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Kerstin Fritzsche

Die kürzesten Wörter, nämlich "ja" und "nein", erfordern das meiste Nachdenken. - Pythagoras

Alles auf der Welt kommt auf einen gescheiten Einfall und auf einen festen Entschluss an. - Johann Wolfgang von Goethe

Leisten wir uns den Luxus, eine eigene Meinung zu haben.

 - Otto von Bismarck

 

Politik ist angewandte Liebe zum Leben.

 - Hannah Arendt

 

Journalisten sind Generalisten. Sie verstehen alles, aber alles meistens nur halb. - Claus H. Casdorff

Schweigen ist eines der am schwierigsten zu widerlegenden Argumente.
 - Josh Billings

 

Wer heute noch nicht verrückt ist, ist einfach nicht informiert.
 - Gabriel Barylli

 

Über 50 Prozent der Offliner glauben, das Internet wird vollkommen überbewertet. - ARD/ZDF-Onlinestudie 2007

Fr

18

Mai

2018

Der Kampf ist noch lange nicht vorbei

Juhu – wir haben die Ehe für alle! Seit Oktober 2017 dürfen lesbische und schwule Paare in Deutschland endlich heiraten. Mehr als 25 Jahre lang wurde für diese Gleichstellung gekämpft. Auch ansonsten gab es langsam aber sich Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Akzeptanz von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen. Das ist toll.

 

 

Aber: Oh je – wir haben die Ehe für alle! So schnell das Gesetz im letzten Jahr Bundestag und Bundesrat dann passierte, so schnell gestrickt ist es auch. Denn rechtlich hat sich für Regenbogenfamilien, also Lesben und Schwule mit Kindern, nichts verändert. Eine Co-Mutter in einer lesbischen Ehe, in die ein Kind hineingeboren wird, wird immer noch bis auf weiteres mit dem Jugendamt um die Anerkennung ihrer Elternschaft kämpfen müssen. Mehrelternschaft von drei oder vier Erziehungsberechtigten ist nach wie vor nicht möglich. Das ist vor allem für das Kindeswohl schlecht, wenn hier das Familien- und Abstammungsrecht nicht den Realitäten angepasst wird.

 

 

Bei Menschen, die sich nicht dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen, hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im November letzten Jahres Hoffnung geweckt, mit dem der Eintrag eines dritten Geschlechts bei Behörden in der Zukunft möglich sein soll – oder der Eintrag einfach weggelassen wird. Es ist jetzt die einmalige Chance für Deutschland, rechtliche Regelungen für einen erweiterten Personenstand zu erlassen. Vorstöße und Empfehlungen dazu gibt es genügend, auch Gutachten und Studien gibt es viele.

 

Dennoch wird nach unseren Informationen derzeit im Bundesinnenministerium an einem Gesetzentwurf gearbeitet, der weit hinter den Möglichkeiten und der Empfehlung des Bundesrats zurückbleibt. So steht momentan im Raum, dass Menschen des dritten Geschlechts sich erst untersuchen und medizinisch begutachten lassen müssen, bevor sie ihren gewünschten Personenstand eingetragen bekommen. Anstatt einen selbstbestimmten Umgang mit dem Wissen über die eigene Geschlechtszugehörigkeit zu ermöglichen, würde man wieder in alte Verfahrensweisen zurückfallen und damit Menschen, die sich als genderqueer definieren, weiterhin massiv diskriminieren und zurücksetzen.

 

 

Gleichzeitig ist die sogenannte Hasskriminalität gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans- und intersexuelle Menschen weiterhin hoch, in Europa und auch hier bei uns in Deutschland. Mindestens 300 Straftaten wurden im vergangenen Jahr vom Bundesinnenministerium registriert. 161 Tatverdächtige konnten ermittelt werden. Die Taten richteten sich gegen die sexuelle oder die geschlechtliche Identität der Opfer. Wir müssen aber davon ausgehen, dass die Dunkelziffer noch viel höher liegt, es noch viel mehr Gewalt und Diskriminierung gibt. Denn viele Opfer trauen sich nicht, zur Polizei zu gehen oder fürchten weitere Stigmatisierung. Vieles davon findet auch in den unendlichen Hasswelten des Internets statt. Menschen werden angegriffen und erfahren Bedrohungen und Einschränkungen in ihrem Leben, in ihrem Alltag, bloß weil sie anders lieben und leben.

 

 

Die liberale Demokratie steht nicht nur in Deutschland, sondern weltweit weiterhin unter Druck. Homophobe und transfeindliche Stimmen sind in jüngster Zeit wieder deutlich lauter geworden. Das gerade hier in Stuttgart sehr aktive und der AfD nahe stehende Bündnis „Demo für alle“ bekämpft weiterhin die Gleichstellung und Akzeptanz von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, trans*- und intersexuellen Menschen. Gehör und Verstärkung findet es bei religiösen Fundamentalisten und Rechtspopulisten. Und das Bündnis ist gut vernetzt – bis in die bürgerliche Gesellschaft hinein.

 

Es ist nicht hinnehmbar, wenn Politik und Gesellschaft sich nun auf den Errungenschaften ausruhen. "Ihr dürft heiraten, was wollt ihr denn noch!" - Das langt eben nicht. Das Land Baden-Württemberg und auch die Bundesrepublik Deutschland haben sich verpflichtet, der Diskriminierung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, trans*- und intersexuellen Menschen entschieden entgegenzutreten. Und deswegen ist es auch schwierig, wenn jemand wie die CDU-Abgeordnete Sabine Kurtz hier in Stuttgart zur Landtagsvizepräsidentin gewählt wird. Denn sie steht der "Demo für alle" nahe und hat in der Vergangenheit den neuen Bildungsplan der Landesregierung, der Aufklärung über sexuelle Vielfalt in allen Fächern verankert hat, torpediert. Eine "Ich hab nichts gegen die, aber"-Mentalität ist keine Akzeptanz, so eine Haltung zeugt noch nicht mal von Toleranz!

 

 

Immer noch gibt zu viele, die Homosexualität, Transsexualität und Intersexualität für Krankheiten halten. In Sachsen-Anhalt wird aktuell um sogenannte "Homo-Heiler" diskutiert, als wären wir noch im Mittelalter. Es gibt nicht nur dort fundamental-christliche Vereine, die meinen, in Seminaren Lesben und Schwule umerziehen zu können. Weil sie nur als heterosexueller Mensch ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft sein könnten. In mehr als 30 Ländern steht Homosexualität nach wie vor unter Strafe, in vier und in Teilen weiterer sogar unter Todesstrafe.

 

 

In der Türkei wird seit 2015 der Gay Pride in Istanbul gewaltsam niedergeschlagen. Dennoch planen auch in diesem Jahr, Aktivist_innen wieder auf die Straße zu gehen. Stärker als ihre Angst vor Repressionen ist ihre Wut über vom Staat nicht verfolgte gewaltsame Übergriffe und Unterdrückung jedweder Art. In den vergangenen acht Jahren sind in der Türkei über 40 Menschen allein aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität (trans*) ermordet worden.

 

 

Wir brauchen den Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie immer noch. Wir müssen trotz aller erreichten Ziele immer noch auf die Straße gehen und sichtbar sein. Um Werte wie Freiheit, Gleichheit und Respekt muss täglich neu gerungen werden. Und sie dürfen nicht von der politischen Agenda verschwinden.

 

 

 

Die Rede hielt ich als LSVD-Vorständin bei der gemeinsamen Kundgebung des LSVD Baden-Württemberg zusammen mit der IG CSD Stuttgart e.V. am 17. Mai 2018 in Stuttgart.

 

Der LSVD Baden-Württemberg unterstützt zusammen mit dem CSD-Verein Stuttgart eine Solidaritätsaktion für den Istanbul Pride. Wer ebenfalls seine Solidarität zeigen möchte: Für den Istanbul Pride kann gespendet werden, online unter www.betterplace.org/p62106 oder mit dem Stichwort "Pride Istanbul" auf das Konto des Weissenburg e.V., IBAN: DE71 6005 0101 0002 4552 06. Die Spendenaktion läuft bis 31.07.2018.

 

Mi

03

Jan

2018

Journalismus in 2018: Wir sollten alle sensibler werden

Letztens hat jemand aus Österreich auf Twitter etwas im Flüchtlings-Kontext kommentiert und dazu einen digitalen Ausschnitt aus dem E-Paper einer Zeitung verwendet. Ohne Quellenangabe. Ich habe daraufhin gefragt, woher das denn geklaut ist und dass eine Quellenangabe bei so was in sozialen Netzwerken immer nett ist.

 

Zwei Tage passierte überhaupt nichts. Dann mischte sich jemand Drittes ein und antwortete mit dem Hinweis, ich hätte ja selbst die Google-Bilder-Suche betätigen und rausfinden können, woher der kleine Zweispalter stammte. Und dann schrieb er noch dazu, der Screenshot sei nicht geklaut, schließlich könnten den von der Digitalausgabe nur zahlende Abonnenten machen. Und schickte das Ganze auch gleichzeitig an den Account meines Hauptarbeitgebers, SWR BW Online. 
Ich bedankte mich artig und wies darauf hin, dass auch das medienrechtlich keinen Unterschied macht, denn das ist immer noch eine Urheberrechtsverletzung, wenn der Artikel gesamt irgendwo irgendwie ins Netz gestellt wird. Und dass er da getrost meinen Arbeitgeber raus lassen darf, die Frage sei rein privater Natur gewesen. Da wurde der Herr erst recht patzig - man beachte bitte, dass wir vong Inhalt her eigentlich auf einer Wellenlänge hätten sein müssen: "Ihre Wortwahl den Screenshot eines Users (mit 160 Followern) als geklaut zu bezeichnen ist eine sehr gewagte was auch ihren öffentlich rechtlichen Arbeitgeber interessieren sollte. Wer sind es die so wie Sie üblicherweise von einem heiklen Thema ablenken Pegida AfD....?" 
Ich antwortete daraufhin mit einem Link zu einer Website zu Medienrecht und schrieb, dass mein Arbeitgeber das wohl auch nicht anders als ich sehen würde, weil es unabhängig vom Inhalt schlicht um Urheber- und Verbreitungsrecht gehe. 
Eine kurze Pause gab's, dann krakelte wieder der Ursprungstweet-Verfasser rein: "Einen Screenshot kann man nicht klauen, Gnädigste!". Und dann meldete sich Mister Ich-wills-nicht-kapieren erneut zurück: " Also doch! SWR aus Baden-Württemberg wünscht dass Sie das Urheber- & Verbreitungsrecht einer österreichischen Zeitung (die außerdem der römisch katholischen Kirche gehört) zu wahren? Nennen Sie wenigstens Gesetz und Paragraphen wenn Sie jemanden vorsätzlich verleumden!" Daraufhin beendete ich die seltsame Kommunikation, handelte mir noch die Beschimpfung ein, das sei ja typisch überheblich Deutsch, und ließ das auf sich beruhen. 
Es ließ mich aber nicht mehr los. Klar hatten die beiden Troll-Potenzial und waren rechthaberisch. Aber wie sollten sie es eigentlich besser wissen, wenn auch gestandene Redakteure, teils in Führungspositionen, es nicht besser machen? Und dabei auch noch meinen, der Zweck heilige die Mittel; etwa wenn es gegen Nazis oder Antisemitismus geht, könnte man das mit dem Medienrecht und den Persönlichkeitsrechten mal etwas freier auslegen. Nebenbei wird eine schnelle Bildersuche bei Google und der Vergleich von Blog-Einträgen dann als investigative Recherche verkauft, obwohl die Beiträge ihrerseits komplett im Konjunktiv geschrieben sind und Mutmaßung an Mutmaßung reihen. Was sollen denn User da denken, wenn sie mal auf was aufmerksam machen wollen und tatsächlich einen kleinen Fehler begehen?
Zwei namhafte Journalisten greifen sich aus den Hamburger Fahndungsfotos einen Gesuchten heraus und veröffentlichen seine Fotos und seinen (abgekürzten) Namen, weil er bekennender Rechter ist und sich angeblich selbst damit brüstet, auf der Fahndungsliste zu sein. Ist das edler oder journalistisch sauberer als die "Krawallbarbie"-Nummer der BLÖD? Ich denke nein. Wir wissen nämlich trotzdem nicht, ob dieser Mann überhaupt Straftaten in HH während des G20-Gipfels begangen hat. Bloß weil er mutmaßlich eine andere Gesinnung hat und selbst drüber schrieb, gibt es niemandem das Recht, das zu veröffentlichen und drum herum zu mutmaßen. Er ist keine Person des öffentlichen Interesses. Im Zweifelsfall bleibt das ewig im Netz - eventuell falsch konnotiert.
Auch die Persönlichkeitsrechte des unbekannten Mannes in Berlin, der Juden in einem privaten Video beschimpfte, wurden mit Füßen getreten. Bitte nicht falsch verstehen, natürlich ist dieses Maß an Antisemitismus schlimm, und auch ich finde, dass das dringend an die Öffentlichkeit muss. Aber kein Medium hat eigentlich hinterfragt, woher das Video kommt, wie es entstand, wie umstritten derjenige ist, der es dann auf seinem Facebook-Account veröffentlichte, dass derjenige auch stark verquickt und vernetzt mit der Berliner CDU und anderen Gruppierungen ist etc. Aber ziemlich viele haben das Video geteilt, sind sofort aufgesprungen und haben von genereller Gewalttätigkeit gesprochen. Ohne "die Täter" auch nur irgendwie eingrenzen oder andere Beisiele nennen zu können.
Über das gesellschaftliche Gefälle sagt das auch einiges aus. Schön auch jener leitende Redakteur, der mal in eine Christmette geht und danach per Tweet der Welt kundtut, wie heillos ätzend diese ganzen Gutmenschen doch sind. Weil die Predigt sich so anfühlt wie ein Besuch bei der Grünen Jugend oder den Jusos. Immerhin kann so eine Predigt einen FDP-nahen Porsche-Fahrer offenbar noch erschüttern. Was aber eigentlich erschütternd ist, ist die Tatsache, dass mit einer Wir-da-oben-ihr-da-unten-Mentalität Journalismus betrieben wird. Vor allem ohne zu merken, dass das vielleicht superelitär und irgendwie fehl am Platz ist, wenn man(n) seine Privilegiertheit auch noch so zwischen den Zeilen raushängen lässt. Über was will man sich denn dann noch beruflich echauffieren, welchen Skandal aufdecken, wenn man soziale Unterschiede als gegeben und auch gut so ansieht? Anderen noch die lange Nase macht, die wagen zu widersprechen, so als wäre jeder für sein eigenes Schicksal in der Bringschuld: Ach, dein Leben ist tatsächlich schlechter? Naja, nicht mein Problem, geh mir nicht auf die Nerven.
Oder man kann dieser poschen Weihnachtsgeschichte sogar noch was Gutes abgewinnen, denn, wie eine Kollegin schrieb, so werden die Positionen in der deutschen Medienlandschaft mal wieder deutlich. Nur: Konsequenzen hat das ähnliche wie die Mietpreisbremse. Nämlich keine. 
Wir Journalisten müssen uns da auch an die eigene Nase fassen, ob immer nur bad news good news sein müssen vong Klickbarkeit und Quote her. Es wird immer wichtiger, einzuordnen, zu recherchieren und Hintergründe zu liefern. Ich wünsche mir hier uns Medienschaffenden 2018 noch mehr kühlen Kopf und starke Nerven. Schnell und aktuell arbeiten ist gut. Aber heißt auch für mich: vollumfassend. Und im Zweifelsfall auch nicht für die eigene Eitelkeit.
 

Fr

03

Nov

2017

"Cherchez la femme": Mit Humor gegen Fundamentalismus

Wenn ein Tschador getragen wird und ein junger Mann, dessen Eltern aus Afghanistan nach Frankreich geflohen sind, sich im Jemen radikalisiert - dann darf man darüber keine Witze machen, oder? Religion darf nicht ironisiert werden, und Islamismus ist kein Sujet für Comedy und Satire - das Thema ist zu ernst, als dass man darüber lachen kann. Lachen darf. Oder?

 

Seit zwei Jahren umgehen die "Datteltäter" dieses ungeschriebene Verbot und stellen ihre Videos, in denen sie sich über den Fundamentalismus und Islamisten lustig machen, auf YouTube. Seit Anfang seines Bestehens gehört die Truppe zum ARD/ZDF-Jugendprogramm funk und wird so gefördert.

Auf der republica letztes Jahr erzählten die "Datteltäter", dass es ziemlich schwer war für sie, ihre Satire zu produzieren. Man musste wissen, wie fein die Grenzen verlaufen, so dass es nicht als Gotteslästerung und nicht Verhohnepiepelung des Propheten wahrgenommen wird. Am Anfang stand dennoch viel Anfeindung, vor allem für die Frauen in der Gruppe.

 

In vielen Schattierungen stellt sich die Frage: Darf man das, dient das gar der Aufklärung, schützt das etwa die Kunstfreiheit? Die "Datteltäter" genießen in Deutschland relativ hohen Schutz für das, was sie machen. Anders sah es schon vor Jahren, noch bevor Erdogan sein Land so stark islamisiert hatte wie jetzt, in der Türkei aus. Da fiel vor allem Literatur gerne mal auf, die sich kritisch mit dem eigenen Land und seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Wegen des umstrittenen Artikels 301 des türkischen Strafgesetzbuchs - Beleidigung des Türkentums - standen schon viele Schriftsteller vor Gericht. Bekannteste Vertreter: Elif Shafak und Orhan Pamuk. Gegen sie wurde das Verfahren allerdings eingestellt, Erster, der nach dem Artikel verurteilt wurde, war 2005 der armenische Journalist Hrant Dink - zu einer Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung wegen eines Zeitungsartikels.

 

Shafaks Fall ist besonders interessant, weil die Anklage aufgrund der englischen Veröffentlichung ihres Buchs "Der Bastard von Istanbul" erfolgte. Darin geht es unter anderem um den türkischen Genozid an den Armeniern, der bis heute von der türkischen Regierung geleugnet bzw. nicht als Massenmord anerkannt wird. Shafak beschreibt in ihrem Roman aus dieser Tatsache weitere Vergehen, die sich bis in den familiären Bereich aus der Geschichte der Türkei beziehungsweise ihrer Geschichtsvergessenheit bis in die heutige Zeit ergeben. Der "Bastard" im Titel ist dabei doppeldeutig zu verstehen: Es gibt das im Volksmund "Bastard" genannte, uneheliche Kind, das durch eine inzestuöse Vergewaltigung entstand; es ist die Protagonistin selbst, ohne dass sie es weiß. Der "Bastard" steht aber auch symbolisch für die Türkei selbst, wie sie mit den Armeniern umgegangen ist und allem Untürkischen immer noch tut. Und dann gibt es auf einer anderen Erzählebene in der Vergangenheit einen "Bastard", einen armenischen Jungen, der früh von seiner Familie getrennt wird und bei einer türkischen aufwächst, also "türkifiziert" wird - was wiederum auch an ein schwarzes Kapitel der australischen Geschichte erinnert, an die "Stolen Generation", als massenhaft Aborigine-Kinder aus ihren Familien geraubt wurden, damit sie in australischen aufwachsen oder in extra dafür vorgesehenen Heimen. Weil nicht sein darf, was nicht zum jeweiligen Nationalismus, der vorherrschenden Kultur passt. Oder eben zum vorherrschenden Glauben, vor allem, wenn damit Leute kontrolliert werden sollen.

 

Dies aufzuzeigen und damit auch noch zu unterhalten, ist keine leichte Aufgabe und kann auch ganz schön schief gehen. Und jetzt zurück zum Tschador und dem frisch radikalisierten Afghanen in Paris: Sou Abadi ist das mit ihrem Film "Cherchez la femme" total gut gelungen. Eine Komödie über Vollverschleierung und Radikalisierung? Oh ja!

Abadis Referenz war Billy Wilders "Some like it hot" - und dass ein Mann die ganze Zeit in Tschador herumrennt, damit er seine Liebste sehen und schließlich befreien kann, weil deren eben aus dem Jemen zurückgekehrter radikalisierter Bruder sie einsperrt, ist daran vermutlich die großartigste Transformation des Themas Drag im Film. Daran knüpfen sich weitere Irrungen und Wirrungen, die hier nicht benannt sein sollen, um nicht zu viel zu verraten - der Film läuft regulär in Deutschland am 28. Dezember an - , die aber tatsächlich ziemlich unterhaltend und komisch sind. Abadi schafft in kritischen Momenten einen comic relief für ein sonst ja tatsächlich krasses Thema.

 

Moderner Islamismus heute reicht ihr dabei als Thema auch nicht, sie zieht, angeregt durch die eigene Biografie und die ihrer Eltern, Parallelen zum Iran und zur Revolution. In der Tat muss man die Parallelen eigentlich nicht erst ziehen, sie sind da, unweigerlich. Staatsräson, Gleichberechtigung, Befreiung der Frau, Flucht, Unterdrückung und das Thema Bildung als Schlüssel zur Gesellschaft im Gepäck, ganz leichtfüßig und nebenbei.

 

So wie Elif Shafak in ihren Büchern viel orientalische Mystik und arabische Kultur einfließen lässt, so tut es Abadi bei "Cherchez la femme" auch. Nicht zuletzt hält der angeblich so koranfeste Bruder Dichter-Verse für Verse aus dem heiligen Buch und wird so quasi heimlich wieder westlich "infiltriert".

Es zeigt aber - und das ist generell das schöne Fazit an diesem Film und deswegen hohe cineastische Kunst - , dass Religion ohne Kulturgeschichte nicht auskommt, dass sie aber im Fundamentalismus ausgeblendet wird. Das gilt nicht nur für den Islam, das ist universell für alle Glaubensrichtungen so.

 

"Cherchez la femme" bringt zurück, was Religion eigentlich ausmacht: eine Idee von Gemeinschaft bzw. nicht nur eine Idee, sondern einfach eine gute Gemeinschaft, ein liebender Gott, der einen zwar dennoch führen kann, aber in dem Sinne, dass er einem genug Selbstvertrauen gibt, den eigenen Weg auf Erden zu gehen. Zu schaffen und zu kreieren und zu sein, sich zu entfalten und nicht im Namen der Religion zu zerstören. Man muss nicht bibelfest sein, um ein guter Christ zu sein.

Und wir reden viel zu wenig darüber, was ein guter Christ ist, was unseren Glauben ausmacht, was uns wichtig ist am eigenen Glauben. Aber vor allem wir im Westen meinen zu wissen, was für andere Islam und Islamismus ist und beurteilen sie danach. Für viele ist Islam ja gar identisch mit Islamismus. Aber an was glauben diese Menschen? Fragt man sie danach, so können sie das nicht beantworten. Gefühle, Kultur, Menschsein werden nicht damit verknüpft, dabei ist Gottes Lehre vielfältig und wahnsinnig individuell.

Und auch im Kleinen ist diese Art von Glauben gefährdet. Etwa wenn eine rechtspopulistische Partei wie die AfD durch den evangelikalen Rand sagt, wie man glauben und was man glauben soll. Auch hier werden auf diese Art politische Themen gelenkt. Und jetzt sitzt die AfD sogar im Bundestag. "Cherchez la femme" sollte Pflicht werden in jedem Religions- oder Sozialkunde-Unterricht.

 

Di

24

Okt

2017

"Love is love"-Comic erscheint in Deutschland

 

Unterstützung für Orlando nach dem Attentat: Nachdem die Comic-Anthologie „Love is love“ Ende letzten Jahres in den USA erschien, kommt sie nun auch in Deutschland raus.

 

 

 

 

In „Love is love“ reagieren die unterschiedlichsten Comic-Künstler_innen auf den Anschlag vom 12. Juni 2016. Dabei wurden im Nachtclub „Pulse“ in Orlando 49 Menschen ermordet – als gezielter Gewaltakt gegen LGBTTI. In ihren Geschichten drücken sie Mitgefühl, Trauer und Sorge angesichts des Angriffs auf die Community aus, machen aber auch Hoffnung und setzen sich für Akzeptanz, Gleichberechtigung und Frieden ein.

 


In den USA wurde „Love is love“ zu einem großen Erfolg, der Gewinn aus der Veröffentlichung wurde den Hinterbliebenen der Opfer gespendet. In Deutschland bringt Panini den Band heraus, und hier werden je drei Euro pro Band zugunsten der LGBTTI-Verbände in den USA und des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland (LSVD) gespendet.

 

 

 

Im Handel ab sofort für 16,99 Euro erhältlich.

 

Fr

18

Aug

2017

Was Herr Schmidt über Herrn Hörstels Partei sagt

 

Er kommt aus Thüringen, wohnt jetzt in Nordbayern und ist extra mit nach Stuttgart gekommen an diesem Samstag, für den großen Wahlkampf. Jetzt steht er mit einem Dutzend anderer Partei-Kollegen am Rand des Schlossplatzes in der Stuttgarter Fußgängerzone und versucht, Passanten zu überzeugen, dass die Großen, die, die uns so viel wegnehmen, nie erwischt werden und nie in den Medien vorkommen.

 

 

 

Der durchaus freundliche Herr um die 60 mit dem weißen Bart und dem Karo-Hemd, nennen wir ihn mal Herr Schmidt, agiert unauffällig. Unter einem Pavillon gibt es eine Wand, an die Passanten per Schablone ihre Wünsche für die Bundestagswahl mit schwarzer Farbe rollern können. „Euro abschaffen“ steht da schon, und „Lügenpresse kontrollieren“. „Was würden Sie sich denn wünschen, was sich verbessern soll?“, spricht Herr Schmidt auch mich an.

 

 

 

Herr Schmidt gehört zur neuen Partei Deutsche Mitte (DM). „Die hat als Bürgerbewegung angefangen. Ich hab mir dann mal angeguckt, was die so wollen und bin nach zehn Minuten eingetreten. Ich war sofort überzeugt!“ Die Deutsche Mitte will billigere Bahnpreise für alle, das Kindergeld verdoppeln, Steuern senken, internationale Handelsverträge abschaffen, freie medizinische Grundversorgung für alle, die „Homo-Ehe“, aber nur mit Ausnahme-Adoptionen und nur bei leiblichen Kindern, den Euro abschaffen, „Banken-Zockerei“ verbieten, Gentechnik-freie Landwirtschaft und wieder Landwirte „ohne EU-Diktat“. Jeder volljährige Bürger soll außerdem das Recht haben, ein kostenloses Grundstück mit einer Größe von 400 Quadratmetern als Privateigentum zu erhalten und frei bewirtschaften zu können, um „volle Ernährungssouveränität“ zurückzuerhalten. Ausgerechnet hat der Parteivorstand auch, was das bedeuten würde: „9,1% der Landesfläche“ würde das lediglich belegen. Nicht mitgerechnet hat die Deutsche Mitte die Eigentumsverhältnisse und Land-Verteilungen in Deutschland. Ich komme gar nicht dazu, die Wörter „Enteignung“ und „Umwidmung“ zu erwähnen und dass wir so was in der Geschichte doch schon mal hatten, Herr Schmidt ist bereits beim nächsten Thema.

 

 

 

Beziehungsweise: Er hat eigentlich nur ein Thema: Frieden. Frieden sei die Leitlinie der Deutschen Mitte. Er sagt: „Was mischt sich Deutschland in den Krieg in Afghanistan ein?“ Er sagt aber auch: „Der deutsche Soldat steht wieder an der Ostfront.“ In der Erklärung zum DM-Themenkomplex „Frieden“ steht: „Echte Heimatverbundenheit eint alle Völker“.

 

 

 

Die Partei hat auch eine Band dabei. Die steht da, wo sonst auf dem Schlossplatz die Kurden demonstrieren und informieren. Herr Schmidt sagt, wir müssen wieder zurück zu den Nationalstaaten. Der Sänger der Band, der auch der Partei angehört, sagt, die Großen, die uns das Geld wegnehmen, die sieht man nicht. Stattdessen zeigten die Medien Florida-Rolf, und der soll schlecht sein. Während die wahren Verbrechen finanzieller Art woanders passieren.

 

 

 

Herr Schmidt sagt, der Euro ist am Wirtschaftselend schuld, der muss weg. „2020 werden wir wieder nationale Währung haben.“ Dann sagt Herr Schmidt: „Die EU-Minister haben wir nicht gewählt.“ Das EU-Parlament muss weg, überhaupt die EU-Institutionen müssten weg. Ich wende ein, wie Europa ohne Institutionen funktionieren soll und wer dann entscheidet? „Die Geldpolitik der EU hat Länder wie Polen doch erst kaputt gemacht“, antwortet Herr Schmidt. Die müssten alleine klar kommen können. Sein Punkt ist klar die Ostpolitik, da fühlt er sich allein schon als Ex-DDR-Bürger eher verbunden. Ich wende ein, dass es vorher schon jahrelang Subventionen beispielsweise für Irland gab und dass wir aktuell eher ein Problem mit den südlichen Staaten haben. Und dass meine Generation das aber grundsätzlich super findet, frei reisen zu können und keine Grenzen zu haben, die Freizügigkeit genießen zu können. „Ja von mir aus sollen sich Leute ja auch begegnen können“, sagt Herr Schmidt. Ich frage, wie man die EU zwar größtenteils gut finden kann, aber für die Abschaffung ihrer Institutionen ist. Herr Schmidt sagt, es müsse unabhängiger zugehen. „Frieden muss doch das Ziel sein.“ Herr Schmidt sagt noch einmal: „Wir müssen zu Nationalstaaten zurück.“

 

 

 

Der Band-Sänger erzählt gerade, dass es keine Reichsbürger-Bewegung gibt und dass die meisten Medien lügen. „Heutzutage werden alle Freiheitsdemonstranten, die neue Friedensbewegung, also auch die Deutsche Mitte, gleich als Faschisten beschimpft, als Radikale!“ Xavier Naidoo würde falsch verstanden. Und währenddessen unterstütze die deutsche Bundesregierung einen Krieg in Syrien.

 

 

 

Herr Schmidt sagt, „die in Russland sind Leute wie Sie und ich. Denen geht es gut unter Putin. Waren Sie mal in Russland? (ja, war ich, und da ging es den Leuten 200 km südlich von Moskau in der Provinz Ryazan eher nicht so gut.) Die Menschen stimmen zu 85% Putin zu. Das wird immer total falsch dargestellt. Die USA will eine Freundschaft zwischen Deutschland und Russland verhindern. Aber das ist doch unser Nachbar!“ Ich sage, dass es kein Wunder ist, dass Putin angeblich hohe Zustimmung erhält, wenn es keine Opposition gibt, wenn Leute weggesperrt oder mundtot gemacht werden, wenn es keine Meinungs- und Pressefreiheit gibt und wenn die Armut so groß ist, dass die Menschen von der Regierung abhängig gemacht werden. Herr Schmidt sagt, das sei einfach nicht wahr. Das wäre wie in der DDR damals, da würden Informationen unterdrückt. Oder erfunden.

 

 

 

Ich sage, dass ein anderes Beispiel die Türkei ist und dass er das dort doch wohl nicht negieren könne, dass das Land zunehmend unfrei ist, Menschen in ihrer Freiheit beschnitten werden. Herr Schmidt sieht mich kurz mit leeren Augen an, nickt, guckt dann wieder in die Ferne und sagt: „Es muss um Frieden gehen, parteiunabhängig.“ Ich versuche es noch mal anders und sage, dass Politik generell nicht auf eine Partei reduziert werden könne, schon gar nicht auf ein Land, und wie denn sonst Politik funktionieren solle, wenn nicht parlamentarisch? Und wer sich denn sonst bitte um die Türkei kümmern solle, wenn die Deutsche Mitte die NATO und alle angeblich imperialistisch handelnden Institutionen ablehnt? Wieder murmelt Herr Schmidt was davon, dass es unabhängiger zugehen müsse. Und dass man gleich für alle anderen Verschwörungstheoretiker ist, wenn man diese Dinge aufzeige.

 

 

 

Gegenüber bauen die Piraten ihren Stand auf. Als Ein-Mann-Betrieb. Der Gründer der Deutschen Mitte, der Ex-ARD-Reporter Christoph Hörstel, hat mal die Piraten beraten. Bei ihrer Arbeitsgruppe Friedenspolitik. Ein Jahr später gründete er die Deutsche Mitte. Und dief noch kleinere Partei Neue Mitte.

Die Band spielt den Song „Kein Sex mit Nazis“. Herr Schmidt sagt, die wollen uns das Bargeld wegnehmen. Ich widerspreche und sage, dass das jetzt total verkürzt ist, dass Schäuble lediglich gesagt hat, dass der Geldtransfer auf 5.000 Euro beschränkt werden soll und dass es unter anderem darum geht, dass es immer aufwändiger wird, Bargeld auf Falschgeld zu überprüfen. Herr Schmidt ist aufgeregt. „Nein, das stimmt nicht! Das steht doch so im Internet! Das kann man überall nachlesen, googeln Sie mal! Das stand auch mehrfach im 'Focus'.“ Ja, der “Focus“ als seriöses Medium... Ich versuche, das Thema zu wechseln.

 

 

 

Ein Junggesellinnenabschied taucht vor dem Stand auf und versucht, die Deutsche-Mitte-Männer (Wo sind überhaupt die Frauen? Hat die Partei keine?) zum Kauf eines Schnaps oder so zu überreden. Pink trifft auf blau-weiß gestreifte Hemden. Die jungen DM-Männer gucken hilflos und halten den Mädels ihre Flugblätter hin. Sie sind ebenfalls blau-weiß. Ein zusätzliches Flugblatt, mit dem man die Positionen der DM mit denen der anderen Parteien vergleichen kann, hat einen orangenen Rahmen. Ein CDU-Orange. Auf einen Blick lässt sich erfassen: Die Deutsche Mitte ist eine Partei der Ja-Sager. Allerdings wird hier auch zusätzlich zum Kurzprogramm deutlich, was die Deutsche Mitte noch will: eine neue Verfassung zum Beispiel. „Außenpolitik ist Friedenspolitik“ hört sich erst einmal gut an. Darunter steht aber kleiner „Wir bringen Millionen schrittweise zurück in die Heimat.“ Ethik ist hier ein anderes Wort für Patriotismus.

Herr Hörstel ist wie Herr Schmidt ein Putin-Versteher. Er war bereits häufig bei "Russia Today" zu Gast. Auch im "Contra-Magazin", das seinen Sitz laut Impressum auf den Seychellen und den Philippinen hat, ist Herr Hörstel gefragter Gesprächspartner. Das "Contra-Magazin" kooperiert teilweise mit dem "christlichen Medienmagazin pro" des umstrittenen Vereins KEP in Wetzlar. Herr Hörstel sagte dem SWR mal, die CIA sei in den Anschlag vom 11. September 2001 verwickelt gewesen. Herr Hörstel hat ein Buch über "Terrormanagement" geschrieben. Darin ist seine These, dass die USA die Taliban unterstützen, obwohl sie nach außen hin Terrorismus bekämpfen. Die Deutsche Mitte lehnt deutsche Soldaten bei internationalen Konflikten ab. Herr Hörstel hat aber auch mal die ISAF beraten. Herr Hörstel rühmt sich damit, der einzige Journalist in Kabul während des Sturzes der Taliban gewesen zu sein. Herr Hörstel hat sein letztes Buch über Afghanistan, Pakistan und die Nato - er hat drei geschrieben - im Compact-Verlag herausgebracht.

 

 

 

Alle reden von der AfD, aber es sitzen längst Extremisten im Bundestag!“, singt die Band. Herr Schmidt sagt noch, Gerichte müssten auch unabhängig werden. Ich weiß, Frieden und Freiheit und so. Sage ich aber nicht, sondern bedanke mich für das Gespräch und gehe. Irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass Herr Schmidt genauso gut auch auf einer Pegida-Demo stehen könnte. Soll ich mich jetzt darüber freuen, dass er lieber für die Deutsche Mitte auf dem Schlossplatz steht?

 

Fr

18

Mai

2018

Der Kampf ist noch lange nicht vorbei

Juhu – wir haben die Ehe für alle! Seit Oktober 2017 dürfen lesbische und schwule Paare in Deutschland endlich heiraten. Mehr als 25 Jahre lang wurde für diese Gleichstellung gekämpft. Auch ansonsten gab es langsam aber sich Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Akzeptanz von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen. Das ist toll.

 

 

Aber: Oh je – wir haben die Ehe für alle! So schnell das Gesetz im letzten Jahr Bundestag und Bundesrat dann passierte, so schnell gestrickt ist es auch. Denn rechtlich hat sich für Regenbogenfamilien, also Lesben und Schwule mit Kindern, nichts verändert. Eine Co-Mutter in einer lesbischen Ehe, in die ein Kind hineingeboren wird, wird immer noch bis auf weiteres mit dem Jugendamt um die Anerkennung ihrer Elternschaft kämpfen müssen. Mehrelternschaft von drei oder vier Erziehungsberechtigten ist nach wie vor nicht möglich. Das ist vor allem für das Kindeswohl schlecht, wenn hier das Familien- und Abstammungsrecht nicht den Realitäten angepasst wird.

 

 

Bei Menschen, die sich nicht dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen, hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im November letzten Jahres Hoffnung geweckt, mit dem der Eintrag eines dritten Geschlechts bei Behörden in der Zukunft möglich sein soll – oder der Eintrag einfach weggelassen wird. Es ist jetzt die einmalige Chance für Deutschland, rechtliche Regelungen für einen erweiterten Personenstand zu erlassen. Vorstöße und Empfehlungen dazu gibt es genügend, auch Gutachten und Studien gibt es viele.

 

Dennoch wird nach unseren Informationen derzeit im Bundesinnenministerium an einem Gesetzentwurf gearbeitet, der weit hinter den Möglichkeiten und der Empfehlung des Bundesrats zurückbleibt. So steht momentan im Raum, dass Menschen des dritten Geschlechts sich erst untersuchen und medizinisch begutachten lassen müssen, bevor sie ihren gewünschten Personenstand eingetragen bekommen. Anstatt einen selbstbestimmten Umgang mit dem Wissen über die eigene Geschlechtszugehörigkeit zu ermöglichen, würde man wieder in alte Verfahrensweisen zurückfallen und damit Menschen, die sich als genderqueer definieren, weiterhin massiv diskriminieren und zurücksetzen.

 

 

Gleichzeitig ist die sogenannte Hasskriminalität gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans- und intersexuelle Menschen weiterhin hoch, in Europa und auch hier bei uns in Deutschland. Mindestens 300 Straftaten wurden im vergangenen Jahr vom Bundesinnenministerium registriert. 161 Tatverdächtige konnten ermittelt werden. Die Taten richteten sich gegen die sexuelle oder die geschlechtliche Identität der Opfer. Wir müssen aber davon ausgehen, dass die Dunkelziffer noch viel höher liegt, es noch viel mehr Gewalt und Diskriminierung gibt. Denn viele Opfer trauen sich nicht, zur Polizei zu gehen oder fürchten weitere Stigmatisierung. Vieles davon findet auch in den unendlichen Hasswelten des Internets statt. Menschen werden angegriffen und erfahren Bedrohungen und Einschränkungen in ihrem Leben, in ihrem Alltag, bloß weil sie anders lieben und leben.

 

 

Die liberale Demokratie steht nicht nur in Deutschland, sondern weltweit weiterhin unter Druck. Homophobe und transfeindliche Stimmen sind in jüngster Zeit wieder deutlich lauter geworden. Das gerade hier in Stuttgart sehr aktive und der AfD nahe stehende Bündnis „Demo für alle“ bekämpft weiterhin die Gleichstellung und Akzeptanz von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, trans*- und intersexuellen Menschen. Gehör und Verstärkung findet es bei religiösen Fundamentalisten und Rechtspopulisten. Und das Bündnis ist gut vernetzt – bis in die bürgerliche Gesellschaft hinein.

 

Es ist nicht hinnehmbar, wenn Politik und Gesellschaft sich nun auf den Errungenschaften ausruhen. "Ihr dürft heiraten, was wollt ihr denn noch!" - Das langt eben nicht. Das Land Baden-Württemberg und auch die Bundesrepublik Deutschland haben sich verpflichtet, der Diskriminierung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, trans*- und intersexuellen Menschen entschieden entgegenzutreten. Und deswegen ist es auch schwierig, wenn jemand wie die CDU-Abgeordnete Sabine Kurtz hier in Stuttgart zur Landtagsvizepräsidentin gewählt wird. Denn sie steht der "Demo für alle" nahe und hat in der Vergangenheit den neuen Bildungsplan der Landesregierung, der Aufklärung über sexuelle Vielfalt in allen Fächern verankert hat, torpediert. Eine "Ich hab nichts gegen die, aber"-Mentalität ist keine Akzeptanz, so eine Haltung zeugt noch nicht mal von Toleranz!

 

 

Immer noch gibt zu viele, die Homosexualität, Transsexualität und Intersexualität für Krankheiten halten. In Sachsen-Anhalt wird aktuell um sogenannte "Homo-Heiler" diskutiert, als wären wir noch im Mittelalter. Es gibt nicht nur dort fundamental-christliche Vereine, die meinen, in Seminaren Lesben und Schwule umerziehen zu können. Weil sie nur als heterosexueller Mensch ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft sein könnten. In mehr als 30 Ländern steht Homosexualität nach wie vor unter Strafe, in vier und in Teilen weiterer sogar unter Todesstrafe.

 

 

In der Türkei wird seit 2015 der Gay Pride in Istanbul gewaltsam niedergeschlagen. Dennoch planen auch in diesem Jahr, Aktivist_innen wieder auf die Straße zu gehen. Stärker als ihre Angst vor Repressionen ist ihre Wut über vom Staat nicht verfolgte gewaltsame Übergriffe und Unterdrückung jedweder Art. In den vergangenen acht Jahren sind in der Türkei über 40 Menschen allein aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität (trans*) ermordet worden.

 

 

Wir brauchen den Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie immer noch. Wir müssen trotz aller erreichten Ziele immer noch auf die Straße gehen und sichtbar sein. Um Werte wie Freiheit, Gleichheit und Respekt muss täglich neu gerungen werden. Und sie dürfen nicht von der politischen Agenda verschwinden.

 

 

 

Die Rede hielt ich als LSVD-Vorständin bei der gemeinsamen Kundgebung des LSVD Baden-Württemberg zusammen mit der IG CSD Stuttgart e.V. am 17. Mai 2018 in Stuttgart.

 

Der LSVD Baden-Württemberg unterstützt zusammen mit dem CSD-Verein Stuttgart eine Solidaritätsaktion für den Istanbul Pride. Wer ebenfalls seine Solidarität zeigen möchte: Für den Istanbul Pride kann gespendet werden, online unter www.betterplace.org/p62106 oder mit dem Stichwort "Pride Istanbul" auf das Konto des Weissenburg e.V., IBAN: DE71 6005 0101 0002 4552 06. Die Spendenaktion läuft bis 31.07.2018.

 

Mi

03

Jan

2018

Journalismus in 2018: Wir sollten alle sensibler werden

Letztens hat jemand aus Österreich auf Twitter etwas im Flüchtlings-Kontext kommentiert und dazu einen digitalen Ausschnitt aus dem E-Paper einer Zeitung verwendet. Ohne Quellenangabe. Ich habe daraufhin gefragt, woher das denn geklaut ist und dass eine Quellenangabe bei so was in sozialen Netzwerken immer nett ist.

 

Zwei Tage passierte überhaupt nichts. Dann mischte sich jemand Drittes ein und antwortete mit dem Hinweis, ich hätte ja selbst die Google-Bilder-Suche betätigen und rausfinden können, woher der kleine Zweispalter stammte. Und dann schrieb er noch dazu, der Screenshot sei nicht geklaut, schließlich könnten den von der Digitalausgabe nur zahlende Abonnenten machen. Und schickte das Ganze auch gleichzeitig an den Account meines Hauptarbeitgebers, SWR BW Online. 
Ich bedankte mich artig und wies darauf hin, dass auch das medienrechtlich keinen Unterschied macht, denn das ist immer noch eine Urheberrechtsverletzung, wenn der Artikel gesamt irgendwo irgendwie ins Netz gestellt wird. Und dass er da getrost meinen Arbeitgeber raus lassen darf, die Frage sei rein privater Natur gewesen. Da wurde der Herr erst recht patzig - man beachte bitte, dass wir vong Inhalt her eigentlich auf einer Wellenlänge hätten sein müssen: "Ihre Wortwahl den Screenshot eines Users (mit 160 Followern) als geklaut zu bezeichnen ist eine sehr gewagte was auch ihren öffentlich rechtlichen Arbeitgeber interessieren sollte. Wer sind es die so wie Sie üblicherweise von einem heiklen Thema ablenken Pegida AfD....?" 
Ich antwortete daraufhin mit einem Link zu einer Website zu Medienrecht und schrieb, dass mein Arbeitgeber das wohl auch nicht anders als ich sehen würde, weil es unabhängig vom Inhalt schlicht um Urheber- und Verbreitungsrecht gehe. 
Eine kurze Pause gab's, dann krakelte wieder der Ursprungstweet-Verfasser rein: "Einen Screenshot kann man nicht klauen, Gnädigste!". Und dann meldete sich Mister Ich-wills-nicht-kapieren erneut zurück: " Also doch! SWR aus Baden-Württemberg wünscht dass Sie das Urheber- & Verbreitungsrecht einer österreichischen Zeitung (die außerdem der römisch katholischen Kirche gehört) zu wahren? Nennen Sie wenigstens Gesetz und Paragraphen wenn Sie jemanden vorsätzlich verleumden!" Daraufhin beendete ich die seltsame Kommunikation, handelte mir noch die Beschimpfung ein, das sei ja typisch überheblich Deutsch, und ließ das auf sich beruhen. 
Es ließ mich aber nicht mehr los. Klar hatten die beiden Troll-Potenzial und waren rechthaberisch. Aber wie sollten sie es eigentlich besser wissen, wenn auch gestandene Redakteure, teils in Führungspositionen, es nicht besser machen? Und dabei auch noch meinen, der Zweck heilige die Mittel; etwa wenn es gegen Nazis oder Antisemitismus geht, könnte man das mit dem Medienrecht und den Persönlichkeitsrechten mal etwas freier auslegen. Nebenbei wird eine schnelle Bildersuche bei Google und der Vergleich von Blog-Einträgen dann als investigative Recherche verkauft, obwohl die Beiträge ihrerseits komplett im Konjunktiv geschrieben sind und Mutmaßung an Mutmaßung reihen. Was sollen denn User da denken, wenn sie mal auf was aufmerksam machen wollen und tatsächlich einen kleinen Fehler begehen?
Zwei namhafte Journalisten greifen sich aus den Hamburger Fahndungsfotos einen Gesuchten heraus und veröffentlichen seine Fotos und seinen (abgekürzten) Namen, weil er bekennender Rechter ist und sich angeblich selbst damit brüstet, auf der Fahndungsliste zu sein. Ist das edler oder journalistisch sauberer als die "Krawallbarbie"-Nummer der BLÖD? Ich denke nein. Wir wissen nämlich trotzdem nicht, ob dieser Mann überhaupt Straftaten in HH während des G20-Gipfels begangen hat. Bloß weil er mutmaßlich eine andere Gesinnung hat und selbst drüber schrieb, gibt es niemandem das Recht, das zu veröffentlichen und drum herum zu mutmaßen. Er ist keine Person des öffentlichen Interesses. Im Zweifelsfall bleibt das ewig im Netz - eventuell falsch konnotiert.
Auch die Persönlichkeitsrechte des unbekannten Mannes in Berlin, der Juden in einem privaten Video beschimpfte, wurden mit Füßen getreten. Bitte nicht falsch verstehen, natürlich ist dieses Maß an Antisemitismus schlimm, und auch ich finde, dass das dringend an die Öffentlichkeit muss. Aber kein Medium hat eigentlich hinterfragt, woher das Video kommt, wie es entstand, wie umstritten derjenige ist, der es dann auf seinem Facebook-Account veröffentlichte, dass derjenige auch stark verquickt und vernetzt mit der Berliner CDU und anderen Gruppierungen ist etc. Aber ziemlich viele haben das Video geteilt, sind sofort aufgesprungen und haben von genereller Gewalttätigkeit gesprochen. Ohne "die Täter" auch nur irgendwie eingrenzen oder andere Beisiele nennen zu können.
Über das gesellschaftliche Gefälle sagt das auch einiges aus. Schön auch jener leitende Redakteur, der mal in eine Christmette geht und danach per Tweet der Welt kundtut, wie heillos ätzend diese ganzen Gutmenschen doch sind. Weil die Predigt sich so anfühlt wie ein Besuch bei der Grünen Jugend oder den Jusos. Immerhin kann so eine Predigt einen FDP-nahen Porsche-Fahrer offenbar noch erschüttern. Was aber eigentlich erschütternd ist, ist die Tatsache, dass mit einer Wir-da-oben-ihr-da-unten-Mentalität Journalismus betrieben wird. Vor allem ohne zu merken, dass das vielleicht superelitär und irgendwie fehl am Platz ist, wenn man(n) seine Privilegiertheit auch noch so zwischen den Zeilen raushängen lässt. Über was will man sich denn dann noch beruflich echauffieren, welchen Skandal aufdecken, wenn man soziale Unterschiede als gegeben und auch gut so ansieht? Anderen noch die lange Nase macht, die wagen zu widersprechen, so als wäre jeder für sein eigenes Schicksal in der Bringschuld: Ach, dein Leben ist tatsächlich schlechter? Naja, nicht mein Problem, geh mir nicht auf die Nerven.
Oder man kann dieser poschen Weihnachtsgeschichte sogar noch was Gutes abgewinnen, denn, wie eine Kollegin schrieb, so werden die Positionen in der deutschen Medienlandschaft mal wieder deutlich. Nur: Konsequenzen hat das ähnliche wie die Mietpreisbremse. Nämlich keine. 
Wir Journalisten müssen uns da auch an die eigene Nase fassen, ob immer nur bad news good news sein müssen vong Klickbarkeit und Quote her. Es wird immer wichtiger, einzuordnen, zu recherchieren und Hintergründe zu liefern. Ich wünsche mir hier uns Medienschaffenden 2018 noch mehr kühlen Kopf und starke Nerven. Schnell und aktuell arbeiten ist gut. Aber heißt auch für mich: vollumfassend. Und im Zweifelsfall auch nicht für die eigene Eitelkeit.