mind

 

kulturjournalismus

onlinejournalismus

lokaljournalismus

Kerstin Fritzsche

Die kürzesten Wörter, nämlich "ja" und "nein", erfordern das meiste Nachdenken. - Pythagoras

Alles auf der Welt kommt auf einen gescheiten Einfall und auf einen festen Entschluss an. - Johann Wolfgang von Goethe

Leisten wir uns den Luxus, eine eigene Meinung zu haben.

 - Otto von Bismarck

 

Politik ist angewandte Liebe zum Leben.

 - Hannah Arendt

 

Journalisten sind Generalisten. Sie verstehen alles, aber alles meistens nur halb. - Claus H. Casdorff

Schweigen ist eines der am schwierigsten zu widerlegenden Argumente.
 - Josh Billings

 

Wer heute noch nicht verrückt ist, ist einfach nicht informiert.
 - Gabriel Barylli

 

Über 50 Prozent der Offliner glauben, das Internet wird vollkommen überbewertet. - ARD/ZDF-Onlinestudie 2007

Mi

22

Feb

2017

„Ellbogen“ von Fatma Aydemir: Bleibst du alleine Opfa

 

Die „tageszeitung“-Redakteurin Fatma Aydemir hat einen Roman geschrieben. Über das Dasein als türkisches Mädchen der dritten Generation in Deutschland. Und dafür gespaltene Kritik geerntet. Vermutlich, weil sie eine Frau ist und ihre Anti-Heldin in „Ellbogen“ ein Mädchen. Unerklärbare Gewalt und Chancenlosigkeit bei weiblichen Migrantenkindern – das scheint immer noch ein Tabu zu sein in Deutschland. Dabei müssen wir dringend darüber reden.

 

 

 

In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ hat jetzt am Sonntag der Korrespondent Michael Martens unter dem Titel „Für immer Türke“ die Inhaftierung des Kollegen Deniz Yücel kommentiert. Statt Solidarität zu äußern, hat er aber die Angelegenheit zum Anlass genommen, den Herkunftsjournalismus deutscher Medienhäuser in Frage zu stellen. Das Fazit, wenn man es kurz fassen möchte: Die „Welt“, also damit Springer, ist selbst mit dran schuld, dass Deniz inhaftiert ist. Denn warum schickt die Zeitung auch einen Türken in die Türkei, noch dazu einen, der betont, wie sehr er dieses Land liebt?

 

 

 

Martens stellt die Frage nach journalistischer Distanz. Das kann man tun. Es ist aber definitiv der falsche Anlass und die falsche Zeit dafür. Denn Erdogans Handeln und die Entwicklung der Türkei lassen sich wohl kaum mit distanzlosem Patriotismus einer Handvoll Medienvertreter begründen. Das kann nur zynisch wirken – und das hätte vor allem ihm als jemand, der selbst Auslandskorrespondent war, klar sein müssen. Spinnt man die ganze Sache journalistisch noch weiter, dann liefert er sogar all den Bereichen Futter, die ohnehin kritisch auf Berechtigungen zur Berichterstattung – und Richtung der Berichterstattung gucken. Zum Beispiel wird es dann für gewisse Kreise legitim zu fragen, ob denn so jemand wie ich, eine Hessin, aus Bayern und Baden-Württemberg adäquat berichten kann. Oder ob Kultur – ohnehin schon auch in den eigenen Reihen marginalisiert – echt von jemandem gemacht werden muss, der Ahnung hat, das kann doch auch gut genug irgendjemand machen, ist doch nur Kultur. Was ist dann eigentlich noch journalistisches Können, was Expertise und was Herkunftsjournalismus? Und wer entscheidet das, wann das so ist und ob das okay ist für die Berichterstattung oder nicht?

 

 

 

Migrantenkinder, die nur über Migration schreiben“ - da sagt Herr Martens „Gähn“.

 

Wie soll es denn aber anders gehen? Und wer hört sonst Migrantenstimmen und -probleme überhaupt an im Journalismus und gibt ihnen ein Forum? Mal abgesehen davon, dass „Migrantenkinder“, egal, ob sie Deutsche, Türken oder beides sind, es auch immer noch schwer haben im etablierten, männlichen, weißen Journalismus in Deutschland. Es lässt sich aus der warmen Frankfurter oder Berliner Schreibstube freilich leicht urteilen darüber, ob jemand, der sich freiwillig in kriegsähnliche Zustände begibt, denn eigentlich dafür geeignet ist oder nicht. Man sollte es aber nicht, denn im Zweifelsfall war der Lebenslauf desjenigen oder derjenigen viel steiniger und mit Umwegen verbunden, als wir Kartoffel-Journos uns das je vorstellen können. Und ich darf das sagen, denn ich bin im weitesten Sinne Arbeiterkind. Ich bin die erste in meiner Familie, die Abitur hat (und ob eigentlich alle Abi brauchen für den Journalismus ist auch so eine Frage, aber eine andere).

 

Jenseits des Journalismus musste ich mit ansehen, wie eine türkische Freundin von mir, Alevitin, nur mit Schwierigkeiten Architektin werden konnte. Und warum? Weil sie keinen deutschen Namen hat. Und es noch nicht mal jemanden interessiert hat, ob sie Deutsche oder Türkin oder beides ist. So viel zu Deutschland im 21. Jahrhundert, Herr Martens, mit inzwischen der vierten Generation nach den Gastarbeitern.

 

 

 

Neben dem Punkt, dass es Deniz nicht hilft, wenn wir uns hier in Diskussionen über Herkunft verlieren, hat mich geärgert, dass die Diskussion über Herkunft überhaupt wieder aufgemacht wird. Wäre denn ein „guter“ Türkei-Korrespondent dann nur ein Bio-Deutscher? Wär' es auch okay, wenn es ein Türke ist, der sich für den deutschen Pass entschieden hat? Geht eigentlich auch ein Araber (bei dessen Herkunftsmöglichkeiten es ja auch wahnsinnige Unterschiede und ergo Kulturen und Mentalitäten gibt, aber scheiß drauf?)? Oder kann das nur ein Deutscher, und der bitte dann aus dem Bürgertum? Was für eine Rolle spielt das überhaupt? Es ist doch nicht nur derjenige Türke, der auch einen türkischen Pass hat, vor allem in Deutschland nicht! Warum können wir in Deutschland das nicht mal hinter uns lassen, warum bricht das Problem seit den 60ern immer wieder auf? Und seit Sonntag frage ich mich, wie viele Kolleg_innen mit Migrationshintergrund eigentlich FAZ und FAS haben und über was die so schreiben (dürfen/müssen/sollen).

 

 

 

Was das alles mit dem neuen Roman „Ellbogen“ von Fatma Aydemir zu tun hat? Zum einen ist Aydemir Journalistin – was selbst 2017 wohl leider immer noch betonenswert ist, wenn man türkischer Herkunft ist. Zum anderen geht es genau darum in ihrem Debüt: Wann ist man Deutscher, wann Türke? Ist man das überhaupt eindeutig? Und was passiert, wenn einen die Gesellschaft entsprechend qua Herkunft stigmatisiert, man sich nicht emanzipieren kann und dann auch noch als türkisches Mädchen den Anforderungshaltungen nicht entspricht? Wenn man von der einen Seite zwanghaft zur Türkin gemacht wird und auf der anderen immer die Deutsche bleibt? Obwohl einem im Jahre 2016 doch alle Möglichkeiten offen stehen sollten, vor allem als Mädchen. Sagen doch immer alle.

 

 

 

Aydemir zeigt mit ihrer tragischen Heldin Hazal aus dem Berliner Wedding, dass das Gegenteil der Fall ist. Und es ist verstörend für den deutschen oder generell westlichen Leser, weil es dafür objektiv keine Erklärungen zu geben scheint. Hazal klaut kurz vor ihrem 18. Geburtstag einen Lippenstift und wird erwischt. Einfach so, nicht weil sie ihn unbedingt haben möchte. Dem Ladendetektiv, der Klischees bestätigt sieht, kann sie sich nicht erklären, will sie irgendwann auch nicht mehr. Eine richtige Ausbildung hat sie nicht, Abitur nachholen will sie nicht. Hazal ist in einer Berufsbildungsmaßnahme, die sie hasst, und jobbt ab und zu in der Bäckerei ihres Onkels. Wo sie regelmäßig Geld stiehlt, mindestens für ein Päckchen Zigaretten.

 

Zu Hause hat sie null Privatsphäre, ihr jüngerer Bruder darf alles und wird nichts gefragt, sie immer. Um zu entfliehen, geht sie ab und zu zu einem russischstämmigen Dealer, der für sie und ihre Freundinnen ein bisschen Gras gegen Gesellschaft locker macht. Und dann ist da noch Mehmet in Instanbul, den sie über Facebook kennen gelernt hat und von dem sie sich einbildet, er könnte der Mann für sie sein. Natürlich dürfen das ihre Eltern nicht wissen. Ihren 18. will Hazal mit Freundinnen groß feiern. Heimlich ausgehen. Allerdings kommen sie ins Berghain nicht rein. Auf der Heimfahrt, unter Frust, einfach so, weil er ihnen doof kommt, machen die drei Mädels einen Studenten in der U-Bahn-Station von der Seite an. Es kommt zum Streit, zum Handgemenge, zu Tritten, als der junge Mann auf dem Boden liegt, zum finalen Tritt von Hazal, der den „Studentenkörper“, wie Hazal ihn in der Folge nur abstrakt nennen wird, hinunter befördert ins Gleis, wo die nächste einrollende U-Bahn ihn überfährt.

 

Hazal flüchtet nach Istanbul zu Mehmet, dem sie aber auch nicht erzählt, was passiert ist. In einem Impuls ruft sie eines Nachts ihre Lieblingstante an, die, die vermeintlich anders ist, eigenständig, ohne Mann, emanzipiert, deutsch. Diese kommt nach Istanbul. Als Hazal aber merkt, dass das nur ist, weil sie mit nach Deutschland zurück und sich stellen soll, flieht sie erneut.

 

 

 

Zwischendrin flicht Aydemir die politischen Geschehnisse mit ein. Hazal wird mit einem brutalen Polizeieinsatz in Mehmets Wohnung konfrontiert, da dessen Mitbewohner Kurde ist und als Aktivist von den Polizisten gesucht wird. Im Umfeld waren alle Leute im Sommer davor protestieren auf dem Taksim-Platz. Zwischendrin mehren sich Polizei-Präsenz in Istanbul und willkürliche Straßenkontrollen. „Ellbogen“ endet mit dem Putsch-Versuch – und einer hilflosen Hazal, die nichts mehr hat außer sich selbst, damit aber seltsam glücklich ist – zumindest von familiären und gesellschaftlichen Zwängen befreit. Ein offenes Ende, und der Leser, der das Tagesgeschehen kennt, denkt sich, dass das zwar ein erstrebenswertes Ziel ist, aber es damit in der Türkei, wie sie gerade ist, eigentlich nicht gutgehen kann.

 

 

 

Aydemir bekam für „Ellbogen“ viel Vorschusslorbeeren, aber auch Belanglosigkeit wurde ihr für ihre Geschichte vorgeworfen, Oberflächlichkeit, vor allem von der oben schon erwähnten FAS. Dass man mit ein paar Wochen Stipendien-Aufenthalt in der Türkei und einem rauen, angeeigneten Deutschtürkisch noch lange keinen mitreißenden, gut komponierten Roman schreiben kann. Dass das Thema zwar gut, aber dennoch irgendwie weit hergeholt zu sein scheint.

 

 

 

Und genau das ist der Knackpunkt bei Fatma Aydemirs Romandebüt. Diese Geschichte will nicht logisch sein, weil Hazals Leben eben nicht logisch ist, also zumindest nicht logisch im Sinne von stringent erklärbar. Logisch im Sinne des Scheiterns leider schon, denn es ist eine Geschichte vom Abgeschnittensein. Etwas, das wir Kartoffeln nicht wahrhaben wollen, was aber dennoch in Deutschland 2016 noch möglich ist und auch passiert, höchstvermutlich nicht nur im Roman: dass jemand nichts für sich hat, Hundert Bewerbungen schreibt und dennoch nirgends genommen wird, entfremdet ist, nicht zu sich selbst finden kann, keine Identität hat, keine Chance auf Erfolg. Und das ist gleich doppelt verstörend, wenn derjenige ein Mädchen ist. Von türkischen Jungs erwartet man ja fast schon Entfremdung, Gewaltbereitschaft und kriminelle Karriere, das passt ins Klischee. Wurde auch in den letzten Jahren mehrfach behandelt. Sicherlich erinnert sich noch der ein oder die andere beispielsweise an „Arabboy“ von Güner Yasemin Balci (S. Fischer 2008).

 

Klauende und hauende Mädels sind, und dazu müssen sie noch nicht mal türkischer Herkunft sein, immer noch ein Tabu, vor allem, wenn es objektiv nicht erklärbar scheint. Wenn die einzige Erklärung ist: Sie will auch gar nicht. Sie bereut den Mord nicht. So wie Hazal in „Ellbogen“. Dann wird es schwierig. Unangenehm. Gesellschaftlich dunkel.

 

 

 

Und genau deswegen braucht es mehr Bücher wie „Ellbogen“ und mehr Frauen wie Fatma Aydemir, die verkopften Kartoffel-Journalisten sagen: Hey, wir sind da. Und zwar nicht nur dort, wo ihr euch uns vorstellen könnt, wo ihr uns einen Platz eventuell zuweist.

 

0 Kommentare

Sa

04

Feb

2017

Gleich, gleicher - sorry, nur Redakteure

1970 verklagen Rechercheurinnen des New Yorker Magazins "Newsweek" ihren Arbeitgeber, weil sie die gleiche Arbeit machen - oder sogar mehr - als die Redakteure des Magazins, aber dafür viel weniger Geld bekommen. Die 46 Frauen bekommen Recht, der Weg für Frauen, auch Reporterinnen und Redakteurinnen zu werden, ist frei.

 

Eine, die dabei war, Lynn Povich, beschrieb den Arbeitskampf in ihren Memoiren. Vor zwei Jahren wurde diese Geschichte Stoff für eine Amazon-Prime-Serie. "Good Girls Revolt" lief Ende 2015 in den USA und Ende letzten Jahres bei uns in Deutschland.

 

Spiegelbild der gesamten Ära

 

Sie ist bei aller Schwere der Thematik auch witzig-spritzig, mit all dem Charme und der Leichtigkeit des ausgehenden Hippie-Zeitalters, mit starken Charakteren, auch bei den Rollen für die Männer, und "Good Girls Revolt" vermittelt wie nebenbei Feminismus-Grundwissen und gibt sehr gute Einblicke in das Arbeiten einer Redaktion allgemein. Und noch marginaler, aber dafür nicht in marginaler Bedeutung, geht es auch um Rassen-Konflikte und Hierarchien und das Zusammenwirken von Politik und Medien. Und da es auch die Ära das von Hunter S. Thompson begründeten Gonzo-Journalismus war, kommt der natürlich auch vor, gespiegelt in der Konkurrenz-Situation des fiktiven Magazins mit dem "Rolling Stone" und seinen außergewöhnlichen, sehr objektiven, eher popkulturellen Reportagen.

 

Das Besondere: Fast das gesamte Team bei und um "Good Girls Revolt" bestand aus Frauen, es gab neben den Schauspielerinnen auch Produzentinnen und Drehbuchschreiberinnen. Das gab es in dieser Variante vermutlich vorher nur bei "The L Word", der Showtime-Serie um eine Clique lesbischer Frauen in LA (hier ein interessantes Interview mit Produzentin und Erfinderin Ilene Chaiken).

 

Eine zweite Staffel wird es nicht geben

 

Die erste Staffel endet mit dem Sieg der Frauen vor Gericht. Für die Zuschauerinnen ist es allerdings kein Sieg, denn trotz positiver Rückmeldungen und guten Abrufen wurde entschieden, dass "Good Girls Revolt" abgesetzt wird und es keine zweite Staffel wie ursprünglich geplant gibt (unter #ggh gab es auf Twitter breiten Protest). "Es wurde entschieden" heißt vor allem, dass ein einzelner Mann entschieden hat, der kein Fan der Serie war, aber am längsten Hebel sitzt: Roy Price, der Leiter der Produktionsfirma Amazon Studios. Eine kleine Hoffnung, dass die zweite Staffel eventuell auf einem anderen Kanal eines anderes Netzwerks ausgestrahlt wird, gab es Ende Dezember noch, weil die Produktionsfirma, eine Sony-Tochter, versuchte, sie an jemand anders zu verkaufen, aber diese Pläne gelten seit Mitte Januar als gescheitert. Sehr schade. Auch für die Identifikation von Frauen, speziell Journalistinnen, mit "Good Girls Revolt". "Mad Men", mit der "Good Girls Revolt" immer verglichen wurde, lief übrigens mit sieben Staffeln auf TV-Kanälen.

 

"Good Girls Revolt" als Write-Opener für deutsche Medien zu Ungleichheit im Journalismus

 

Interessant ist auch, dass "Good Girls Revolt" in Deutschland kaum besprochen wurde, nur in zwei Zeitungen und dem "Missy Magazine", ansonsten eher auf Serien- und TV-Webseiten.

Entdeckt wurde die Serie aber dann Anfang des Jahres, um einen anderen Zusammenhang und Vergleich herzustellen, etwa bei der "Süddeutschen". Um nämlich den Fall von Birte Meier "zu illustrieren".

 

Birte Meier ist seit neun Jahren feste Freie beim ZDF-Magazin "Frontal 21". Sie arbeitet 40 Stunden die Woche für das Magazin. Sie hat in Gesprächen festgestellt, dass ihre Kollegen für die gleiche Arbeit viel mehr Geld bekommen. Also hat sie geklagt. Das Problem: Die Kollegen sind festangestellte Redakteure, sie ist eben Freie, ein Arbeitsverhältnis, wie es bei den Öffentlich-Rechtlichen üblich ist. Die wenigsten sind komplett fest angestellt. Feste/r Freie/r zu sein, ist zwar ein arbeitnehmerähnliches Verhältnis, also mit Sozial- und Krankenversicherung durch den Arbeitgeber, aber offensichtlich in einigen Bereichen mit gravierenden Lohn-Unterschieden verbunden.

 

Klage 2017 abgewiesen

 

Nun wurde am Donnerstag nach mehreren Verhandlungstagen Meiers Klage abgewiesen. Mit eben dieser Begründung: Meier sei nicht fest angestellt und könnte sich mit den Redakteuren nicht vergleichen. Jetzt hat Deutschland zwar das AGG, aber eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist schwer nachzuweisen. Das möchte man dem ZDF auch nicht vorwerfen. Etwas komisch muten in diesem Zusammenhang aber Aussagen des Richters an, der Sachen verlautbaren ließ wie "Klar können Frauen weniger verdienen, sie können ja schließlich auch schwanger werden".

Die zweite Möglichkeit, einfach mal das Arbeitsrecht auf Anwendung in Birte Meiers Fall hin zu prüfen, wurde nicht wahrgenommen. Denn ebenfalls in Deutschland gilt nach europäischem Recht: für die Entscheidung über Gleichbehandlung bei Gehaltsfragen müssen die reinen Tätigkeiten verglichen werden. Das hatte Meiers Anwalt gefordert. Der Richter aber hat nur den Status gesehen. Und so kam es gar nicht dazu, Arbeitsleistungen zu vergleichen. Laut SZ argumentierte man so: "Dem Richter zufolge konnte Meier eine Ungleichbehandlung nicht eindeutig nachweisen. Dass auch männliche Kollegen mit Freien-Status mehr verdienen, begründete der Richter mit der längeren Betriebszugehörigkeit."

 

Es ging um 70.000 Euro. Das ZDF hatte Meier einen Vergleich angeboten: Sie bekomme das Geld nachgezahlt, wenn sie das Arbeitsverhältnis beende. Und hier haben wir das nächste Problem: In Zukunft wird sich also wohl kaum eine Frau trauen, Meiers Vorbild zu folgen und zu klagen, wenn das bedeutet, dass sie ihren Job verliert und noch dazu von Gerichten zumindest verbal diskriminiert wird (interessantes Interview mit der Vorsitzenden des Journalistinnenbundes dazu hier).

 

Das Problem ist strukturelle Ungleichheit

 

Der deutsche Journalismus hat ein Problem - und hier wäre dem Richter als auch Entscheidern beim ZDF wohl mal das Gucken von "Good Girls Revolt" zu empfehlen, denn dort sind die Männer nicht die Feinde der Frauen, sondern lediglich betriebs- und realitätsblind. Denn woher kommt es wohl, dass vorwiegend Männer Redakteursposten inne haben und längere Betriebszugehörigkeit vorweisen können? Warum wohl arbeiten vor allem Frauen als Cutterinnen? Mit den Gründen von struktureller Benachteiligung von Frauen innerhalb der Medienbetriebe muss sich offensichtlich auch im Jahr 2017 noch beschäftigt werden. Ein bitteres Aha-Erlebnis zum neuen Jahr.

Und Mädels, wir brauchen mehr Solidarität statt Hennenkrieg unter uns. Und Frauen-Bünde. Frei nach Pippi Langstrumpf: Bildet Banden!

 

0 Kommentare

Di

17

Jan

2017

Die Angst vor Fake News

 

hätte schon viel früher in Deutschland einsetzen müssen.

 

 

 

 

 

Wahr ist an einer Geschichte immer nur das, was der Zuhörer glaubt.

 

 

Hermann Hesse in „Heumond“

 

 

 

 

 

Von Trumps Wahlkampf waren nun jetzt alle erschrocken. Die Fake News sprudelten nur so – und brachten mit Hilfe von Manipulationen Republikaner-Stimmen. Analysen dazu kamen, auch in amerikanischen Medien, seltsamerweise aber erst spät, nämlich erst NACH der Präsidentschaftswahl.

 

So besuchte ein kleines Medium in den USA einen der größten Fake-News-Macher, BuzzFeed besuchte dann auch einen, dann veröffentlichte „Das Magazin“ aus der Schweiz seine Reportage zu Trumps Wahlkampf mit Hilfe von Cambridge Analytica. Anfang des Jahres veröffentlichte BuzzFeed eine Hitliste der „erfolgreichsten“ Fake News auf Facebook (ob das nicht auch noch mal ein Push für genau die ist, müsste man übrigens auch mal diskutieren).

 

Und nachdem man hier „Breitbart“ entdeckt hat, gibt es dazu auch schon den ersten Skandal, der eine entsprechende Analyse nach sich zieht. Andere überregionale Medien ziehen nach, das Thema „Breitbart“ will man nicht nur einem überlassen, und man muss sich schon fragen, ob es dabei noch um die Entlarvung eines Portals und seiner Strukturen geht oder nicht eher darum, die Welle der Entrüstung jetzt einfach mitzureiten. Denn vorher war man ja auf dem rechten Auge mit Blick aufs Digitale schon ein bisschen blind, schließlich gibt es in Deutschland schon länger Webseiten, die Tatsachen verdrehen und damit gerade in der Flüchtlingsfrage Stimmung machen.

 

 

 

Angst vor Programmatic Advertising

 

 

 

Auch mit den Mechanismen von Online-Werbung begann man sich dann erst zu beschäftigen, angeregt durch die Kampagne „Kein Geld für Rechts“. Komischerweise fiel in dieser ganzen Diskussion nie „OMS“ oder der Name einer anderen Vermarktungsgesellschaft, viele Kolleg_innen glauben bis heute, dass die Werbung insgesamt individuell ist und vor allem individuell in Auftrag gegeben wurde/wird.

 

 

 

Der andere Teil der Branche redet jetzt angsterfüllt über Programmatic Advertising und Prorammatic Campaigning, manch ein traditioneller Print-Journalist, der sich vorher schon kaum gekümmert hat, wie die Werbe-Finanzierung der Website seines Arbeitgebers eigentlich funktionieren kann, hört diese Worte wohl jetzt zum ersten Mal und ist konfrontiert mit der sehr bitteren Erkenntnis, dass Inhalte, vor allem seine qualitativ hochwertigen Inhalte, im Wahlkampf zur Bundestagswahl höchstwahrscheinlich gar nichts zählen könnten, weil viral gehende Fake News und sie unterstützende Netz-Kampagnen viel stärker sind, sein könnten.

 

 

 

Es ist sogar die Rede von Programmatic Journalism. Und dass der auch eine Chance sein kann. Roboterjournalismus gibt es schon – die Wetter- und Sport-News müssen keine Menschen mehr generieren, und diese haben damit mehr Zeit für investigative Geschichten, heißt es. Und Nachrichten passgenau aufs jeweilige Medium zuzuschneiden und auszugeben in den jeweiligen Kanal. Volker Schütz, Chefredakteur der Verlagsgruppe Deutscher Fachverlag, die den „Horizont“ herausgibt, sieht in seinen fünf Trends für 2017, die eigentlich eher Mini-Kommentare zum jetzigen Stand des Journalismus sind, darin sogar eine Chance für die einzelne Medien-Marke. „Progammatic Journalism ist nicht das Ende des kritischen Journalismus, sondern hat das Potenzial, neue Leser zu gewinnen, neue Erlösmodelle in Gang zu setzen, eine Medienmarke zu stärken. Vorausgesetzt, Medien investieren noch stärker in Big Data“, schreibt er zum Jahresanfang. (Die neuen Erlösmodelle würden mich genauer interessieren, aber da geht’s leider nicht weiter.)

 

 

 

Hier haben wir aber das nächste Problem, eigentlich gleich zwei: Verlagshäuser investieren erstens ja schon kaum in die Digitalisierung oder haben das zumindest in den letzten fünf Jahren nur vereinzelt getan, je nach Konzerngröße und -Zugehörigkeit. Und zweitens ist Big Data da kein Allheilmittel, sondern macht uns auch angreifbar, wenn wir ganz selbstverständlich all das nutzen, was uns die Digital-Riesen so vorgeben: Redaktionsalltag wird über Google Calendar und Slack organisiert, fast jeder hat einen WhatsApp-Chatbot, der die Nachrichten aufs Smartphone und auf Facebook über Messenger bringt, viele von uns nutzen Instant Articles und Cloud-Dienste. Und machen sich keine Gedanken über Sicherung der Daten und Verschlüsselung. Wir kritisieren die Vorherrschaft der drei Großen im Digitalen und hängen uns selbstverständlich mit dran. Wenn man da gehackt wird, uns Daten geklaut werden oder unser Content zweckentfremdet wird – da braucht man sich eigentlich nicht wundern, oder? „Content is immer noch king“ ist da einfach irrelevant.

 

 

 

Ansätze daraus für die Praxis?

 

 

 

Und es bleibt bei all diesen Thesen und frommen Wünschen immer eine Frage leuchtend übrig: Wie gehen wir praktisch damit um? Analyse ist schön und gut, aber wenn sich daraus keine Handlungen ableiten lassen, dann bringt uns das in unserem immer schneller und komplexer werdenden Journalismus-Alltag überhaupt nichts. Dann werden wir weiterhin überrollt von Mechanismen à la Fake News oder hecheln Big Data hinterher, gerade in mittelständigen Regional-Verlagen. Denn: Konzern-Konzentration nimmt immer noch weiter zu. Man kann nur eine Haltung haben und diese auch bewahren, wenn man die Zeit und Unterstützung dazu hat. Der Durchschnitts-Nachrichten-Arbeiter formally known as Redakteur hat keine Zeit, sich da groß erst drüber zu unterhalten und Maßnahmen zu analysieren und auszuwählen. Jedenfalls nicht in der Arbeitszeit.

 

 

 

Dass Medienkompetenz fehlt, wussten wir schon vorher

 

 

 

Und sorry, dass wir zunehmend einen „Snippet-Journalismus“ haben, dass junge Menschen nicht mehr Primärquellen lesen, sondern ihre Nachrichten über Facebook, Empfehlungen von Freunden etc. empfangen und es auch dadurch immer schwieriger wird, Echtes von Falschem zu unterscheiden, das wussten wir vorher schon.

 

Seitdem ich im Online-Journalismus tätig bin, und das sind schon zehn Jahre, gibt es den Ruf nach Medienkompetenz, vor allem mehr Medienkompetenz für junge Menschen. Bisher habe ich noch nicht gesehen, dass Politik, Institutionen oder auch wir in den Medien darauf gute Antworten und vor allem Maßnahmen hatten. Über die weitere „Medien-Verrohung“ und die Entwicklung von Hate Speech und Fake News im Jahre 2016 braucht sich also keiner wirklich wundern.

 

 

 

So wie wir uns immer den Kommunikationsprozess erklärt haben – das funktioniert nicht mehr

 

 

 

Zum anderen kommt meiner Meinung nach hinzu, dass Hate Speech und Populismus neuzeitige Ausdrücke von Distinktion und gleichzeitig Zugehörigkeit sind. Herkömmliche Modelle, die uns immer den Kommunikationsprozess erklärt haben, die uns Journos dabei auch sicher gewogen haben in dem, was wir tun und wie wir es tun, funktionieren nicht mehr. Vielleicht haben sie das sogar nie, aber es war uns egal. Viele haben beispielsweise weiterhin an die Gatekeeper-Funktion geglaubt. Jetzt sind wir doppelt hilflos. Und weil das alles auch ein gesellschaftlicher Mechanismus ist, sollte es also auch die Soziologie dringend interessieren.

 

 

 

Der Hass hat nicht erst 2016 zugenommen

 

 

 

Für viele ist 2016 das Jahr, in dem der Hass das Internet erobert hat. Das stimmt aber nicht. Es war 2014. Weil sich Meinungen da schon verstärkt und Menschen zusammengerottet haben, die ohne Rücksicht auf Verluste andere regelrecht stalken und diffamieren. Es gab 2014 drei Fälle in meinem Umfeld. Beispielsweise hier einer erklärt: Ein ESA-Mitarbeiter wurde angegriffen wegen angeblichem Sexismus und auf allen möglichen Kanälen im Netz gestalkt. Es gab dabei eine Verbindung zur Gamer-Szene, daher wurde das Ganze so unfassbar groß und fies. Da wäre sehr, sehr viel justiziabel gewesen – und das übrigens auch von Frauen. Da gab es Frauen, die ihm Misshandlungs-, Vergewaltigungswünsche und Morddrohungen ausgesprochen haben. Die sich die Mühe gemacht haben, über diese ganze, mehrere Wochen währende „Debatte“ Storifys zusammenzusetzen und Videos für YouTube – nur zur Diffamierung!

 

Tendenziell sind vielleicht mehr Männer Trolle und/oder hassend und bedrohend im Netz unterwegs, in diesem Fall haben sich aber selbsternannte Feministinnen nicht vom anderen Geschlecht unterschieden in Grausamkeit, Häufigkeit und Kreativität, um denjenigen runterzumachen und anzugreifen.

 

 

 

Bei den anderen Fällen ging es vor allem um Bedrohungen über die eigene Website und Twitter. Twitter ist meiner Meinung nach ebenfalls 2014 zu einer wahnsinnigen Hassmaschine geworden (dennoch möchte ich persönlich nicht auf Twitter verzichten, ich habe über Twitter auch wunderbare Menschen kennen gelernt, die ich sonst nie getroffen hätte). Eine Person, die einfach als Kämpferin für Gleichstellung zu bezeichnen ist, ist erst nach ein paar Monaten und dann unter anderem Namen zurückgekommen, die andere ist nach Angriffen auf dem rechten Spektrum seitdem raus aus dem virtuellen Leben, war meines Wissens in psychologischer Behandlung und ist bis heute nicht zurückgekommen, hat sogar nicht nur Twitter-Account, sondern auch Blog und Website gelöscht.

 

 

 

Und wenn man auch noch aktuelle Beispiele möchte, dann taugt das der britischen Feministin Lindy West sehr gut. Hier im „Guardian“ schreibt sie selbst, warum sie Twitter verließ.

 

 

 

Und daher würden jetzt auch alle etablierten Medien, die Angst vor „Breitbart“ in Deutschland haben, gut daran tun, sich auch für die anderen Populismus- und Fake-News-Mechanismen zu interessieren, die es schon längst gibt. Und zwar jenseits von „Tichys Einblicken“, einem Henryk M. Broder und der „Achse des Guten“, die (neue) Populismus-Plattformen 2017 etablieren, wie Frank Zimmer von W&V befürchtet. Da hat sich schon einiges etabliert.

 

 

 

Ich möchte auch niemandem etwas unterstellen, viele haben es vielleicht einfach nicht gemerkt, weil es, wie richtig auf netzpolitik.org steht, eigentlich ja darum ging, „die demokratische Meinungsbildung vor Manipulation zu schützen. Doch jetzt ist die Fake-News-Debatte selbst zum Risiko für Presse- und Meinungsfreiheit geworden.“

 

 

 

Geht es zum Beispiel um Gender, Homosexualität, Religion und Flüchtlinge, dann hatten und haben wir schon seit mehr als zwei Jahren ein Fake-News-Universum, nämlich mit Webseiten wie PI-News und denen, die alle zum Medien-Portfolio von Sven von Storch gehören, Ehemann der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch, und in dieser Konstellation auch gut vernetzt mit der Neuen Rechten und der „Demo für alle“-Bewegung, die Beatrix von Storch einst mitgründete und die jetzt das Ex-CDU-Mitglied Hedwig von Beverfoerde angeblich alleine organisiert – auf deutscher und seit Juni 2016 auch auf europäischer Ebene.

 

Vieles, was auf diesen Webseiten zu lesen war und ist, beruht zwar auf realen Ereignissen, ist aber verdreht dargestellt oder unterschlägt wesentliche Teile der Information. In Bezug auf die neuen Lehrpläne in vielen Bundesländern, die Aufklärung über sexuelle Vielfalt beinhalten, wurden und werden bewusst Falschinformationen gestreut. Teil des Problems: Die Webseiten sind in Chile registriert.

 

 

 

Auch in der eigenen Branche gibt es eine Brille

 

 

 

Das wurde aber innerhalb der Branche überhaupt nicht wahrgenommen. Zu viel wird hier noch durch unterschiedliche Brillen betrachtet. Klar, Journalist_innen sind eitel, man verkauft auch immer gleichzeitig sich selbst und möchte gerne die Deutungshoheit über die Dinge für sich beanspruchen, vor allem, wenn man ein Thema selbst entdeckt hat. Und dann kommt noch manchmal das Männer-Frauen-Ding dazu.

 

So schreibt Stefan Winterbauer auf meedia.de über die Social-Media-Fälle Roland Tichy bei Xing und den #lauerleak, bei dem Ex-Pirat Christopher Lauer einen Sparkassen-Mitarbeiter öffentlich auf Twitter als AfD-Wähler outete und damit einen Shitstorm auslöste, als würden wir zum ersten Mal einen – Zitat – „asozialen Social-Media-Mob“ erleben, der nur am Trollen und Hassen interessiert ist, eine echte Debatte verhindert und außerdem Folgen für das „echte Leben“ hat. Ach. Überraschung! Nicht.

 

 

 

Im übrigen müsste man der Vollständigkeit halber auch noch die Frage stellen, ob bei den beiden angesprochenen Fällen die Urheber Tichy und Lauer eigentlich selbst eine Debatte wollten oder nur Provokation, denn warum macht Lauer das direkt über Twitter öffentlich, anstatt nicht erst einmal der betroffenen Kreissparkasse eine Anfrage per Mail zu schicken? Und Tichy hatte nicht nur bei Meedia die Möglichkeit, sich selbst zu erklären, tat es aber nicht. Auch das also Teil der Aufmerksamkeits- und Aufregungsmechanik, in der dann wiederum ein anderer Journalist, in dem Fall also Winterbauer, noch mal erklären muss, wie die ganze Sache zu sehen ist. Ein bisschen mit erhobenem Zeigefinger, aber Lösungen hat er freilich auch keine, wenn er am Ende schreibt: „Es ist dringend an der Zeit, dass wir die Art, wie wir online miteinander umgehen, in zivilisiertere Bahnen lenken. Nur wie?“ Einen Punkt hat er dabei auch vergessen: Es wird eben nicht nur Online so miteinander umgegangen. Online ist nur ein Verstärker dieser Grabenkämpfe. Hat man vielleicht nur vorher nicht unbedingt mitbekommen – oder als Journalist_in auch nicht nachgefragt. Das würde auch wiederum Fragen an den eigenen Umgang damit stellen.

 

Als zu Silvester die Flüchtlingsdebatte erneut hohe Wellen schlug, haben Spiegel Online und wir beim Nordbayerischen Kurier uns dazu entschlossen, die Kommentar-Funktion für die betroffenen Artikel zu sperren, weil wir nicht Herr der Lage wurden und es außerdem keine Debatte gab. Dies in der Facebook-Gruppe für Online-Journalisten innerhalb des DJV gepostet und nach dem Umgang der Kolleg_innen damit gefragt, gab es keine Reaktion. Muss ich daraus schließen, dass das Interesse am praktischen Umgang damit und dem Austausch darüber nicht vorhanden ist? Bei über 80 Leuten in der Gruppe? Mich interessiert nach wie vor, wie andere das handhaben und wie sie das diskutieren. Vielleicht ist das aber nicht öffentlichkeitswirksam genug, und man schaut lieber auf die Polizei.

 

 

 

Aber, auch so ein Beispiel, polizeiliche Verfolgung von Falschbehauptungen etwa gab es ja auch schon vorher und nicht erst, seitdem die Polizei Rosenheim öffentlichkeitswirksam, auch auf Twitter, herausgegeben hat, dass sie das nun konsequent macht. Eine Selbstverständlichkeit polizeilicher Arbeit, so wie die Recherche dazu selbstverständliche journalistische Arbeit sein sollte. Es wird in Zukunft sogar eher darum gehen, wie Polizei und Journalist_innen dabei zusammenarbeiten (können). Wir brauchen uns hier gegenseitig, mehr als je zuvor. Auch, um zu analysieren und zu erklären, was ein Missbrauch ist, weil es Fake News sind, die da verbreitet werden, und wann es sich um Kriminalität handelt.

 

 

 

Nicht immer sind Fake News Populismus

 

 

 

Denn nicht immer werden Fake News in populistischer Absicht verbreitet. Es gibt ja auch noch die Fälle von Identitätsklau, um damit Geld zu erpressen und/oder an persönliche Daten und Telefonnummern zu kommen, gerade auf Facebook. Oder die Problematik, dass mit Fake News und entsprechenden Verlinkungen auf Porno-Seiten umgelenkt wird oder ein Virus aktiviert wird.

 

Ein aktueller Fall in Südhessen, wo eine Politikerin genau so einen Identitätsklau mit ihrem Facebook-Profil für einen populistischen Angriff noch vor dem Wahlkampf hielt, macht deutlich, wie wichtig da unsere Aufgabe der Aufklärung ist und noch immer sein wird.

 

Lasst uns nicht darüber reden, dass. Sondern wie. Die neueste Ankündigung von Facebook, sich Partner zum Identifizieren von Fake News zu suchen, für deren Arbeit man aber nichts zahlt, ist für mich keine reale Auseinandersetzung eines digitalen Großkonzerns mit einem der aktuellsten gesellschaftlichen Probleme. Wir werden es selbst machen müssen. Das ist unser Job 2017.

 

0 Kommentare

Fr

13

Jan

2017

"Modus" - der Mörder ist nicht in uns allen

(aus der Ausstellung "Homosexualität_en" in Berlin 2015)

 

 

Nicht jede_r ist so tolerant wie Homer Simpson bzw. seine Macher. Gerade wurden erste Ergebnisse einer umfassenden Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes veröffentlicht, die Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland abfragt (Download hier; die komplette Studie wird irgendwann im Frühjahr veröffentlicht).

 

Die gute Nachricht an den Ergebnissen: Über 80% der Deutschen sprechen sich für die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule aus. Und - in your face, AfD und "Demo für alle": "Beim Thema Bildung und sexuelle Vielfalt befürwortet eine klare Mehrheit von 89,6 Prozent das Ziel, in Schulen Akzeptanz gegenüber homo- und bisexuellen Personen zu vermitteln. Sieben von zehn (70,6 Prozent) weisen die Aussage, das Ansprechen von sexueller Vielfalt in der Schule verwirre die Kinder in der Entwicklung ihrer Sexualität, eher oder vollkommen zurück."

Aber: Je niedriger der Bildungsgrad der Befragten und je näher das Thema Homosexualität an den eigenen Lebensbereich reicht, desto intoleranter sind die Menschen. Und sicherlich geben sie das nur innerhalb so einer anonymen Befragung zu, denn ansonsten ist es durchaus auch nicht political correct, Lesben und Schwule komisch zu finden und ihnen nicht gleiche Rechte zuzugestehen.

 

Man kann nur ahnen, dass eben genau mit Aufkommen der rechtskonservativen Bewegungen in Europa, etwa "Manif pour tous" und dann "Demo für alle" und AfD in Deutschland, diese Menschen in den letzten 3 bis 4 Jahren eine neue Heimat gefunden haben, eine Heimat für ihr Gefühl des "Ich hab' ja nix gegen die, aber..." und "Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen". Auch gesellschaftlich-intellektuell in die Öffentlichkeit gebracht durch Leute wie Akif Pirincci, Thilo Sarrazin, Birgit Kelle oder Udo Ulfkotte, die fleißig gegen Gender und sexuelle Vielfalt anschreiben.

 

Nicht jede_r radikalisiert sich dadurch auch, klar. Aber wie weit es gehen kann, wenn diese Meinungen in einer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft trotzdem am Sieden sind, zeigte Ende des just vergangenen Jahres 2016 die skandinavische Serie "Modus - Der Mörder in uns", die ab Ende November im ZDF ausgestrahlt wurde. Sie ist aber auch noch, und zwar zusätzlich in der schwedischen Original-Version, in der ZDF-Mediathek verfügbar. Es handelt sich dabei um die TV-Adaption der "Vik/Stubø"-Buch-Serie der lesbischen Schriftstellerin Anne Holt, die in ihrem Heimatland Norwegen auch mal Justizministerin war.

 

Kein "Who-dunnit", sondern ein "Why-dunnit"

 

Ich habe die Bücher nich gelesen und so ein bisschen gebraucht, bis ich raus hatte, dass es um Hass auf Homosexuelle und eine fanatische Sekte geht. Und genau dies ist ziemlich genial. Eine gewisse Raffinesse schreibt man skandinavischen Serien ja ohnehin zu und erwartet sie auch. Aber wie subtil die Erzählung geöffnet wird, dass erst einmal weder Motiv, noch Zusammenhänge zwischen den einzelnen Morden klar sind, das ist schon ziemlich gut und spannend gelöst. Den Zusatz "Der Mörder in uns" finde ich persönlich dabei lediglich unpassend, denn er suggeriert, dass jede_r von uns solch einen Hass entwickeln kann, dass er oder sie zum Mörder wird - und die Morde in "Modus" sind ziemlich gut geplant, ziemlich brutal und kompromisslos und ziemlich zielgerichtet durchgeführt. Es sind dennoch "Hate Crimes", aber die Opfer sind mehr nicht zufällig als zufällig. Es geht dem Täter oder vielmehr der Täter-Gruppe um einen ganz bestimmten Kreis von (besser gestellten) Lesben und Schwulen in Uppsala und Stockholm.

Und damit wird ein Bezug geschaffen zur europäischen Realität von Homo-Hass, der auch Neid auf beruflichen und sozialen Status von Lesben und Schwulen beinhaltet, der sich daraus speist, dass eben nicht alle gleich sind und man vor allem, wenn man selbst eher zu den unteren Zehntausend gehört, auf gar keinen Fall einer Minderheit Gleichstellung und gleiche Rechte gönnt.

 

Schaubild lesbischer und schwuler Lebenswirklichkeiten

 

Auch wird das teilweise bei den Opfern selbst deutlich, und das ist ein weiterer interessanter Punkt der Serie. Da ist die Bischöfin, die sich in ihrem Amt für Lesben und Schwule einsetzt, die aber nicht stark genug ist, selbst zu ihrem Lesbisch-Sein zu stehen und mit Freundin und schwulem Ehemann über Jahrzehnte ein Doppelleben führt, bis sie ermordet wird und alles rauskommt - was noch nicht mal ihr Sohn wusste, der sozusagen gezwungen wurde, mit der großen Lebenslüge seiner Eltern aufzuwachsen.

Da ist das schwule Paar mit Altersunterschied, einer von ihnen ein großer Reeder, das zusammen mit einem lesbischen Paar schon ein Kind hat und jetzt noch eines bekommt - die beiden Frauen Schauspielerin und Politikerin. Alle Vier zwar gesellschaftlich engagiert, aber irgendwie auch in ihrer Privilegiertheit von anderen gesellschaftlichen Realitäten entfernt.

Dann ist da der junge Schwule aus einfachen Verhältnissen, der noch nicht bei seiner Familie geoutet war und doch nichts sehnlicher wollte, als einfach glücklich sein und einen Platz haben, der Heimat ist - und wenn das nur der queere Club ist, in dem er in der Küche arbeitete, gesellschaftlich "unschuldig", quasi, der Junge.

 

Hass hat eine Dynamik - und das bedroht letztendlich die Gesellschaft

 

Die Dynamik des Hasses wird sogar aufgegriffen: Nach den ersten beiden Morden wird nicht weit von besagtem Club ein jüngeres lesbisches Paar, das sich auf der Straße küsste, von einer Gruppe junger Männer überfallen. Zuerst fragt sich die Polizei und damit auch der Zuschauer, ob es einen Zusammenhang gibt. Dann wird klar: Männlicher Machismo gepaart mit hohem Alkohol-Konsum und das gerade entstandene Klima in der Stadt, ein dummer Spruch - und dann ist es nicht weit bis zum Hieb oder Tritt. Auch das ist real, homophob motivierte Übergriffe haben in den letzten Jahren wieder zugenommen, auch in vermeintlich toleranteren Städten wie Berlin oder Köln, auch in eindeutigen Community-Vierteln oder -Straßen. Oder gerade in diesen.

 

Klar, es gibt keinen anderen Weg zur Gleichstellung, zur Toleranz und irgendwann hoffentlich auch Akzeptanz als über die Politik. Politik muss dafür sorgen, dass sich Gesellschaft verändern kann, muss Minderheiten schützen und Demokratie durchsetzen. Aber "Modus" macht auch klar: Auch in so sozialen und fortschrittlichen Gesellschaften wie den skandinavischen ist damit keine Sicherheit und das Erreichen der Ziele garantiert - im Gegenteil zementiert das vermutlich alles teils rückschrittliche Entwicklungen sogar. Denn immer dort, wo für eine gesellschaftliche Gruppe ein Feld aufgemacht wird, sieht eine andere, dass das ihre beschnitten wird.

In dieser Vielschichtigkeit ist "Modus" grandios. Und hochaktuell. Und zusätzlich auch noch ein spannender Psycho-Krimi, eben ganz skandinavisch.

 

Thema Homosexualität bei den meisten Rezensionen komplett ausgeblendet

 

Umso erstaunlicher, dass "Modus" in deutschen Medien so wenig besprochen wurde. Und wenn dann nur dieser letzte Entertainment-Aspekt. Einige Kritiken erwähnen noch nicht mal das Wort "Homosexualität" in der Handlungsbeschreibung - und stellen erst recht keine Bezüge her, was die Serie dadurch eigentlich erzählen will, also auch Bezüge zur Realität des gesellschaftlichen Backlashes, wie wir ihn in einigen Ländern leider haben - und wie sich als Elite fühlende religiös motivierte Gruppierungen oder gar Parteien dieses Meinungsklima zunutze machen.

 

Wir brauchen mehr solche Serien. Auch aus rein deutscher Produktion.

 

0 Kommentare

Di

10

Jan

2017

Patti Smith: Kaffeebraun zäh und melancholisch

 

I love you“

 

Love not lightly“

 

 

Das verbindende Element ist Kaffee. Der Motor. Ohne Kaffee geht bei Patti Smith nichts. Sie kommt nicht ins Nachdenken, nicht ins Schreiben. Ihre Welt, wie sie sie in „M Train“ festhält, wird durch die Verbindung von gemahlenen Bohnen und heißem Wasser offenbar. Was wir sehen – und was sie vorher durch ihre Brille gesehen hat - , ist eigentlich immer durch einen Becher Kaffee gesehen. (Mehr wunderbare Kaffee-inspirierte Geschichten von Patti Smith gibt es übrigens hier.)

 

Ein Tag im New Yorker Leben von Patti Smith startet im Café' Ino, ihrem Lieblingscafé um die Ecke ihrer Wohnung. Dort sitzt sie immer am selben Tisch, immer mit schwarzem Kaffee, meistens mehrere Tassen. Und überlegt. Und schreibt.

 

Selbst eine Menge ihrer anderen Reisen, um die es in „M Train“ geht, sind durch Kaffee motiviert. Mal ist sie auf der Suche nach dem Ursprung des Kaffees, mal bringt ihr Kaffee einen neuen Ort nahe.

 

Sie ist fasziniert von Murakami (naja, wer ist das nicht?). Liest in ihrem Café – bei Kaffee natürlich – „Dance Dance Dance“ („Tanz mit dem Schafsmann“), „Kafka on the Shore“ („Kafka am Strand“), „Sheep Case“ („Wilde Schafsjagd“) und „The Wind-up Bird Chronicle“ („Mister Aufziehvogel“), das sie nicht mehr loslässt und das sie mehrmals hintereinander liest. Warum? „The fate of a certain property“ und wie Murakami es beschreibt, gibt Smith an. Weil sie selbst auf der Suche ist. Später wird sie die Ausgabe von „The Wind-up Bird Chronicle“ verlieren – zu dem Zeitpunkt, an dem sie etwas anderes findet: a certain property of her own. Ihr Stück Eigentum, ein Haus an der Küste.

 

"M Train" ist ein autobiografisches Buch, aber es erzählt keine lineare Biografie chronologisch nach. Und das macht es so schwer, mit diesem Buch auszukommen. Mir machte es das sehr schwer, ich habe mehrmals unterbrochen und es letztendlich im letzten Jahr, obwohl ich mich so auf es gefreut hatte, nicht zu Ende gelesen. „Just Kids“ war eine Offenbarung gewesen, und ich konnte mich kaum gedulden, bis „M Train“ erschien. Aber hier ist alles anders. Während „Just Kids“ von der wunderbar schmerzhaften Beziehung Smiths zu Robert Mapplethorpe erzählte, von den harten Zeiten in den 60ern und 70ern in New York, von einem Kunstbetrieb, in dem nichts romantisch war, vor allem nicht für Frauen – während „Just Kids“ also von ganzen Welten sprach und so viel zumindest in meiner Sicht auf New Yorker Kunst damals im Dunstkreis von Andy Warhol im speziellen und Frauen und Kunstbetrieb im allgemeinen erhellte, bleibt „M Train“ so kaffeebraun getüncht, mal mit mehr, mal mit weniger Geschmack und Farbe.

 

Smith springt. Und klar, es ist schon interessant, was sie über Frida Kahlo denkt, über Virginia Woolf, Friedrich von Schiller, Hermann Hesse, Genet, Religion, Sylvia Plath, ... Aber das wirkt alles wie Ausschnitte aus Tagebüchern, neu reflektiert und ein wenig glatt gebügelt, garniert mit Fotografien, die sie dazu gemacht hat. Es wirkt irgendwie nicht so real und gefährlich wie alles, was sich in „Just Kids“ offenbarte. Vielleicht kann es das auch nicht, denn dies sind alles Ausschnitte aus Lebensphasen von Patti Smith, in denen sie keine finanzielle Not mehr leidet, von niemandem abhängig ist, nichts muss, alles nur kann, so wie sie es möchte und wann.

 

Und damit transportiert „M Train“ dann doch dieses Klischee von der Romantik des Kunst-Machens, das so viele Kritiker in „Just Kids“ gesehen haben und bei dem es genau darum überhaupt nicht ging. Müßiggang, Konzentration, künstlerische Arbeit muss man sich erst einmal leisten können. Vielleicht bin ich deswegen so enttäuscht und konnte das Buch nicht fertig lesen. Weil es letztendlich ein Klischee bedient und bestätigt, von dem ich froh war, dass es eigentlich mit „Just Kids“ begraben worden war. Natürlich auch verbunden mit dem Neid, dass jemand Zeit hat für all das. Wann haben wir heute noch wirklich Zeit für Gedanken, fürs Innehalten und zu schauen, ob daraus vielleicht noch etwas anderes erwächst, und wenn es nur eine neue Erkenntnis ist neben den ganzen vielen Informationen, die immer auf uns einprasseln. Oder Kunst erwächst. Ich wünschte, ich könnte ein bisschen mehr so sein wie Patti Smith in dieser Zeit. Und ich wünschte, „M Train“ würde ein bisschen mehr vermitteln, wie das geht und es nicht nur unverschämt machen, dieses In-Cafés-Sitzen-und-Kaffee-trinken-und-schreiben.

Vermutlich mag ich das Buch deshalb nicht. Schade eigentlich.

 

0 Kommentare

Mi

22

Feb

2017

„Ellbogen“ von Fatma Aydemir: Bleibst du alleine Opfa

 

Die „tageszeitung“-Redakteurin Fatma Aydemir hat einen Roman geschrieben. Über das Dasein als türkisches Mädchen der dritten Generation in Deutschland. Und dafür gespaltene Kritik geerntet. Vermutlich, weil sie eine Frau ist und ihre Anti-Heldin in „Ellbogen“ ein Mädchen. Unerklärbare Gewalt und Chancenlosigkeit bei weiblichen Migrantenkindern – das scheint immer noch ein Tabu zu sein in Deutschland. Dabei müssen wir dringend darüber reden.

 

 

 

In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ hat jetzt am Sonntag der Korrespondent Michael Martens unter dem Titel „Für immer Türke“ die Inhaftierung des Kollegen Deniz Yücel kommentiert. Statt Solidarität zu äußern, hat er aber die Angelegenheit zum Anlass genommen, den Herkunftsjournalismus deutscher Medienhäuser in Frage zu stellen. Das Fazit, wenn man es kurz fassen möchte: Die „Welt“, also damit Springer, ist selbst mit dran schuld, dass Deniz inhaftiert ist. Denn warum schickt die Zeitung auch einen Türken in die Türkei, noch dazu einen, der betont, wie sehr er dieses Land liebt?

 

 

 

Martens stellt die Frage nach journalistischer Distanz. Das kann man tun. Es ist aber definitiv der falsche Anlass und die falsche Zeit dafür. Denn Erdogans Handeln und die Entwicklung der Türkei lassen sich wohl kaum mit distanzlosem Patriotismus einer Handvoll Medienvertreter begründen. Das kann nur zynisch wirken – und das hätte vor allem ihm als jemand, der selbst Auslandskorrespondent war, klar sein müssen. Spinnt man die ganze Sache journalistisch noch weiter, dann liefert er sogar all den Bereichen Futter, die ohnehin kritisch auf Berechtigungen zur Berichterstattung – und Richtung der Berichterstattung gucken. Zum Beispiel wird es dann für gewisse Kreise legitim zu fragen, ob denn so jemand wie ich, eine Hessin, aus Bayern und Baden-Württemberg adäquat berichten kann. Oder ob Kultur – ohnehin schon auch in den eigenen Reihen marginalisiert – echt von jemandem gemacht werden muss, der Ahnung hat, das kann doch auch gut genug irgendjemand machen, ist doch nur Kultur. Was ist dann eigentlich noch journalistisches Können, was Expertise und was Herkunftsjournalismus? Und wer entscheidet das, wann das so ist und ob das okay ist für die Berichterstattung oder nicht?

 

 

 

Migrantenkinder, die nur über Migration schreiben“ - da sagt Herr Martens „Gähn“.

 

Wie soll es denn aber anders gehen? Und wer hört sonst Migrantenstimmen und -probleme überhaupt an im Journalismus und gibt ihnen ein Forum? Mal abgesehen davon, dass „Migrantenkinder“, egal, ob sie Deutsche, Türken oder beides sind, es auch immer noch schwer haben im etablierten, männlichen, weißen Journalismus in Deutschland. Es lässt sich aus der warmen Frankfurter oder Berliner Schreibstube freilich leicht urteilen darüber, ob jemand, der sich freiwillig in kriegsähnliche Zustände begibt, denn eigentlich dafür geeignet ist oder nicht. Man sollte es aber nicht, denn im Zweifelsfall war der Lebenslauf desjenigen oder derjenigen viel steiniger und mit Umwegen verbunden, als wir Kartoffel-Journos uns das je vorstellen können. Und ich darf das sagen, denn ich bin im weitesten Sinne Arbeiterkind. Ich bin die erste in meiner Familie, die Abitur hat (und ob eigentlich alle Abi brauchen für den Journalismus ist auch so eine Frage, aber eine andere).

 

Jenseits des Journalismus musste ich mit ansehen, wie eine türkische Freundin von mir, Alevitin, nur mit Schwierigkeiten Architektin werden konnte. Und warum? Weil sie keinen deutschen Namen hat. Und es noch nicht mal jemanden interessiert hat, ob sie Deutsche oder Türkin oder beides ist. So viel zu Deutschland im 21. Jahrhundert, Herr Martens, mit inzwischen der vierten Generation nach den Gastarbeitern.

 

 

 

Neben dem Punkt, dass es Deniz nicht hilft, wenn wir uns hier in Diskussionen über Herkunft verlieren, hat mich geärgert, dass die Diskussion über Herkunft überhaupt wieder aufgemacht wird. Wäre denn ein „guter“ Türkei-Korrespondent dann nur ein Bio-Deutscher? Wär' es auch okay, wenn es ein Türke ist, der sich für den deutschen Pass entschieden hat? Geht eigentlich auch ein Araber (bei dessen Herkunftsmöglichkeiten es ja auch wahnsinnige Unterschiede und ergo Kulturen und Mentalitäten gibt, aber scheiß drauf?)? Oder kann das nur ein Deutscher, und der bitte dann aus dem Bürgertum? Was für eine Rolle spielt das überhaupt? Es ist doch nicht nur derjenige Türke, der auch einen türkischen Pass hat, vor allem in Deutschland nicht! Warum können wir in Deutschland das nicht mal hinter uns lassen, warum bricht das Problem seit den 60ern immer wieder auf? Und seit Sonntag frage ich mich, wie viele Kolleg_innen mit Migrationshintergrund eigentlich FAZ und FAS haben und über was die so schreiben (dürfen/müssen/sollen).

 

 

 

Was das alles mit dem neuen Roman „Ellbogen“ von Fatma Aydemir zu tun hat? Zum einen ist Aydemir Journalistin – was selbst 2017 wohl leider immer noch betonenswert ist, wenn man türkischer Herkunft ist. Zum anderen geht es genau darum in ihrem Debüt: Wann ist man Deutscher, wann Türke? Ist man das überhaupt eindeutig? Und was passiert, wenn einen die Gesellschaft entsprechend qua Herkunft stigmatisiert, man sich nicht emanzipieren kann und dann auch noch als türkisches Mädchen den Anforderungshaltungen nicht entspricht? Wenn man von der einen Seite zwanghaft zur Türkin gemacht wird und auf der anderen immer die Deutsche bleibt? Obwohl einem im Jahre 2016 doch alle Möglichkeiten offen stehen sollten, vor allem als Mädchen. Sagen doch immer alle.

 

 

 

Aydemir zeigt mit ihrer tragischen Heldin Hazal aus dem Berliner Wedding, dass das Gegenteil der Fall ist. Und es ist verstörend für den deutschen oder generell westlichen Leser, weil es dafür objektiv keine Erklärungen zu geben scheint. Hazal klaut kurz vor ihrem 18. Geburtstag einen Lippenstift und wird erwischt. Einfach so, nicht weil sie ihn unbedingt haben möchte. Dem Ladendetektiv, der Klischees bestätigt sieht, kann sie sich nicht erklären, will sie irgendwann auch nicht mehr. Eine richtige Ausbildung hat sie nicht, Abitur nachholen will sie nicht. Hazal ist in einer Berufsbildungsmaßnahme, die sie hasst, und jobbt ab und zu in der Bäckerei ihres Onkels. Wo sie regelmäßig Geld stiehlt, mindestens für ein Päckchen Zigaretten.

 

Zu Hause hat sie null Privatsphäre, ihr jüngerer Bruder darf alles und wird nichts gefragt, sie immer. Um zu entfliehen, geht sie ab und zu zu einem russischstämmigen Dealer, der für sie und ihre Freundinnen ein bisschen Gras gegen Gesellschaft locker macht. Und dann ist da noch Mehmet in Instanbul, den sie über Facebook kennen gelernt hat und von dem sie sich einbildet, er könnte der Mann für sie sein. Natürlich dürfen das ihre Eltern nicht wissen. Ihren 18. will Hazal mit Freundinnen groß feiern. Heimlich ausgehen. Allerdings kommen sie ins Berghain nicht rein. Auf der Heimfahrt, unter Frust, einfach so, weil er ihnen doof kommt, machen die drei Mädels einen Studenten in der U-Bahn-Station von der Seite an. Es kommt zum Streit, zum Handgemenge, zu Tritten, als der junge Mann auf dem Boden liegt, zum finalen Tritt von Hazal, der den „Studentenkörper“, wie Hazal ihn in der Folge nur abstrakt nennen wird, hinunter befördert ins Gleis, wo die nächste einrollende U-Bahn ihn überfährt.

 

Hazal flüchtet nach Istanbul zu Mehmet, dem sie aber auch nicht erzählt, was passiert ist. In einem Impuls ruft sie eines Nachts ihre Lieblingstante an, die, die vermeintlich anders ist, eigenständig, ohne Mann, emanzipiert, deutsch. Diese kommt nach Istanbul. Als Hazal aber merkt, dass das nur ist, weil sie mit nach Deutschland zurück und sich stellen soll, flieht sie erneut.

 

 

 

Zwischendrin flicht Aydemir die politischen Geschehnisse mit ein. Hazal wird mit einem brutalen Polizeieinsatz in Mehmets Wohnung konfrontiert, da dessen Mitbewohner Kurde ist und als Aktivist von den Polizisten gesucht wird. Im Umfeld waren alle Leute im Sommer davor protestieren auf dem Taksim-Platz. Zwischendrin mehren sich Polizei-Präsenz in Istanbul und willkürliche Straßenkontrollen. „Ellbogen“ endet mit dem Putsch-Versuch – und einer hilflosen Hazal, die nichts mehr hat außer sich selbst, damit aber seltsam glücklich ist – zumindest von familiären und gesellschaftlichen Zwängen befreit. Ein offenes Ende, und der Leser, der das Tagesgeschehen kennt, denkt sich, dass das zwar ein erstrebenswertes Ziel ist, aber es damit in der Türkei, wie sie gerade ist, eigentlich nicht gutgehen kann.

 

 

 

Aydemir bekam für „Ellbogen“ viel Vorschusslorbeeren, aber auch Belanglosigkeit wurde ihr für ihre Geschichte vorgeworfen, Oberflächlichkeit, vor allem von der oben schon erwähnten FAS. Dass man mit ein paar Wochen Stipendien-Aufenthalt in der Türkei und einem rauen, angeeigneten Deutschtürkisch noch lange keinen mitreißenden, gut komponierten Roman schreiben kann. Dass das Thema zwar gut, aber dennoch irgendwie weit hergeholt zu sein scheint.

 

 

 

Und genau das ist der Knackpunkt bei Fatma Aydemirs Romandebüt. Diese Geschichte will nicht logisch sein, weil Hazals Leben eben nicht logisch ist, also zumindest nicht logisch im Sinne von stringent erklärbar. Logisch im Sinne des Scheiterns leider schon, denn es ist eine Geschichte vom Abgeschnittensein. Etwas, das wir Kartoffeln nicht wahrhaben wollen, was aber dennoch in Deutschland 2016 noch möglich ist und auch passiert, höchstvermutlich nicht nur im Roman: dass jemand nichts für sich hat, Hundert Bewerbungen schreibt und dennoch nirgends genommen wird, entfremdet ist, nicht zu sich selbst finden kann, keine Identität hat, keine Chance auf Erfolg. Und das ist gleich doppelt verstörend, wenn derjenige ein Mädchen ist. Von türkischen Jungs erwartet man ja fast schon Entfremdung, Gewaltbereitschaft und kriminelle Karriere, das passt ins Klischee. Wurde auch in den letzten Jahren mehrfach behandelt. Sicherlich erinnert sich noch der ein oder die andere beispielsweise an „Arabboy“ von Güner Yasemin Balci (S. Fischer 2008).

 

Klauende und hauende Mädels sind, und dazu müssen sie noch nicht mal türkischer Herkunft sein, immer noch ein Tabu, vor allem, wenn es objektiv nicht erklärbar scheint. Wenn die einzige Erklärung ist: Sie will auch gar nicht. Sie bereut den Mord nicht. So wie Hazal in „Ellbogen“. Dann wird es schwierig. Unangenehm. Gesellschaftlich dunkel.

 

 

 

Und genau deswegen braucht es mehr Bücher wie „Ellbogen“ und mehr Frauen wie Fatma Aydemir, die verkopften Kartoffel-Journalisten sagen: Hey, wir sind da. Und zwar nicht nur dort, wo ihr euch uns vorstellen könnt, wo ihr uns einen Platz eventuell zuweist.

 

0 Kommentare

Sa

04

Feb

2017

Gleich, gleicher - sorry, nur Redakteure

1970 verklagen Rechercheurinnen des New Yorker Magazins "Newsweek" ihren Arbeitgeber, weil sie die gleiche Arbeit machen - oder sogar mehr - als die Redakteure des Magazins, aber dafür viel weniger Geld bekommen. Die 46 Frauen bekommen Recht, der Weg für Frauen, auch Reporterinnen und Redakteurinnen zu werden, ist frei.

 

Eine, die dabei war, Lynn Povich, beschrieb den Arbeitskampf in ihren Memoiren. Vor zwei Jahren wurde diese Geschichte Stoff für eine Amazon-Prime-Serie. "Good Girls Revolt" lief Ende 2015 in den USA und Ende letzten Jahres bei uns in Deutschland.

 

Spiegelbild der gesamten Ära

 

Sie ist bei aller Schwere der Thematik auch witzig-spritzig, mit all dem Charme und der Leichtigkeit des ausgehenden Hippie-Zeitalters, mit starken Charakteren, auch bei den Rollen für die Männer, und "Good Girls Revolt" vermittelt wie nebenbei Feminismus-Grundwissen und gibt sehr gute Einblicke in das Arbeiten einer Redaktion allgemein. Und noch marginaler, aber dafür nicht in marginaler Bedeutung, geht es auch um Rassen-Konflikte und Hierarchien und das Zusammenwirken von Politik und Medien. Und da es auch die Ära das von Hunter S. Thompson begründeten Gonzo-Journalismus war, kommt der natürlich auch vor, gespiegelt in der Konkurrenz-Situation des fiktiven Magazins mit dem "Rolling Stone" und seinen außergewöhnlichen, sehr objektiven, eher popkulturellen Reportagen.

 

Das Besondere: Fast das gesamte Team bei und um "Good Girls Revolt" bestand aus Frauen, es gab neben den Schauspielerinnen auch Produzentinnen und Drehbuchschreiberinnen. Das gab es in dieser Variante vermutlich vorher nur bei "The L Word", der Showtime-Serie um eine Clique lesbischer Frauen in LA (hier ein interessantes Interview mit Produzentin und Erfinderin Ilene Chaiken).

 

Eine zweite Staffel wird es nicht geben

 

Die erste Staffel endet mit dem Sieg der Frauen vor Gericht. Für die Zuschauerinnen ist es allerdings kein Sieg, denn trotz positiver Rückmeldungen und guten Abrufen wurde entschieden, dass "Good Girls Revolt" abgesetzt wird und es keine zweite Staffel wie ursprünglich geplant gibt (unter #ggh gab es auf Twitter breiten Protest). "Es wurde entschieden" heißt vor allem, dass ein einzelner Mann entschieden hat, der kein Fan der Serie war, aber am längsten Hebel sitzt: Roy Price, der Leiter der Produktionsfirma Amazon Studios. Eine kleine Hoffnung, dass die zweite Staffel eventuell auf einem anderen Kanal eines anderes Netzwerks ausgestrahlt wird, gab es Ende Dezember noch, weil die Produktionsfirma, eine Sony-Tochter, versuchte, sie an jemand anders zu verkaufen, aber diese Pläne gelten seit Mitte Januar als gescheitert. Sehr schade. Auch für die Identifikation von Frauen, speziell Journalistinnen, mit "Good Girls Revolt". "Mad Men", mit der "Good Girls Revolt" immer verglichen wurde, lief übrigens mit sieben Staffeln auf TV-Kanälen.

 

"Good Girls Revolt" als Write-Opener für deutsche Medien zu Ungleichheit im Journalismus

 

Interessant ist auch, dass "Good Girls Revolt" in Deutschland kaum besprochen wurde, nur in zwei Zeitungen und dem "Missy Magazine", ansonsten eher auf Serien- und TV-Webseiten.

Entdeckt wurde die Serie aber dann Anfang des Jahres, um einen anderen Zusammenhang und Vergleich herzustellen, etwa bei der "Süddeutschen". Um nämlich den Fall von Birte Meier "zu illustrieren".

 

Birte Meier ist seit neun Jahren feste Freie beim ZDF-Magazin "Frontal 21". Sie arbeitet 40 Stunden die Woche für das Magazin. Sie hat in Gesprächen festgestellt, dass ihre Kollegen für die gleiche Arbeit viel mehr Geld bekommen. Also hat sie geklagt. Das Problem: Die Kollegen sind festangestellte Redakteure, sie ist eben Freie, ein Arbeitsverhältnis, wie es bei den Öffentlich-Rechtlichen üblich ist. Die wenigsten sind komplett fest angestellt. Feste/r Freie/r zu sein, ist zwar ein arbeitnehmerähnliches Verhältnis, also mit Sozial- und Krankenversicherung durch den Arbeitgeber, aber offensichtlich in einigen Bereichen mit gravierenden Lohn-Unterschieden verbunden.

 

Klage 2017 abgewiesen

 

Nun wurde am Donnerstag nach mehreren Verhandlungstagen Meiers Klage abgewiesen. Mit eben dieser Begründung: Meier sei nicht fest angestellt und könnte sich mit den Redakteuren nicht vergleichen. Jetzt hat Deutschland zwar das AGG, aber eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist schwer nachzuweisen. Das möchte man dem ZDF auch nicht vorwerfen. Etwas komisch muten in diesem Zusammenhang aber Aussagen des Richters an, der Sachen verlautbaren ließ wie "Klar können Frauen weniger verdienen, sie können ja schließlich auch schwanger werden".

Die zweite Möglichkeit, einfach mal das Arbeitsrecht auf Anwendung in Birte Meiers Fall hin zu prüfen, wurde nicht wahrgenommen. Denn ebenfalls in Deutschland gilt nach europäischem Recht: für die Entscheidung über Gleichbehandlung bei Gehaltsfragen müssen die reinen Tätigkeiten verglichen werden. Das hatte Meiers Anwalt gefordert. Der Richter aber hat nur den Status gesehen. Und so kam es gar nicht dazu, Arbeitsleistungen zu vergleichen. Laut SZ argumentierte man so: "Dem Richter zufolge konnte Meier eine Ungleichbehandlung nicht eindeutig nachweisen. Dass auch männliche Kollegen mit Freien-Status mehr verdienen, begründete der Richter mit der längeren Betriebszugehörigkeit."

 

Es ging um 70.000 Euro. Das ZDF hatte Meier einen Vergleich angeboten: Sie bekomme das Geld nachgezahlt, wenn sie das Arbeitsverhältnis beende. Und hier haben wir das nächste Problem: In Zukunft wird sich also wohl kaum eine Frau trauen, Meiers Vorbild zu folgen und zu klagen, wenn das bedeutet, dass sie ihren Job verliert und noch dazu von Gerichten zumindest verbal diskriminiert wird (interessantes Interview mit der Vorsitzenden des Journalistinnenbundes dazu hier).

 

Das Problem ist strukturelle Ungleichheit

 

Der deutsche Journalismus hat ein Problem - und hier wäre dem Richter als auch Entscheidern beim ZDF wohl mal das Gucken von "Good Girls Revolt" zu empfehlen, denn dort sind die Männer nicht die Feinde der Frauen, sondern lediglich betriebs- und realitätsblind. Denn woher kommt es wohl, dass vorwiegend Männer Redakteursposten inne haben und längere Betriebszugehörigkeit vorweisen können? Warum wohl arbeiten vor allem Frauen als Cutterinnen? Mit den Gründen von struktureller Benachteiligung von Frauen innerhalb der Medienbetriebe muss sich offensichtlich auch im Jahr 2017 noch beschäftigt werden. Ein bitteres Aha-Erlebnis zum neuen Jahr.

Und Mädels, wir brauchen mehr Solidarität statt Hennenkrieg unter uns. Und Frauen-Bünde. Frei nach Pippi Langstrumpf: Bildet Banden!

 

mehr lesen 0 Kommentare