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Kerstin Fritzsche

Die kürzesten Wörter, nämlich "ja" und "nein", erfordern das meiste Nachdenken. - Pythagoras

Alles auf der Welt kommt auf einen gescheiten Einfall und auf einen festen Entschluss an. - Johann Wolfgang von Goethe

Leisten wir uns den Luxus, eine eigene Meinung zu haben.

 - Otto von Bismarck

 

Politik ist angewandte Liebe zum Leben.

 - Hannah Arendt

 

Journalisten sind Generalisten. Sie verstehen alles, aber alles meistens nur halb. - Claus H. Casdorff

Schweigen ist eines der am schwierigsten zu widerlegenden Argumente.
 - Josh Billings

 

Wer heute noch nicht verrückt ist, ist einfach nicht informiert.
 - Gabriel Barylli

 

Über 50 Prozent der Offliner glauben, das Internet wird vollkommen überbewertet. - ARD/ZDF-Onlinestudie 2007

Mo

20

Jun

2016

Demo-für-alle-Wahnsinn jetzt in Bayern

Eigentlich wollte ich seit mindestens vier Tagen noch mal über das Attentat von Orlando schreiben. Wie die Medien damit umgehen. Warum nicht beim Namen genannt wird, was offensichtlich ist bzw erst so spät. Warum so viele über die Info entsetzt sind, dass der Täter selbst schwul gewesen sein könnte ("Tagesthemen" letzten Dienstag - ein Graus!) und warum das eigentlich keine Verwunderung und kein Entsetzen auslösen sollte.

Warum zwar viele gute Kommentare und Artikel dazu erschienen sind, die aber alle von schwulen Männern in typisch schwuler Sicht geschrieben sind (zB der hier und der), dass es nicht passt, dass diese Kollegen Solidarität von der heterosexuellen Breite der Gesellschaft fordern, obwohl sie selbst nicht solidarisch sind, denn die anderen Buchstaben aka Gruppierungen in "LGBT" haben sie einfach selbst vergessen zu berücksichtigen in dem, was sie veröffentlichen (ausgenommen Carolin Emcke, aber die veröffentlichte ihren Orlando-Text ja auch erst am Samstag).

 

Und während ich mir das so überlege und warum der Schmerz in mir und die Leere und die Enttäuschung nicht weggehen, warum mich das eine Woche danach noch immer fast zum Weinen bringt, wenn ich nur daran denke, da spitzen fundamentale Christen ihre Waffen und blasen zum nächsten Angriff. Haben einen Teil des Angriffs sogar schon heimlich geplant und in die Wege geleitet. In sofern passt es dann doch leider wieder alles zusammen, denn fundamentale Christen haben geholfen, Homo- und Transsexualität und wie die queere Gemeinschaft lebt und leben will als Teufelzeug zu diffamieren, uns auszugrenzen, uns und den ganzen "normalen Heten" die ganze Zeit zu erklären, warum wir einfach nicht gleiche Rechte haben können. Weil es gottgewollt ist. Und gottgewollt ist auch der Dschihad. Die radikalen Evangelikalen, klar, wollen niemanden umbringen, haben aber mit ihrer Rhetorik denselben gesellschaftlichen Effekt wie islamistische Gruppierungen. Und tragen damit genauso dazu bei, dass diese Gesellschaft in ihrer Ignoranz solche Verzweiflung in Menschen heranreifen lässt, die sie sich selbst negieren lässt.

 

Gut, irgendwie war klar, dass der Spuk jetzt nicht vorbei ist. Aber ich hätte mit weiteren Aktionen in Baden-Württemberg gerechnet. Für die Evangelikalen um Hedwig von Beverfoerde und Beatrix von Storch ist in Baden-Württemberg aber nichts mehr zu gewinnen. Neun "Demos für alle" haben in Stuttgart stattgefunden und doch sind Aktionsplan gegen Homophobie und neuer Bildungsplan mit Inhalten zur Aufklärung über sexuelle Vielfalt in Kraft getreten bzw. tritt der Bildungsplan auch unter Grün-Schwarz nach den Sommerferien in Kraft, unter Billigung der neuen CDU-Kultusministerin. In Hessen ist man noch nicht so weit, da basteln Ausschüsse und das Parlament noch. Politisch ist in BaWü also der Käs gegessen, in Hessen dauert's noch, bis überhaupt serviert werden kann - was macht CDU-Frau von Beverfoerde also? Sucht sich ein neues Ziel.

 

Das neue Ziel heißt Bayern. Bayern ist gut, da regiert die CSU, und die ist tatsächlich noch konservativer als die tiefschwarzeste Schwarzwald-CDU in Baden-Württemberg. Sogar deren Nachwuchs ist so konservativ, dass er die Ehe-Öffnung für Lesben und Schwule just am Wochenende abgelehnt hat. Und dann gibt's da ja noch die Sache mit dem Unterricht und dem Sex und Kindern, die dafür noch zu jung sein könnten. Wie vorher in Baden-Württemberg. Und Niedersachsen. Und Schleswig-Holstein, wo die Besorgten Eltern es tatsächlich geschafft haben, auf politische Prozesse Einfluss zu nehmen, aber das ist eine andere Geschichte. Bayern will doch nicht so konservativ sein, wie es immer aussieht. Das CSU-geführte Bayern wird seine Lehrpläne reformieren. Denn die sind über 15 Jahre alt, und in denen steht nichts von sexueller Identität oder sexueller Vielfalt. Homo- und Transsexualität kommen da gar nicht vor. Das soll sich ändern, das wurde im März beschlossen. Und anders als in Baden-Württemberg finden's alle gut, auch die Lehrerverbände und die Elternvertretungen. Und sogar die CSU. Naja, zumindest viele in der CSU.

 

Wer das gar nicht gut findet, ist die Lobby aus evangelikalen Christen. Von Beverfoerde, Teile der AfD, die Besorgten Eltern, die Initiative Familienschutz (die von Beverfoerde mal gegründet hat), und die Anti-Homo-Lobby um "Informationsseiten" wie pi-news, der Kopp-Verlag, das ganze Medien-Imperium um Sven von Storch und natürlich auch kath.net schießen sich jetzt ein auf Bayern.

Teil eins des Angriffs ging schon unbemerkt über die Bühne, er beinhaltet wie in Baden-Württemberg, richtig, eine Petition. Gegen die Reform der Lehrpläne. Titel: "Wir brauchen kein Gender und 'sexuelle Vielfalt' an Bayerns Schulen". Achtung, hier heißen die Aktivisten anders, nämlich nicht mehr "Besorgte Eltern" oder "Initiative Familienschutz", sondern "Elternaktion Bayern". Sie soll angeblich neu gegründet sein, komischerweise steht aber alles unter demselben Impressum auf der Wordpress-Seite von "Demo für alle", nirgendwo werden Namen genannt oder auch nur andere Internet-Adressen (ich verlinke jetzt nicht, weil ich denen kein Forum und keinen Traffic geben will und donotlink nicht mehr funktioniert).

 

Seit dem 16. Juni ist die Petition bei CitizenGo online, über 2600 Menschen haben sie bereits unterzeichnet. 5000 Unterschriften werden gebraucht, damit das Parlament die Online-Petition zur Kenntnis nehmen muss. Der Appell richtet sich direkt an die CSU, also Ministerpräsident Seehofer und Kultusminister Spaenle. Was gefordert wird und auch die Argumentation dafür sind ziemlich genau gleichlautend wie entsprechende Petitionen und Formulierungen in "Demo für alle"-Reden in Baden-Württmberg. Anders ist jedoch, dass hier niemand namentlich auftritt für die Bewegung und die "Elternaktion Bayern" auch nicht verlinkt ist bei Facebook oder Twitter. Website unten als Link ist die der "Demo für alle", Referenzen werden vor allem an Birgit Kelle verteilt, ebenfalls einschlägig bei diesem Thema bekannt. Mitte Mai gab es bereits einen offenen Brief der Aktion an Miniser Spaenle, komischerweise findet man bei Artikeln dazu auch nur wieder die Namen Kelle und Beverfoerde. Es dürfte sich also bei der "Elternaktion Bayern" nicht um eine neue Gruppierung handeln, und vor allem nicht, wie der Name vorgaukelt, um tatsächliche Eltern, die in Bayern wohnen und daher von sich aus etwas geplant haben. Andererseits: Erschreckenderweise waren bei den letzten vier Demos in Stuttgart auch stets 1,2 Bayern-Fahnen beim Demozug mit dabei.

 

Doch damit nicht genug. Jetzt soll auch in Bayern demonstriert werden. Für kommenden Sonntag ist eine "Demo für alle" in München angekündigt. Das wiederum wird nicht über deren Website angekündigt, das traut sich die Initiative seit geraumer Zeit nicht mehr. Man versucht so gut wie möglich, die Demos geheim zu halten. Argument: Weil man von Linken angegriffen wurde und seine Teilnehmer schützen muss. So wird gleichzeitig ein Opfer-Mythos kreiert, bei dem die wahren, guten Christen bei ihren Verkündigungen der Wahrheit von den Unwissenden sogar noch polizeilich geschützt werden müssen.

Richtige Demokraten dürften die Auseinandersetzung aber eigentlich nicht scheuen. Und die Allgemeinheit zahlt im übrigen dafür, ob sie die Verkündigungen nun hört oder nicht oder überhaupt hören will.

Angemeldet ist die Demo am 26. am Wittelsbacher Platz um 14 Uhr, mit Demo-Route. Gute Hintergrund-Infos dazu gibt es hier im Blog. Wer kann, kommt bitte.

Zwei Wochen nach Orlando so eine Veranstaltung zu machen, ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der queeren Community.

 

 

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Di

14

Jun

2016

Nach Orlando: die Medien und der Hass

Warum fällt der Allgemeinheit Anteilnahme nach dem größten Anschlag eines Einzeltäters in der Geschichte der USA so schwer? Der außerdem größte Anschlag nach 9/11 war ein Anschlag auf die LGBTTIQ-Community. Auch wenn noch über das Motiv spekuliert wird, aber einen Gay Club ausgewählt zu haben, war kein Zufall. In den Stunden nach dem Anschlag, den ganzen Sonntag über hatten Medien leider Probleme, das auch so einzuordnen. Hass auf Schwule ODER ein islamistischer Hintergrund war für viele zwar plausibel. Aber warum denn nicht beides? Und was ist mit Rassismus? Oder Hass auf den Westen, auf "westliche Werte", auf "westliche Freiheiten"? Warum fiel das vor allem deutschen Medien so schwer, das auch so auszusprechen? Oder zu recherchieren?

 

Wen es da getroffen hat, war relativ schnell klar

 

Die Meldung, dass es eine Schießerei in einem Club in Orlando gegeben haben soll, war noch keine zwei Stunden alt, da wusste man, verfolgte man amerikanische Medien und Twitter, bereits, dass der Club als Treffpunkt für LGBT gilt. Er definiert sich außerdem per Selbstdarstellung als "Latin hotspot", also als Treffpunkt für Latinos.

Zu diesem Zeitpunkt hatte auch die amerikanische Community schon begonnen, nach Antworten und Trost zu suchen. Konnte man alles schon sehen. Denn ob 20 oder 50 Tote: Dass ein gay club gewählt worden war, konnte für die meisten kein Zufall sein. Das Hashtag #OrlandoLove und das Bild des gebrochenen Regenbogens in Emoji-Herzen begannen sich auf Twitter zu verbreiten. Auch die alten Hashtags zur Ehe-Öffnung vor einem Jahr in den USA, #LoveIsLove und #LoveWins, wurden wieder genutzt.

 

Ob islamistischer Hintergrund oder nicht, zu diesem Zeitpunkt, Sonntagnachmittag mitteleuropäischer Zeit, wurde das Geschehen auch schon mit den sogenannten Hate Crimes in Verbindung gebracht, Gewaltverbrechen unter anderem an Lesben, Schwulen und trans*, die leider in den USA in den letzten vier bis fünf Jahren wieder zugenommen haben.

Schwule Amerikaner posteten, dass sie gerne Blut spenden würden, dass ihnen das aber - bittere Ironie - ja verboten sei als schwuler Mann. Später am Tag überlegte der Staat Florida, genau diese Regelung angesichts der großen Zahl von Verletzten aufzuheben. Viele brachten den Anschlag mit der aktuellen Diskussion darüber in Verbindung, ob trans*-Menschen auf die Toiletten ihres gewählten Geschlechts gehen dürfen oder nicht (Hintergrund dazu hier). Einer schrieb: "I literally never want to hear again that LGBT people in the bathroom are a threat to public safety." Auch die muslimische LGBT-Gemeinde zeigte ihren Support.

 

Warum ist die Angst, dass Männer Händchen halten, größer als die Angst davor, dass sie Waffen halten?

 

Und noch viel mehr machten sich Gedanken, dass es so einfach ist, an Waffen zu kommen, so dass eine Minderheit doch nicht eine Bedrohung für das Land darstellt, sondern fundamentale Idioten, die um sich schießen. Auch wenn sich Donald Trump nicht entblödete, den Anschlag gleich für sich zu nutzen und anzukündigen, schädliche Einwanderung werde es mit ihm nicht geben (der Täter ist in New York geboren) und die National Rifle Association kundtat, wären die Club-Gänger auch bewaffnet gewesen, hätte der Täter gar nicht so viele Menschen erschießen können. Dass jemand keine Waffen-Gewalt will und schon gar nicht von irgendeiner Seite mit seinem Kampf für gleiche Rechte instrumentalisiert werden möchte, scheint für die meisten heterosexuellen Weißen undenkbar. Wie Edward Snowden twitterte: "If he murdered because he saw two men kiss, I say: Find someone to kiss". Auf einem Plakat am Tatort stand zu lesen: "You would rather see two men holding guns than holding hands?".

 

"Schwulenparade" klingt immer noch sensationsgeiler als "Pride Parade"

 

All das hätte man auch in Deutschland in der Berichterstattung am Sonntagabend schon berücksichtigen können. Aber davon war wenig bis gar nichts zu sehen und zu lesen. Es ist nichts dagegen zu sagen, die Berichterstattung erst einmal neutral zu halten. Aber wenn über das Internet quasi schon eine eigene Form der Bericherstattung und Aufarbeitung passiert, dann sollte man doch darauf reagieren. Es war, als hätte man nach all den Jahren der Besserung irgendwie immer noch Angst, das Wort "Homosexualität" oder "lesbisch" oder "schwul" in den Mund zu nehmen. Es wäre möglich gewesen, ohne spekulieren zu müssen. Denn vielleicht wird das Motiv auch nie richtig klar sein, der Täter ist tot und hat keine Botschaft hinterlassen. Man kann aber mit dem Umfeld der Tat, mit der Emotionalität, mit dem, was sich im Internet bewegte, umgehen und einen informativen Hintergrund gestalten.

 

"Angriff auf Schwulen-Club" ist nur sensationslüstern in einer Überschrift, aber unnötig, wenn danach im Artikel keine Info über den Club, zum Pride Month oder zu Hate Crimes kommt. Und es stimmt ja noch nicht mal, es gibt ja noch mehr Menschen innerhalb von LGBTTIQ, auch anderen Geschlechts und vor allem anderer Geschlechtsidentität. Aber selbst Spiegel Online schreibt im Jahr 2016 beharrlich bis heute "Schwulen-Club" und "Schwulen-Parade" statt "Pride March" - und reagiert nicht auf Anfragen, das doch bitte zu ändern. Das ist Diskriminierung durch Auslassung und Verkürzung. Ja, wir haben viel erreicht, und ich bin auch dankbar dafür, dass Generationen vor mir vor allem in den 70ern und 80ern so viel für die Gleichberechtigung erkämpft haben. Aber da Sprache auch ein Spiegel der Gesellschaft ist - und der Umgang mit LGBT - ihr wundert euch echt, wenn heutzutage immer noch Lesben, Schwule und trans* wütend sind wegen dieser Feinheiten? Ganz einfach: weil es immer noch als Herabstufung gelesen wird. Weil es eine Herabstufung ist.

 

Es ist auch ein gefundenes Fressen für all die Homo-Hasser im Netz, die Sachen twitterten wie "Endlich greift jemand mal die wirklich Perversen an." "Was ist los? Sind doch nur 50 Schwuchteln weniger, gut so." "Nicht zu vergessen, heute wurden auch über 50 Tucken niedergeschossen. Also ein guter Tag." "Gott schuf Adam und Eva. Nieder mit den Homos!" Und so weiter. Man hätte Sonntagnacht Dutzende Accounts melden können. Auch wenn wir inzwischen in westlichen Gesellschaften fortschrittlich sind - dieser Hass ist es aber, der alles immer noch nicht gleich macht, neben den gesetzlichen Unterschieden, die es ja auch nach wie vor noch gibt. Warum ist das so schwer zu begreifen, dass man sich daher so sehr getroffen fühlt? warum fragt eine ratlose ARD-Journalistin im Brennpunkt den USA-Korrespondenten, warum denn so ein Anschlag sein kann, wenn Schwule und Lesben doch schon so viele Rechte haben? Was ist denn das für eine dumme Frage? Gerade wegen dieser Rechte gibt es Streit, Auseinandersetzungen und Hass! Haben wir doch jetzt jahrelang beobachten können, nicht nur in den USA, auch in Frankreich mit den "Manif pour tous", in Deutschland mit der "Demo für alle" und der AfD und in den osteuropäischen Ländern, dass sich dort trotz all der Gesetze kaum jemand outen kann, weil er oder sie dann auf offener Straße niedergetreten wird.

 

Immerhin gab es einen Brennpunkt. Der aber eben all das hier beschriebene ausließ. Und auch von "Schwulenhass" redete. Schon seit einigen Jahren gibt es übrigens die nette Broschüre "Schöner schreiben über Lesben und Schwule" vom Bund lesbischer und schwuler JournalistInnen. Sei der ARD, Spiegel Online und anderen Medien dringend empfohlen. Kann man hier downloaden. So waren es drei Minuten Stochern im Nebel, obwohl man ja genau das nicht wollte: spekulieren.

 

Thomas Roth mit Aussprache-Problemen

 

Noch schlimmer die Tagesthemen dann in der Fußball-Halbzeitpause. Ein Thomas Roth, noch lethargischer als sonst, der ganz offenkundig Probleme hatte, die Wörter "Schwule" und "Lesben" auszusprechen und dazu mit der Stimme herunterging. Ein Bericht, der zwar die Community anspricht und die Trauer vor Ort, aber wieder nicht lebendig werden lässt, was gerade vor Ort passiert.

Auch in den meisten deutschen Zeitungen war am Montagmorgen nichts davon zu lesen. Den Bereich LGBT ließ man lieber aus. Motiv Schwulenhass wurde höchstens erwähnt. Aber was das heißt, warum hier eine Minderheit so schwer getroffen wurde - kein Wort.

 

Unsere Welt wurde getroffen, nicht eure

 

Ich will niemandem etwas unterstellen, aber auch die Solidarität außerhalb der Szene hielt sich zuerst in Grenzen. Eine Freundin von mir traf den Nagel auf den Kopf und schrieb Montagmorgen: "Bin sehr traurig über die vielen Toten in Orlando und wundere mich, dass Facebook nicht schon überquillt vor Beileidsbekundungen. Frage mich, ob es daran liegt, dass noch nicht 100%ig klar ist, ob es ein terroristischer Anschlag ist, weil das Ganze in den USA passiert ist, oder weil die Opfer Schwule und Lesben und deren Freunde sind. Die Überlegung macht mich direkt noch trauriger."

Der größte Anschlag eines Einzeltäters in der Geschichte der USA und der größte nach 9/11 - und König Fußball ist wichtiger. Hat ja nur eine Minderheit getroffen, in so einen Club gehe ich ja gar nicht, so eine Bedrohung ist für mich nicht real. Egal, was Obama sagt, egal, wer alles zu Kundgebungen für Montag aufruft. Keine Profilfoto-Änderungen auf Facebook, keine Fragen an LGBT-Freunde, wie es ihnen denn jetzt damit geht, keine Versuche, beispielsweise mit dem Lesben- und Schwulenverband Deutschlands ein Interview zu führen. Auch wenn viele mittrauerten, hier war etwas fundamental anders. Unsere Welt war getroffen worden, nicht eure. Und die ist, da hat Andriano Sack Recht, weit mehr. Es sind nicht nur Clubs, es ist nicht nur Ausgehen und Feiern. Es sind Schutzräume für uns, wo man Gleichgesinnte trifft, wo man man selbst sein kann, derjenige, der man sein will oder der man eben tief in seinem Innern ist. Der Christopher Street Day ist eben nicht einfach nur eine "Schwulen-Parade", er ist und bleibt eine politische Demonstration, jetzt mehr als je zuvor in den letzten Jahren.

 

Die "Stonewall Riots" sind wieder aktuell

 

Die Community mit ihren Institutionen gibt Sicherheit. Und das muss unbedingt auch so bleiben. Der Kampf, den das "Stonewall Inn" 1969 führte, ist wieder aktuell. Leider.

Mehr noch: Die Feinde werden mehr. Und sie sind nicht nur so unberechenbar wie der IS, sondern weil wie aus den eigenen Reihen kommen. Heute Morgen wurde bekannt, dass der Täter von Orlando vermutlich selbst schwul war, zumindest seit drei Jahren den Club "Pulse" besuchte und Dating-Apps nutzte. Verinnerlichte Homophobie, nicht zu sich selbst stehen zu können - das ist der schlimmste Feind der LGBT-Community. Noch immer erfahren LGBT Gewalt, auch in Deutschland, noch immer werden vor allem junge LGBT auch von ihren Eltern abgelehnt. Eine Gesellschaft, eine Religion, eine Familie, die so etwas erzeugt, ist immer noch nicht frei genug. Und alle, wirklich alle, sollten dafür kämpfen, dass so etwas nicht passieren kann. Denn unsere Freiheit reicht nur so weit wie eure - und umgekehrt. Seid solidarisch.

 

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So

10

Apr

2016

Tucholsky würde es auch tun

Es gibt derzeit viel Wirbel um Jan Böhmermann und sein Erdogan-Schmähgedicht. Weil dessen Inhalt noch krasser ist als der des extra3-Songs gegen Erdogan, der ja vorher für Wirbel sorgte. Während ganz viele den Wirbel generell ablehnen, Motto "Haben wir nicht Wichtigeres zu tun, als darüber zu reden, was Satire darf und ob das strafrechtlich relevant ist?", wundere ich mich, dass eigentlich kaum jemand in den deutschen Feuilletons genau diese Frage verhandelt: Was darf Satire? (Eine wohltuende Ausnahme fand ich in der SZ hier und hier.) Und damit die Diskussion auf eine politische Ebene holt, dort hin, wo der Böhmermann'sche Inhalt sitzt. Weil es wirklich nicht wichtig ist, oder weil das auch eine Form von selbstverordneter Zensur ist, weil man zwar eine Meinung haben will und unbedingt für die Pressefreiheit sprechen möchte, aber dann doch nicht sooo krass, als dass es zu viel (türkische) Aufmerksamkeit bekäme? Das ist dann genau die Koketterie und das Distinktionsverhalten, was Böhmermann und Teilen seines Publikums vorgeworfen wird, heute ziemlich deutlich von Antonia Baum in der FAS.

 

Das Neo Magazin Royale - eine einzige Distinktionssendung?

 

Der Artikel "Mister Germany" ist nicht drastisch, aber ebenfalls eine Schmähkritik. Eine an Jan Böhmermann (und ein bisschen auch an "bento", aber das lass ich hier mal außer Acht). Baum respektiert Böhmermann zwar irgendwie ("er ist schlau, schnell und hat ein gutes Gespür dafür, was im Internet explodieren könnte"), aber offensichtlich wirft sie ihm auch vor - ja, was eigentlich genau? Erfolgreich zu sein mit dem, was er tut, und das nicht durch Gutsein und aus Bildungsgründen obwohl das Öffentlich-Rechtliche ja laut Rundfunkstaatsvertrag einen Bildungsauftrag hat, warum also nicht auch Böhmi, aber gut), sondern aufgrund von Distinktionswillen. Mit "Alibi-Ironie", auf die sich alle einigen können, die den Blick auf dieselben sozialen Unterschiede hätten (klar, denn sonst würden die "Millennials" es ja auch nicht verstehen - und Antonia Baum ist die Einzige, die es sogar durchschaut).

 

Mal abgesehen davon, dass Baum aus derselben peer group stammt, die sie kritisiert (hallo, Koketterie und Distinktion!), gibt es journalistisch gesehen überhaupt gar keinen Grund, sich ironisch über das zu erhöhen, was Böhmermann mit seinem Magazin tut, Motto "Hey, nur ich hab verstanden, wie das wirklich ist, und jetzt erklär ich euch das mal!". Auch hier haben wir dann wieder dasselbe Verhalten mit teils denselben Mitteln wie das, was beim Kritik-Objekt kritisiert wird. Das ist einerseits eine natürliche journalistische Haltung (Ich hab die - vielleicht alleinige - Deutungshoheit hier) und im Feuilleton gepaart mit Meinung wahrscheinlich sogar ein Muss. (Allerdings ist es ein normaler, eine Seite füllender Artikel und kein Kommentar oder Essay, also nicht als Meinungsbeitrag gekennzeichnet.) Andererseits ist es total gefährlich, ohne größere Analyse und Erklärung jemandem so etwas zu unterstellen. Das ist noch nicht mal ein "mit eigenen Waffen (Zurück-)Schlagen". Denn Baums Waffen sind nur ihre Haltung und eine spitze Feder.

Ich mach's der Kollegin mal ganz einfach mit ihren Gedanken: Was, wenn Jan Böhmermann einfach nur einen verdammt guten Job macht? Und das alles, was er macht, auch das Erdogan-Schmähgedicht, weil er seine Sache auch so gut wie möglich machen will? Ob das journalistische Tugenden sind, die da bedient werden und ob da auch eine persönliche Haltung dahinter steht - das sind Dinge, die in einem zweiten Schritt zu diskutieren wären. Offensichtlich ist es in Deutschland als Journalist/Fernsehmacher/Satiriker/Medienmensch nicht mehr möglich, dass man etwas macht, weil man es eben einfach (gut) machen will - wenn man damit Erfolg hat. Oder sagen wir: Aufmerksamkeit. Das ist ebenso absurd, wie Politiker/innen abzusprechen, dass sie irgendwas tun oder nicht tun, weil sie sich nur sich selbst und ihrem Gewissen verpflichtet fühlen, immer wird gleich ein höheres, unlauteres Ziel dahinter vermutet. Aber da befindet sich Antonia Baum bei der FAS in guter Gesellschaft, das wurde zu den Hessischen Verhältnissen von dieser Zeitung ja auch gern und viel getan.

 

Es geht immer noch um den Inhalt

 

Und dann noch ein sehr einfacher Gedanke: Was, wenn es so wäre? Wenn das "Neo Magazin Royale" gar keine hehren, journalistischen Ziele verfolgte, sondern, sagen wir, gute Unterhaltung machen will oder eben einfach nur mal was anders als sonst in der gängigen, bräsigen öffentlich-rechtlichen TV-Struktur? Dann wäre es doch auch okay. Es ist nicht unser Job, das zu hinterfragen. Sondern unser Job als "Medien-Journalisten", wenn man denn diese Bezeichnung als Kritiker von Kritik gerne hätte, ist es, zu hinterfragen, ob damit die eigentliche Debatte, nämlich die über Politik, Zensur und Pressefreiheit, weitergeführt werden kann und warum das Satire sonst nicht gelingt. Wo doch Frau Baum am Anfang ganz richtig schreibt, dass es Böhmermann übertrieben hat, um genau solche Abgrenzungs-Mechanismen zu testen und vorzuführen. Man könnte daher also fragen: Heiligt der Zweck die Mittel? Stattdessen fragt man lieber indirekt, ob solch ein kalkulierter Skandal mit einem öffentlich-rechtlich inszenierten TV-Rebell nicht eher Selbstbestätigung ist und eine Mentalität bestätigt, die total spießig ist.

Achtung, jetzt bin ich auch spitz: Gut, dass das keine Beschäftigung mit sich selbst ist, in der warmen, trockenen Redaktionsstube mit Anschluss ans unzensierte Internet und einem regelmäßigen Gehalt vermutlich nach Tarif darüber zu sinnieren. Das kommt den der Türkei inhaftierten Kolleg/innen bestimmt zugute, da kommt das türkische Regime sicherlich ins Nachdenken darüber, wie so eine Fernseh-Landschaft am besten zu strukturieren sei. Leider wird so (in einer überregionalen Zeitung!) der Blick weggelenkt davon, um was es eigentlich geht. Mit der Argumentation, dass man irgendwie blöd findet, dass so viele in der peer group gut finden, dass der Böhmi die AfD blöd findet und dazu auch so voll offen (blöde) Statements setzt.

 

Was ist journalistische Haltung?

 

Die ganze Zeit wird gefordert, der Journalismus müsse in diesen Zeiten, in denen die AfD höhere Wahl-Ergebnisse einfährt als die SPD und in der viele meinen, einen Freifahrtschein fürs Flüchtlinge-Dissen auf Facebook zu haben, eine Haltung haben und diese gemäß Presse-Kodex auch offensiv vertreten. Gleichzeitig wird gejammert, die Jugend sei ja so unpolitisch. Und soooo schwer zu erreichen. Jetzt macht da mal jemand was - ob jetzt bewusst oder unbewusst, egal - , und kriegt genau das vorgeworfen, weil es funktioniert. Absurd. Gleichzeitig ist die Journaille so privilegiert, dass das alles geht, ohne dass es eben Konsequenzen hat - dass Böhmermann jetzt strafrechtlich verfolgt wird, ist ein Novum. Und genau das macht es aber interessant, im eigenen Berufsstand mal aus einem anderen Blickwinkel draufzugucken.

 

Gehen wir dafür ein paar Schritte zurück zu den jungen Jahren des vergangenen Jahrtausends. Wo es durchaus gefährlich war für Journalisten, eine Haltung zu haben und diese auch zu vertreten. Und erst recht, wenn sie dadurch politisch etwas erreichen wollten. Gehen wir zurück zu demjenigen, von dem die berühmte Frage "Was darf Satire?" aufgeworfen wurde: Kurt Tucholsky.

Tucholsky hätte genauso gehandelt wie Böhmermann, denn seine Antwort auf die Frage war schlicht "Alles.", und es hätte ihn mit Sicherheit niemand gefragt, aus welchen Motiven er das tut und ob er persönlich davon profitiert - auch, wenn es freilich schon in der Weimarer Republik logischerweise Neid-Debatten gab. Weil die Zeit und der Gegenstand, an dem die Frage aufgeworfen wurde, das einfach verboten. Es ging um die Existenz von Journos - und von vielen, über die sie schrieben, wenn sie wie Tucholsky gegen das Regime anschrieben. Eine genauere Erklärung findet sich an anderer Stelle: "Übertreibt die Satire? Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten". Im übrigen konstatierte auch Tucholsky in seiner prekären Lage dennoch, dass auch Spaß an der Sache als Selbstzweck durchaus da und legitim ist: "Der echte Satiriker fühlt sich am wohlsten, wenn ihm ein Zensor nahm, zu sagen, was er leidet. Dann sagt ers doch, und wie er es sagt, ohne es zu sagen - das macht schon einen Hauptteil des Vergnügens aus". Und dies gleichzeitig seine Haut retten kann: "Um dieses Reizes willen verzeiht man ihm vielleicht manches [...]". 

Es lohnt, noch weiter bei Tucholsky zu lesen: "Der Satiriker darf keine, aber auch gar keine Autorität anerkennen.", gerade in der politischen Satire ist die Form gar nicht hoch genug zu schätzen." "Politische Satire steht immer in der Opposition." Und: "Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an." Also, wenn das nicht als Selbstzweck und Erklärung reicht, wenn man schon unbedingt wie Baum die Handlung hinterfragen muss, dann weiß ich auch nicht.

 

Distinktion als Zeitung vom Unterhaltungsfernsehen ist gefährlich

 

Antonia Baums Artikel ist aber noch aus einem anderen Grund hochinteressant und ärgerlich. Sie stellt das "Neo Magazin Royale" und seine Nutzer mit in eine Ecke mit der "Millennial-Idioten-Seite 'Bento'" und kritisiert, dass in dieser Zielgruppe Anti-AfD-Videos auf Facebook gepostet werden, um "ein paar Likes zu bekommen" (und hier können wir ja noch nicht mal hinterfragen, ob nicht doch die Haltung der Grund fürs Posten ist - abgesehen davon ist es vollkommen egal und hat uns nicht zu interessieren). Schön gepflegte Alt-Feuilletonisten-Haltung gegen die BuzzFeedisierung dieser schönen, alten Holzmedium-Medien-Welt. Da gerät man dann doch ins Staunen: So eine Haltung vertritt eine junge Autorin??? Ernsthaft? Sie kritisiert andere Medien wegen ihres Erfolges und dafür, dass sie bei einer bestimmten Zielgruppe ankommen, die alle gern, auch die alten Holzmedien, gerne hätten?

 

Eine ähnliche Haltung findet sich sechs Seiten weiter bei Andreas Bernard, der darüber schreibt, dass der Panama-Papers-Leak von der Süddeutschen Zeitung ja auch entsprechend vermarktet wurde und wird - obwohl er durchaus auch sieht, dass die Zeiten inzwischen anders sind, und man nicht mehr wie noch bei Watergate erwarten kann, dass ein Scoop einfach aufgrund des Inhalts quasi von sich aus ein Scoop ist.

Ja, und wo ist da das Problem, wenn Verlage auch ihr Marketing bedenken, über die Platzierung und Gestaltung ihrer Inhalte genauso nachdenken wie über die Inhalte selbst und - OMG! - dann damit auch Geld verdienen wollen?

 

Ganz schön gefährlich, so als altes Holzmedium in Zeiten, in denen es Zeitungsverlagen nicht so richtig gut geht. Wir wissen schon etwas länger, nicht erst seit Böhmermanns Magazin, dass in der genannten Zielgruppe, die im übrigen viel mehr ist als nur eine Zielgruppe, Fernsehen nicht mehr linear und nicht mehr primär über das Fernsehgerät als erstem Bildschirm geguckt wird. Dass die Konkurrenz hier viel größer ist, weil sie nicht nur andere Medien umfasst, sondern man zusammen mit anderen Freizeit-Angeboten um die Aufmerksamkeit der Jungen buhlt, dass die alte Rechnung von Zeitungsverlagen "Jugendseiten-Leser sind die Zeitungsleser von morgen" schon lange nicht mehr aufgeht. Wir haben Dutzende Jugendmedien-Studien, die bestätigen, dass Jugendliche nicht nur über den Inhalt "gepackt" werden, dass es kein Kriterium ist, dass Inhalte gut sind, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn des Journalismus, dass es wichtig ist, eine Marke zu bilden, dass man nicht mehr davon ausgehen kann, dass die Nutzer zu uns kommen, sondern dass wir da hin müssen, wo die neuen Zielgruppen sind, und und und. Also, "Spiegel Online" versucht da mit "bento" was. Das "Neo Magazin Royale" besetzt vor dem (auch aus denselben Gründen mit Spannung zu erwartenden) neuen ARD/ZDF-Jugendkanal schon mal eine Nische, auch im Internet (Was im übrigen einerseits gar nicht genau zu messen, weil Multiplikator für so vieles, und andererseits viiieeeel besser zu messen ist als die Nutzung von so Zeitungen.).

Das tolle Jugend-Angebot der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" muss ich wohl irgendwie verpasst haben. Oder es spielt in meiner peer group, bin ja auch noch in den Dreißigern, dann halt keine Rolle.

Etwas Erfolgreichem den Erfolg vorzuwerfen, wenn man selbst nichts entgegenzusetzen hat, das ist.... ja, das ist ja, als würde ich als kleine Online-Redakteurin eines sehr lokalen Nachrichten-Portals es der FAZ zum Vorwurf machen, dass sie sich mit ihrer breit aufgestellten Online-Redaktion der Digital News Initiative von Google angeschlossen hat (böser, großer Digital-Monopolist!), weil unsere Redaktion schlicht zu klein ist, um überhaupt beim Mitmachen gefragt zu werden. Was zwar stimmt, aber die Sache deswegen dennoch absurd ist, weil man sich ja trotzdem bei der Initiative um Fördergelder bewerben konnte, auch als kleinere Redaktion. Und weil, wenn ich diesen Vorwurf aufbringen würde, damit nicht inhaltlich diskutiert würde, ob das eigentlich sinnvoll ist, da mitzumachen, weil man sich Google ja an den Hals wirft, unabhängige Berichterstattung und Datenkraken und so, ne.

 

Und die türkischen Kolleg/innen jetzt?

 

Worüber wir aber dringend weiterhin reden und schreiben müssen - und auch das würde Tucholsky nämlich tun - ist die Situation der Kolleg/innen in der Türkei und aktuell der Fortgang des "Cumhuriyet"-Prozesses. DAS wäre nämlich wirklich schlimm, wenn die Baum'sche Diskussion darüber, ob Böhmermann nun einfach nur ein aufmerksamkeitsgeiler Moment-Mensch ist oder ein sensibler Journalist, die Berichterstattung darüber, dass in anderen Ländern Satire (und allein schon unabhängiger, wahrheitsgerichteter Journalismus) wirklich lebensgefährlich ist, überlagert.

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Sa

09

Apr

2016

Terror: Ist der Kolonialismus schuld?

Dominic Johnson hat am Dienstag einen beeindruckenden Kommentar in der taz geschrieben. Dass es vermutlich kein Zufall ist, dass der IS Dschihad-Kämpfer in Frankreich und Belgien aus der vierten Generation von Einwanderern rekrutiert. Einwanderer aus ehemaligen Kolonien. Die also nicht alle freiwillig eingewandert sind. Die vierte Generation, die sieht, wie ihre Eltern und Großeltern und Urgroßeltern sich in den frankophonen Ländern abgemüht haben - und es nichts gebracht hat. Die sehen, dass das Leben für sie nicht besser geworden ist und nicht besser wird, eben weil sie die falsche Hautfarbe und die falsche Nationalität haben.

Das Problem ist nicht neu, und es haben bereits viele darüber geschrieben. Spätestens seit dem elften September 2011. Da war hier und da die Rede von den Verlierern der europäischen Gesellschaften mit Kolonialvergangenheit. Aber bequemer war es trotzdem, an eine aus dem arabischen Raum konzertierte Aktion zu glauben.

Ich war mit Erasmus in Marseille, als die die Zwillingstürme in New York einstürzten. Gerade erst angekommen, noch auf Wohnungssuche. Noch ohne permanente Live-Berichterstattung durch die schöne, digitale Welt der Smartphones, noch ohne iPad. Ich stand bei der Beratung des Studntenwerks, als eine Freundin aus Deutschland mich anrief und mir das Unvorstellbare sagte. Es wurde ein längeres Gespräch. Ein teures Gespräch, denn Roaming gab es damals auch noch nicht, und ich hatte noch keine französische Karte.

 

Abends kehrte ich in meine WG zurück, die mich vorerst aufgenommen hatte, bestehend aus einer Finnin, einer Französin, einem Argentinier und mir, der Deutschen. Wir machten den Fernseher an. Wir sahen die Nachrichten, und machten ihn wieder aus. Den Crash in Dauerschleife, so wie er in Deutschland über die Mattscheiben flirrte - er blieb uns erspart. Weil ich in Frankreich war, erlebte ich nicht den Medien-Terror wie viele zu Hause. Wir waren geschockt und hilflos. Aber machten irgendwie weiter. Jeder hatte was zu tun.
Man hätte meinen können, dass das Marseille,die zweitgrößte Stadt Frankreichs mit ihrem sehr großen Anteil an nordafrikanischen Franzosen und den Nordafrikanern, die keine Franzosen sein durften (und immer noch nicht dürfen), veränderte. Aber das Faszinierende war: Nichts passierte.

 

Der Alltag ging weiter, überall. Die jüdische Gemeinde schützte sich nicht in besonderem Maße, muslimische Moscheevereine und Gruppierungen waren nicht gezwungen, sich zu verteidigen. Klar, der Front National blökte weiter mit einem "Wir haben es ja immer gesagt". Le Pens Partei war ja damals schon stark in Marseille und an der Küste. Aber ein "Clash of Civilizations" blieb aus. Weil man zum größten Teil schon immer irgendwie zusammengelebt hatte. Anders als in Paris, wo ich etwa anderthalb Jahre später für eine Woche sein würde und wo mir eine ältere Dame erklärte, sie fahre wegen der Ausländer und der Kriminalität bestimmte U-Bahn-Linien einfach nicht mehr. Genau, wenn ich mich nur in meinem Radius bewege und die Banlieues ausblende, sind die Probleme dieser Nation vielleicht einfach irgendwann gar nicht mehr vorhanden. Bis es das nächste Mal brannte. Aber da brannte es ja auch "nur" in der Banlieue, nicht in Paris centrale.

 

Klar gab es Vorurteile auch in Marseille. Viele davon trafen auch zu. Und als Frau, und besonders als blonde, fremde Frau, war das Leben nicht leicht. Aus jedem Hauseingang wurde man angezischelt. Man konnte nicht alleine im Café sitzen und ein Buch lesen oder in die Calanques gehen und seine Ruhe haben - immer gab es irgendeinen Typen, der einen angelabert hat. Wenn wir als zwei Frauen abends ins Kino wollten, mussten wir uns überlegen, wie wir uns den Heimweg organisieren, denn nach 21 Uhr fuhren keine U-Bahnen mehr. Also die Züge der ohnehin nur zwei vorhandenen U-Bahn-Linien.

War es gefährlicher als anderswo? Klar, auch ich hatte "French Connection" gesehen. 1 und 2. Drogen? Klar, sah man schon. Vergewaltigungen? Davon hörte man, allerdings eher aus dem nahen Aix-en-Provence, wo Männergruppen nur die Heimkömmlinge vor den 60er-Jahre-Studentenwohnheimen abpassen mussten.

Ich zog in diesem Wissen bewusst mit einer Erasmus-Kollegin in eine Wohnung ins sogenannte schwarzafrikanische Viertel zwischen Bahnhof und Hafen. Ich wollte nicht ins Wohnheim, wo ein Concierge mir sagt, wann ich ins Bett gehen soll, wo ich nicht spontan Besuch haben darf und wo die Putzfrauen Schlüssel zu allen Zimmern haben. "Was, wo wohnt ihr?" Unsere französischen Kommilitonen, die sich übrigens ja zu Art kulturellen "Quartiersmanagern" ausbilden ließen, deren Job es also eigentlich beinhaltete, mit unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen zu arbeiten, wenigstens zu reden und vor Ort soziologisch teilnehmende Beobachtung zu üben, waren zum großen Teil entsetzt.

 

In den knapp fünf Monaten ist uns nie was passiert. Klar, es war ein bisschen heruntergekommen. Aber wir kannten all unsere Nachbarn im Haus. Schwarzafrikaner und Nordafrikaner. Wir wussten, wann der eine nach Hause kommt, und dass er dann erstmal schlafen würde, dass ein anderer gerne mal auf dem Balkon Saxophon spielte, dass die junge Frau von unter uns gerne mal ein bisschen Zucker oder Butter lieh - und umgekehrt wir was leihen konnten. Dass der ältere Ex-Seefahrer gegenüber mindestens 12 Wellensittiche haben musste, die teils in ihren Käfigen auch während der Mistral-Zeit draußen hingen und das ein oder andere "See-Beben" erlebten. Ich führte in der Zeit Fernbeziehung nach Utrecht, ebenfalls wegen Erasmus. Alle Pakete und Briefe kamen an, nie war was zerrissen.

Ja, es ist ungewohnt als vielleicht einzige weiße Westeuropäer in einer Straße. Aber es war echt kein Problem. Ich empfand das als angenehm. Angenehmer als die Neid-Debatten an meinem 2-Mal-die-Woche-Studienort Aix-en-Provence, wo es immer drum ging, wer sich geiler aufstellen konnte für die Zukunft, die Jura-Studis oder die Mediziner oder doch die Medien-Leute. Und wer am besten feiern konnte, wessen Eltern wo noch ne Yacht, eine Zweitwohnung, eine weitere Firma oder was auch immer hatten. Die am Wochenende mal eben nach Nizza jetteten. Und bei denen der Apero schon ab 14 Uhr dazugehörte. Täglich.

 

Ich glaube nicht, dass es sich geändert hat. Dass 2013 europäische Kulturhauptstadt zu sein die Unterschiede eher noch verstärkt hat in Marseille. Weil diese Stadt einfach rau und arm ist. Und bleibt. Und daraus erwachsen weitere Probleme.

Die Medien sind mit schuld. Denn die guten Nachrichten interessieren nicht. So wenig wie meine Kommilitonen interessierte, wie wir im schwarzen Viertel gut lebten und Spaß hatten, interessierte die Welt-Öffentlichkeit nicht, dass nach dem Anschlag auf die USA alles friedlich blieb. Klar, es war die Zeit vor Blogs, vor Social Media, vor Twitter und Instagram und YouTube. Heute wäre das sicher anders. Aber schon damals wollte ich ja Journalistin werden und bot mir bekannten Heimat-Medien entsprechend Geschichten an. Das wurde abgelehnt. Zu uninteressant. Oder es war arte vor Ort und machte mal was. Das langte ja.

 

Dieselbe Erfahrung machte ich 2007 am Ende meines Volontariats, als wir beim Goethe-Institut zusammen mit dem Auswärtigen Amt das erste Euro-Mediterrane Jugendparlament planten. Wegen der damals ja schon teils instabilen oder nicht vorhandenen Bindungen im Nahen Osten und dem Palästina-Konflikt wollte man als Organisator auf Nummer sicher gehen. Daher gab es für die Jugendlichen aus den arabischen Ländern ein Vor-Treffen in Alexandria. Mit Spannung war eine Kollegin von "Spiegel Online" dabei. Und wollte den Skandal (wittern). Jugendliche aus Syrien (wir erinnern uns: Damaskus stand damals noch in voller Blüte und war konfliktfrei), Israel und Palästina - da musste doch Beef angesagt sein! War aber nicht so. Wieder mal passierte nichts. Denn diese Jugendlichen begegneten sich zum ersten Mal. Zum ersten Mal persönlich natürlich, aber auch das erste Mal jemandem von der vermeintlich verhassten anderen Nation. Ihr Leben lang hatten sie eingetrichtert bekommen, sich hassen zu müssen. Der Hass wird über Generationen vererbt. Und den Streit sollte es dann also "ohne Grund", nur aufgrund der Geschichte geben? Die SpOn-Autorin hoffte darauf. Rechnete damit.

Es kam anders. Es blieb alles friedlich, es fand ein erster ernsthafter Austausch statt, bei dem unter anderem festgestellt wurde, dass manche Probleme, die man als Jugendlicher in diesem Lebensraum zu dieser Zeit hat, vielleicht sogar schwerwiegender sind, als der alte, geschichtliche Konflikt. Darüber wurde nicht geschrieben. Es war "Spiegel Online" keine Geschichte wert. Nach dem Motto "Only bad news are good news" war von Anfang an eine Skandal-Berichterstattung geplant gewesen. Beschäftigte man sich dann nicht mit den Jugendlichen und ihrer Annäherung, weil Erwartungen enttäuscht worden waren? Ist es aber nicht die Pflicht von uns Journalisten, einfach die Wahrheit zu berichten? Auch, wenn diese Wahrheit eben nicht unsere eigene ist?

 

Natürlich ist der IS-Terror jetzt komplexer als das. Aber es ist die gleiche Ausgangssituation. Wir sind nicht aufmerksam genug. Wir, die Privilegierten. Wir haben unsere eigene Vorstellung, wie etwas sein soll, ein Konflikt, ein Streit, ein gesellschaftliches Phänomen hat in einer bestimmten Weise zu sein. Es ist interessant, so lange es konfliktreich ist. Wenn nicht, dann wenden wir uns ab. Dabei sind die Konflikte ja dennoch da, aber sie sind eben anders. Statt etwas zu begleiten, modellieren wir uns gerne was zusammen im Journalismus, das kurzzeitig funktioniert, in einer Art Weltanschauung, ohne dass es eigentlich die Welt beinhaltet. Und eben nur kurzzeitig. Wir müssen wieder schauen. Und zuhören. Und begleiten. Und dokumentieren. Und uns erst dann ein Urteil bilden. Und vielleicht müssen wir auch mal etwas wertschätzen, wo viele sich zurückgestoßen fühlen. So wie Johnson schreibt, dass der Algerienkrieg der blutigste Kolonialkrieg überhaupt war, es eine Gedenkstätte dafür aber erst seit 2002 gibt, den Gedenktag seit 2012, und 2016 das erste Jahr war, in dem überhaupt ein französischer Staatspräsident ihn beging. Weil wir in unserem westlichen Vorstellungswahn davon, wie die Welt zu sein hat gar nicht mehr sehen, wo Unrecht passiert. Oder passiert ist. Mit entsprechenden Folgen.

Sa

12

Mär

2016

Die wahren, gefährlichen Ideologen

 

Die homophobe „Demo für alle“ in Stuttgart wird nicht mehr von Beatrix von Storch mit organisiert und hat angeblich nichts mehr mit der AfD zu tun. Warum das „Demo-Bündnis“ rund um CDU-Mitglied Hedwig von Beverfoerde nach der neunten Demo und mehr als zwei Jahren Bestehen brandgefährlich ist – gefährlicher als je zuvor, egal, welche oder ob eine Partei dahinter steht.

 

Heute, Samstag, 12. März 2016, ist der große Tag der AfD. Ach nee, Entschuldigung, die AfD organisiert ja die „Demo für alle“ nicht mehr, mehr noch, sie hat ja nach Aussagen der Demo-Veranstalterin Hedwig von Beverfoerde gar nichts mit der Alternative für Deutschland zu tun. Europaparlaments-Mitglied und Berlin-Vorsitzende Beatrix von Storch organisierte zwar mal mit, bei der vorletzten Demo Anfang Oktober redete zwar das Mitglied im Bundesvorstand der Jungen Alternative Schumacher gegen Demokratie und die Ehe für alle, aber nee, mit der AfD hat das alles nichts zu tun.

 

Kreuzzug gegen Familien“

 

Also gut: Heute ist der große Tag des „Bündnisses“. Denn heute wird der umstrittene Bildungsplan in Baden-Württemberg unterzeichnet, der damit Frühsexualisierung von Kindern und die „Akzeptanz jeder Art von Sexualverhalten unabhängig von Bindung, Ehe und Familie ab der ersten Klasse“ (von Beverfoerde) propagiert. Mehr noch, der, einem „grünroten Kreuzzug gegen Familien“ gleich, die „Zivil-Ehe entwerten“, Familie zerstören und nichts weniger als die gesamte deutsche Gesellschaft „umerziehen“ will. So wird es von Hedwig von Beverfoerde, der dem Bündnis nahestehenden rumäniendeutschen „Journalistin“ Birgit Heike Götsch alias Birgit Kelle und der gesamten Initiative Familienschutz propagiert. Um damit die Landtagswahl im Ländle zu beeinflussen, zuletzt bei der neunten „Demo für alle“ in Stuttgart am 28. Februar.

 

Die Demokratie leidet

 

Was natürlich Quatsch ist, ebenso wie die Aussagen der rechten Ideologen zu den Inhalten des Bildungsplans sowie dessen Entstehung (durch einen demokratischen Prozess, so wie es sich in einem demokratischen Bundesland gehört), was man hier nachlesen kann. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man ob der Ironie des Ganzen lachen: Ideologen, die sich ihre eigene Wahrheit machen wie Pippi Langstrumpf sich die Welt, werfen einer Landesregierung vor, ideologisch zu sein und unter Verschleierung von Tatsachen klammheimlich einen „dämonischen Plan“ umzusetzen. Mehr noch: Diese (übrigens ja demokratisch gewählten) Volksvertreter seien alles Marionetten von „den Ideologen in den Ministerien“ und würden nicht mit „dem Volk“ reden.

 

Wahr ist natürlich, dass die „Demo für alle“ nicht mit Vertretern des Volkes redet, zumindest nicht, wenn es Journalist_innen, Pädagog_innen oder Politiker_innen sind, die ihnen nicht passen. Selbst schon erlebt (Und: Konfrontiert man die „Demo für alle“ damit, dass der Aktionsplan gegen Homophobie beispielsweise ja schon seit Sommer 2015 in Kraft ist, dann wird das ignoriert.). Warum das so ist, ist klar, wenn man beispielsweise liest, was Birgit Kelle beim „European“ schreiben darf (ich verlinke den Scheiß nicht). Da wird die Verschwörungstheorie nämlich medial verlängert – und gleichzeitig wirft man Landesregierung und demokratischen Medien vor, ebenfalls verschwörerisch zu arbeiten und die „Kretschmann-Ziele“ medial zu verlängern, mehr noch: Die Medien sind von BaWü aus freilich gleichgeschaltet, die olle Lügenpresse:

 

Damit die Gehirnwäsche reibungslos funktioniert und nicht etwa durch 'falsche' oder gar diskriminierende Medienberichterstattung torpediert wird, enthalten die Pläne sowohl den Vorschlag, die Medienlandschaft in Bild und Schrift zu beobachten, als auch Vorfälle von Homophobie und Transphobie an Schulen zu melden. Fast kommt kurz der Verdacht auf, die Landesregierung habe sich zur Unterstützung ein paar arbeitslose Stasi-Althasen eingekauft, um methodisch vorzubereiten, wie man erfolgreich ein Denunzianten-Netz über ein Land spannt, um Abweichler, die nicht systemkonform in den regenbogenfarbenen Sonnenuntergang mitmarschieren, frühzeitig zu isolieren.“

 

Ich frage mich, woher Grün-Rot die ganzen Menschen nehmen soll, die Stasi-mäßig das Ganze „überwachen“ sollen, aber die Antwort darauf würde vermutlich genauso ins Nichts führen wie die Antwort von AfD-Spitzenkandidat Meuthen auf die Frage, woher er denn seine Zahlen hat, dass die „Ausländerkriminalität“ in Baden-Württemberg steigt.

 

Dafür sind Anfeindungen und „Verfolgungen“ der Gegenseite im Netz, speziell auf Twitter, stets ziemlich flott, wovon die meisten Schreiberlinge nicht echt sind und Tweets von realen Personen wie AfD-Stadtrat Heinrich Fiechtner die Ausnahme. Das Bündnis verfügt über ein gut funktionierendes, breites, auch mediales Netz – so viel zum Thema, das Ganze hätte nichts mit der AfD, anderen Parteien oder Organisationen zu tun.

 

Mainstream-Medien entdecken die Evangelikalen

 

Das aufzuzeigen war in letzter Zeit bei den Mainstream-Medien übrigens genauso schick, wie vor den Landtagswahlen gegen die AfD anzuschreiben, aber das ist ein anderes Thema. Unter anderem durfte so Liane Bednarz in der FAS die Allianzen der Neuen Rechten entschlüsseln – was ziemlich wundern lässt, nachdem zumindest im von Volker Zastrow geführten Politik-Teil bisher immer kräftig gegen Ehe für alle, „Frühsexualisierung“ und damit der „Demo für alle“ in die Hände geschrieben wurde. Wenn man Zastrow kennt, vielleicht auch nicht so verwunderlich, siehe „Hessische Verhältnisse“ 2008, aber wie gesagt, anderes Thema.

 

Aufgezeigt wird hingegen nicht, wie die nicht-offiziellen christlichen Netzwerke im Hintergrund funktionieren. Zum Beispiel, dass ein Daniel Philippi unter der irreführenden URL www.bildungsplan2015.de seit mehr als einem Jahr die Desinformation über den Bildungsplan sehr professionell weiterführt, nachdem die Online-Petition von Gabriel Stängle aus dem Schwarzwald gegen den Bildungsplan endete. Philippi und Stängle gehören derselben christlichen Vereinigung an, der Prisma-Gemeinschaft, ein eingetragener Verein mit Sitz in Mötzingen, registriert beim Amtsgericht Böblingen. Die Prisma-Gemeinschaft wird von der „Frankfurter Rundschau“ und der „Badischen Zeitung“ in Freiburg, bei der übrigens Birgit Kelle ihr journalistisches Handwerk als Volontärin lernte, als „Sekte“ bezeichnet. Verteidigt wird sie im „European“ (welch Überraschung) von Hartmut Steeb, Chef der Evangelischen Allianz, auf den ich auch noch gleich zu sprechen komme. Die Prisma-Gemeinschaft hat ihre Website am 10. Januar 2014 „aufgrund der hohen medialen Aufmerksamkeit und unsachlicher Berichterstattung um eine Online-Petition“ gelöscht.

 

Auf der Anti-Bildungsplan-Seite wird die Urheberschaft von Philippi verschleiert. Im Impressum steht ein Verein namens „Zukunft-Verantwortung-Lernen“, der wahrscheinlich nur zufällig auch seinen Sitz in Mötzingen hat. Zum Verein gehört auch eine Ulrike Schaude-Eckert aus dem Landkreis Böblingen, die, wieder welch Überraschung, als Rednerin bei der „Demo für alle“ am 28. Februar auftrat. Schaude-Eckert spricht u.a. von „gewalttätigen Kampftrupps“, die Ministerpräsident Winfried Kretschmann in der Vergangenheit auf die Demo und auch die Polizei (dieses Gemeinmachen mit der Polizei hat die „Demo für alle“ drauf) losgelassen habe. Und so weiter und so fort ließen sich Verbindungen noch und nöcher aufzeigen.

 

Es geht schlicht um ganz Deutschland

 

Die Verschwörung liegt also wohl vielmehr bei den „Demo für alle“-Menschen. Denn womit das Ganze nun wirklich nichts zu tun hat bzw. was nur vorgeschoben ist: die Politik vor Ort. Und das ist ein erster Grund, warum die „Demo für alle“, die sich seit Herbst 2015 plötzlich wieder wachsender Beliebtheit erfreut, so gefährlich ist. Es geht nur vordergründig um den Bildungsplan in Baden-Württemberg. Beatrix von Storch wohnt in Berlin, Hedwig von Beverfoerde in Magdeburg, Birgit Kelle in Kempen in Nordrhein-Westfalen (wo übrigens das Vielfalt-Aufklärungsprojekt SchLAu erfunden wurde und es den ersten deutschen Aktionsplan gegen Homophobie überhaupt gab). Keine von ihnen hat auch nur einen Bezug zu Baden-Württemberg. Aber zu den Evangelikalen, zum Beispiel deren größter Lobby-Gruppe Deutsche Evangelische Allianz.

 

Deren Generalsekretär Hartmut Steeb, der übrigens auch regelmäßig im „European“ und anderen einschlägigen Magazinen schreiben darf, ist Württemberger. Er ist stolz darauf, dass er seine Frau aus Baden zu sich geholt und mit ihr zehn Kinder hat. Die Evangelische Allianz hatte Anfang 2014 dazu aufgerufen, die Online-Petition von Stängle gegen den neuen Bildungsplan zu unterstützen, genauso wie CDU-Chef Peter Hauk und der AfD-Landesverband. Bei der neunten „Demo für alle“ am 28. Februar war Steeb einer der Redner. Er argumentierte in seiner Rede gegen den Bildungsplan („diese Regierung plant eine gottlose Kulturrevolution“) mit der Landesverfassung und dem Schulgesetz („wo das noch so ausgedrückt ist, wer weiß, wie lange“). Es brauche eine „Entgiftung des Bildungsplans von lobbyistischen Sonderinteressen“ und eine „Bildungsoffensive für Ehe und Familie“ sowie „ein Ja für Kinder“. Stereotypen dürften Kindern in der Schule nicht ausgetrieben werden, vielmehr sollten Jungs darauf vorbereitet werden, dass sie später Väter sein können, und Mädchen, dass sie Mütter sein können. Nur das wäre „eine gesunde Zukunft fürs Musterländle“.

 

Weitere Eindrücke:

 

Weihbischof Andreas Laun aus Salzburg erklärte, das mit dem Gender sei ein europäisches Problem, daher sei er jetzt auch da. Papst Franziskus habe auf die Frage, wie er Gender-Mainstreaming fände, damals „nur eins gesagt: dämonisch!“. Gender-Mainstreaming sei eine „Bedrohung nicht nur für ungeborene Kinder, sondern für alle Kinder“ und wurde, als „vom Dämon geschickt“ von Laun in eine Reihe gestellt mit dem NS-Regime. „Alle sollen umerzogen und gehirngewaschen werden. Die nächste Diktatur könnte sich damit anbahnen.“

 

Außerdem redete Marcel, ein „homosexuell empfindender“ Sozialpädagoge. Er ist Mitglied der „Bruderschaft des Weges“, einer christlichen Gruppe schwuler Männer, die nicht schwul leben wollen. In dieser Funktion, also als Beispiel, wie Homosexualität quasi nicht dämonisch sein kann, ist Marcel schon einmal bei der „Demo für alle“ aufgetreten. Er spricht qua seines Berufes davon, dass nur ein stabiles Beziehungsverhalten vor sexuellem Risikoverhalten schütze, dass Unsicherheit in der Identität zu früher sexueller Aktivität und Porno-Konsum führe, das wisse man aus „gut gesicherten Forschungsergebnissen“, und der Bildungsplan mit seiner Sexualpädagogik sei eine „Ermutigung zu bindungsfreier, pornografischer Sexualität“ für Kinder und Jugendliche. Der Staat fördere so „das Lustprinzip“, und die Regierung mache „unwissenschaftliche Experimente zur sexuellen Vielfalt“.

Harte Anschuldigungen, die im Zweifel vielleicht sogar justiziabel wären.

 

Hedwig von Beverfoerde verwies nach ihrer Tirade über das „Sex-Indoktrinierungsprogramm“ auf die Angriffe mit Steinen auf Busse und den Brand-Anschlag bei ihr zu Hause „auf die Geschäftsstelle“, um Gemeinschaftsgefühl zu schüren. „Wir lassen uns nicht einschüchtern, weil wir wissen, dass wir für das Richtige, das Recht und auch für die Wahrheit einstehen. Und das macht uns stark.“ Grün-Rot sei fest im Griff von Ideologen, die „ihre Sex-Agenda weiter rücksichtslos vorantreiben werden, auch wenn sie das jetzt zunächst zu kaschieren versuchen“.

 

Birgit Kelle machte es sich noch einfacher, ließ die Inhalte bei ihrer Rede komplett weg und schoß fünfeinhalb Minuten nur Ideologien und Anschuldigungen ab. „Ich spreche hier, weil ich als Mutter das Recht habe, meine Kinder so zu erziehen, wie ich es für richtig halte. Und weil ich keine Ideologen brauche aus irgendwelchen Ministerien, die glauben, sie könnten das besser“. Die „Demo für alle“ habe keine Belehrung über Toleranz nötig, „die da draußen brauchen aber eine“, die „Schreihälse“, die Spalier stünden, wenn ungescholtene Bürger und Eltern hierher kommen. Die Regierung in Baden-Württemberg sei „ein Witz“. „Kretschmann wird uns noch dankbar sein, wenn wir ihn vor seinen eigenen Leuten beschützt haben und er dann nicht gender-sensibel 'Kretschfrau' heißen muss!“

 

Familien-"Wahlprüfsteine"

 

Eine Kerstin Kramer vom Bündnis stellte zudem "Wahlprüfsteine" vor. Davon wurden aber nur die acht genannt, denen drei Parteien vollständig zustimmten. Das sind, klar, die AfD, Bündnis C, aber auch: die CDU. Es sind keine Fragen oder gar verhandelbare Vorschläge für den Bildungsplan. Es sind schlichte, ideologische Aussagen. Wie zum Beispiel:

 

"Erziehung ist in erster Linie Aufgabe der Eltern und nicht des Staates."

 

"Gender Mainstreaming dient nicht der Gleichstellung, sondern leistet einer Verwirrung der Geschlechtsidentitäten Vorschub."

 

"Die Ehe ist ein Bund zwischen Mann und Frau, um eine Familie zu gründen."

 

"Jedes Kind hat ein Recht auf Mutter und Vater, und das ist auch bei Adoptionen zu beachten."

 

"Sexualpädagogik der Vielfalt - raus aus Schulen und Kindergärten!"

 

Und der absolute Hammer:

"Alle Maßnahmen des Aktionsplans, die die Glaubens-, Meinungs- und Gewissensfreiheit einschränken, sind abzulehnen."

 

Die SPD hat angeblich überhaupt nicht auf die Anfrage geantwortet.

 

 

Die ganzen Reden sind in Videos auf YouTube zu finden. Wer danach noch nicht genug hat von so viel Menschenfeindlichkeit und Ideologie, der kann sich hier im sehr verdienstvollen Video von Alvar Freude ansehen, was Demo-Besucher so über Homosexualität und Erziehung und Familie denken.

 

 

Das Versagen der Medien vor Ort

 

Ich würde mir wünschen, dass nicht ich mir all das selbst zusammensuchen muss, sondern dass die Medien vor Ort ihrer Aufgabe in einer Demokratie nachkommen (ich nehme hier die Kontext-Wochenzeitung davon aus), und erstens weiterhin über die „Demo für alle“ berichten (und zwar nicht nur vor der Landtagswahl oder wenn es um Gewalt geht), zweitens dies wirklich umfassend von allen Seiten tun und drittens über die Hintergründe und Zusammenhänge informieren. Die „Stuttgarter Zeitung“ (und damit auch die „Stuttgarter Nachrichten“, denn die beiden großen Zeitungen in Stuttgart werden ja angefangen mit der Online-Redaktion nach und nach zusammengelegt) hat von Anfang an nicht geglänzt mit der Berichterstattung über die Bewegung. Mehrfach über mehrere Kanäle auf die Stängle-Online-Petition bereits im November 2013 hingewiesen, wurden die Hinweise schlicht ignoriert. Tweets und Mails nicht beantwortet, ein Leserbrief nicht ernst genommen (Stattdessen wurde eine lesbische Internet-Aktivistin so dermaßen beschimpft und gehetzt, dass sie sich genötigt sah, alles Virtuelle eine Weile ruhen zu lassen. Sie ist bis heute nicht zurück im Netz. Aber auch das ist wieder mal ein anderes Thema. Oder auch nicht?). Eine Minderheit läuft bald Amok – muss uns nicht interessieren. Parallelen zu Stuttgart21 und dem Medien-Desaster dazu schon hier erkennbar.

 

Erst im Frühjahr 2014, als der Streit um den Bildungsplan dann auch mal bei dpa und dem SWR angekommen war, gab es Berichterstattung. Und dann fingen die Demos an – da konnte man ja auch schlecht noch was ignorieren. In der Folge wurde zwar viel berichtet. Aber auch viel falsch, vereinfacht oder einseitig. Und schon gar nicht hinter die Kulissen geguckt (das hat dann erst NDR-Reporter Christian Deker für seine Doku „Die Schwulen-Heiler“ gemacht). Und wenn selbst kein Reporter vor Ort ist, der den entsprechenden Ehrgeiz aufbringt, dann nimmt man eben den Text von der Agentur. Macht jeder, da bin ich in meiner Funktion bei meinem Arbeitgeber keine Ausnahme.

 

Aber selbst dpa ist nicht immer richtig. Oder zu allgemein. Und je nachdem, mit wem man dann Kontakt hat, hat noch nicht mal die Agentur ein Anliegen, Dinge zu berichtigen oder differenzierter darzustellen. Zum Beispiel gab es im dpa-Portal zur vorletzten Demo im Herbst einen Vorbericht. Darin wurden Bildungsplan und Aktionsplan in einen Topf geworfen. Mein Hinweis per Mail an die diensthabende Kollegin, dass das zwei verschiedene Sachen sind, der Aktionsplan anderes beinhalte, schon längst in Kraft sei und die „Demo für alle“ sich im übrigen gegen beides wende, obwohl immer nur vom Bildungsplan gesprochen werde (und wo man das bei der Landesregierung im Netz nachlesen könne), wurde mit dem Hinweis, nein, es werde schon immer gegen Bildungsplan demonstriert und über den Aktionsplan habe man mit einer Meldung (!) ja im Sommer entsprechend berichtet, abgeschmettert. Danke für das Gespräch auch, Frau Kollegin.

 

Medien-Aufmerksamkeit = Agentur-Hörigkeit?

 

Obwohl die letzte „Demo für alle“ Ende Februar nun mehr Medien-Aufmerksamkeit hatte, weil sie zwei Wochen vor der Landtagswahl stattfand, war die Berichterstattung genau durch solch eine gleichmachende Agentur-Hörigkeit nicht differenziert. Las man am Abend oder am Tag danach die Berichte der örtlichen Medien, auch des SWR, leider, so sah man, dass alle mit mehr oder weniger großen eigenen Text-Einsprengseln dpa genommen hatten. Und da stand zum Beispiel eine Teilnehmer-Zahl von 4.500 bei der „Demo für alle“. Zahl der Gegen-Demonstranten nicht ermittelbar. Klar, weil die Zahl nämlich nicht von der Polizei oder gar dem Ordnungsamt der Stadt stammte. Sondern von der Polizei übernommen worden war. Von den Veranstaltern, die angeblich zählen.

 

Da stand auch, dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen von Gegen-Demonstranten mit der Polizei kam, dass es 18 Verletzte gab und einige Festnahmen. Es stand nirgends: eine Differenzierung dieser Aussage aus dem Polizeibericht. So twitterte das Polizeipräsidium Stuttgart noch während der Veranstaltungen, dass man Pfefferspray einsetzen musste, um Gegen-Demonstranten der Antifa daran zu hindern, über Absperrgitter zu klettern, um auf den Schillerplatz zur „Demo für alle“-Kundgebung zu kommen. Ich war selbst dabei, und es gibt Videos von dem angeblich notwendigen Einsatz: Die Polizei war überfordert und hat einfach so Pfefferspray gegen Demonstranten gesprüht. Und zwar großflächig vor dem betreffenden Eingang, mehrmals, über mehrere Minuten (Und ja, als Polizisten-Tochter kann ich das durchaus differenziert betrachten.). Der ohnehin schmale Zugang zum Schillerplatz auf dieser Seite war so gut „bewacht“, dass da garantiert keiner durchgekommen wäre. Die Antifa stand da selbst, wie immer, mit dem Rücken zum Schillerplatz mit einem riesigen Plakat. Eher schaffte die Polizei sich die vermeintliche Bedrohungssituation durch das Pfefferspray selbst, denn dadurch wurde die Masse bewegt und im entstehenden Durcheinander versuchten dann tatsächlich einige Mitglieder des schwarzen Blocks, reinzukommen.

 

Des weiteren wurde von einer Blockade des Demo-Zuges auf der Hauptstätter Straße berichtet, bei der wiederum auf die Gewalttätigkeit der Gegen-Demonstranten Bezug genommen wurde. Klar, natürlich war das ziviler Ungehorsam. Aber erstens kann man so etwas nicht verhindern, denn freilich wollen Gegen-Demonstranten auf die, gegen die sie protestieren, auch treffen. Zum anderen handelte es sich um eine Sitzblockade, und der von der Polizei reichlich gut abgeschirmte „Demo für alle“-Zug war nicht gefährdet (das ist selbst auf dem "Demo für alle"-Video gut zu sehen). Es gab also keinen Grund, auf sitzende Demonstranten mit Schlagstöcken einzuprügeln, in die Gruppe reinzureiten und auch hier Pfefferspray einzusetzen – was ebenfalls auf Videos zu sehen ist und was von der Demo-Sanitäter-Gruppe Südwest heftigst kritisiert wurde. Diese sprach außerdem davon, dass sie bei ihrer Arbeit durch die Polizei behindert wurde und nicht zu den Opfern konnte und außerdem von weitaus mehr Verletzten – durch Polizeigewalt. Alles nicht zu lesen, während der Demo nicht in den Tweets der „Stuttgarter Zeitung“ auf dem für solche Zwecke extra eingerichteten „Live-Kanal“ (ganze fünf Tweets in fünf Stunden), und nicht zu lesen in den folgenden Tagen als Nachberichterstattung.

 

Ebenfalls unklar, aber dadurch nach wie vor hochinteressant, bleibt, warum überhaupt die „Demo für alle“ zwischendrin vom Schillerplatz zum Wilhelmsplatz und zurück ziehen durfte, wenn doch kein Demo-Zug angemeldet worden war. Auch dies gaben, nicht nur über Twitter, etliche Leute, die an der Gegen-Demo teilgenommen hatten, weiter an Medien (und auch Polizei), aber weder wurde darauf geantwortet, noch gab es eben weitergehende Berichterstattung, die genau das hätte klären können. In der „Stuttgarter Zeitung“ war einen Tag später lediglich ein Bericht unter dem Deckmantel "Passanten fragten sich, warum die beiden Kundgebungen so nah beieinander waren", in dem der Leiter des Ordnungsamtes zu Wort kommen durfte, bei dem es aber eben vordergründig darum ging, ob das überhaupt sein müsse, dass solche Konfrontationen passieren, weil man die Gruppen zueinander kommen lässt.

 

Ich bin überrascht, dass eine Zeitung vor Ort überrascht darüber ist, dass es Konfrontation und dann sogar Gewalt gibt. Offensichtlich hat man aus Stuttgart21 überhaupt nichts gelernt. Vor allem viele Linke, aber auch „ganz normale Bürger“ unter den Gegen-Demonstranten waren selbst beim Schwarzen Donnerstag dabei gewesen. Sie vertrauen aufgrund ihrer Erfahrungen und der Gerichts-Farce danach der Polizei nicht und hatten schon beim Zücken der ersten Pfefferspray-Dose Beklemmungen. Sie fühlen sich bestätigt und provoziert, wenn die Polizei dann auf Twitter schreibt, der Einsatz sei „notwendig“ und „erfolgreich“ gewesen. Wie kann man das nicht sehen? Abgesehen davon, dass man es auch mal thematisieren könnte. Warum kein Interview mit der Antifa, einem Vertreter des Aktionsbündnisses oder gar dem Vorstand des Stuttgarter Csd-Vereins? Und müßig zu erwähnen, dass etwas von den oben zitierten Inhalten aufgegriffen worden wäre.

 

Die Sache mit den Rechten

 

Nachdem schon bei der vorletzten „Demo für alle“ im Oktober 2015 die berechtigte Kritik aufkam, es seien NPD-Mitglieder und Rechte bei den Evangelikalen mitgelaufen, hat von Beverfoerde den Ball diesmal selbst aufgegriffen, wenn es die Medien schon nicht tun. Nach dem Mini-Demozug vom Schillerplatz zum Wilhelmsplatz und zurück sagte sie auf der Bühne, es seien wohl Rechte mitgelaufen. Damit hätte man nichts zu tun und davon wolle man sich distanzieren. Es sei vielmehr so: „Das Versammlungsrecht gibt uns nicht die Möglichkeit, Leute wegzuschicken, wenn sie sich ordentlich benehmen.“ Wäre ja auch mal medial zu diskutieren, ob so ein Spruch als Distanzierung tatsächlich reicht (wenn er schon nicht wahr ist.).

 

Wo waren die Politiker_innen?

 

Wer das alles aber auch nicht ausreichend und in der nötigen Tiefe thematisiert hat, sind die Politiker_innen. Klar waren SPD und Grüne da, und es gab einige Reden. Aber wo zeigte sich die Gemeinschaft? Wo war OB Fritz Kuhn, dem es doch nicht egal sein kann, was in seiner Stadt unter einem Parteikollegen-MP passiert? Wo war Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD), deren Kind der Aktionsplan für Akzeptanz und gleiche Rechte ist? Wieso gibt es nirgendwo von den betreffenden Ministerien, der Stadt, der Landesregierung Stellungnahmen dazu? Wann, wenn nicht jetzt, so kurz vor der Wahl? Stattdessen spielt das Ganze der „Demo für alle“ noch in die Hände, weil die grüne Landtagsfraktion Satire auf Twitter nicht als solche erkennen kann und ein gefälschtes Foto retweetet hat (auch kein Thema freilich für die Medien vor Ort).

 

Dass die CDU Baden-Württemberg sich von den Protesten distanziert, erwarte ich ja schon gar nicht mehr. Aber einzelne CDU-Politiker_innen könnten das. Auch anderer Bundesländer. Denn alle Länder müssen irgendwann ihre Bildungspläne reformieren oder wollen einen Aktionsplan gegen Homophobie erstellen (gut, alle außer Bayern). Alle haben mit diesen unheiligen Allianzen zu kämpfen, denn die ziehen sich durch ganz Deutschland. Alle wollen wiedergewählt werden. Viele von ihnen sind selbst lesbisch oder schwul, selbst in der CDU. Wann wollen sie endlich anfangen, für die Demokratie zu kämpfen? Das nächste Bundesland, das die „Demo für alle“, vielleicht schmerzhaft, erfahren wird, ist Hessen. Denn da soll ein Aktionsplan im Herbst in Kraft treten. Und der Bildungsplan muss auch noch in dieser Legislaturperiode unter Schwarz-Grün neu aufgelegt werden. Ich hoffe, es gibt Antworten der Landesregierung, bevor die Evangelikalen welche haben. Und die Emotionen gleich mit.

 

Wir dürfen uns nicht die Sprache nehmen lassen

 

Ora et labora“ - dieser Spruch wird jetzt seit der letzten Kundgebung von dem Bündnis als neues Credo missbraucht. Ich bete auch. Dafür, dass die AfD bei den Landtagswahlen nirgendwo über zehn Prozent kommt. Dass Grün-Rot im Ländle weitermachen kann. Und werde als Christin weiterhin dafür arbeiten, dass die Evangelikalen nicht nur als vermeintlich bessere Christen entlarvt werden, sondern als das, was sie eigentlich sind: demokratiefeindliche, bessere Ideologen.

 

 

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Mo

20

Jun

2016

Demo-für-alle-Wahnsinn jetzt in Bayern

Eigentlich wollte ich seit mindestens vier Tagen noch mal über das Attentat von Orlando schreiben. Wie die Medien damit umgehen. Warum nicht beim Namen genannt wird, was offensichtlich ist bzw erst so spät. Warum so viele über die Info entsetzt sind, dass der Täter selbst schwul gewesen sein könnte ("Tagesthemen" letzten Dienstag - ein Graus!) und warum das eigentlich keine Verwunderung und kein Entsetzen auslösen sollte.

Warum zwar viele gute Kommentare und Artikel dazu erschienen sind, die aber alle von schwulen Männern in typisch schwuler Sicht geschrieben sind (zB der hier und der), dass es nicht passt, dass diese Kollegen Solidarität von der heterosexuellen Breite der Gesellschaft fordern, obwohl sie selbst nicht solidarisch sind, denn die anderen Buchstaben aka Gruppierungen in "LGBT" haben sie einfach selbst vergessen zu berücksichtigen in dem, was sie veröffentlichen (ausgenommen Carolin Emcke, aber die veröffentlichte ihren Orlando-Text ja auch erst am Samstag).

 

Und während ich mir das so überlege und warum der Schmerz in mir und die Leere und die Enttäuschung nicht weggehen, warum mich das eine Woche danach noch immer fast zum Weinen bringt, wenn ich nur daran denke, da spitzen fundamentale Christen ihre Waffen und blasen zum nächsten Angriff. Haben einen Teil des Angriffs sogar schon heimlich geplant und in die Wege geleitet. In sofern passt es dann doch leider wieder alles zusammen, denn fundamentale Christen haben geholfen, Homo- und Transsexualität und wie die queere Gemeinschaft lebt und leben will als Teufelzeug zu diffamieren, uns auszugrenzen, uns und den ganzen "normalen Heten" die ganze Zeit zu erklären, warum wir einfach nicht gleiche Rechte haben können. Weil es gottgewollt ist. Und gottgewollt ist auch der Dschihad. Die radikalen Evangelikalen, klar, wollen niemanden umbringen, haben aber mit ihrer Rhetorik denselben gesellschaftlichen Effekt wie islamistische Gruppierungen. Und tragen damit genauso dazu bei, dass diese Gesellschaft in ihrer Ignoranz solche Verzweiflung in Menschen heranreifen lässt, die sie sich selbst negieren lässt.

 

Gut, irgendwie war klar, dass der Spuk jetzt nicht vorbei ist. Aber ich hätte mit weiteren Aktionen in Baden-Württemberg gerechnet. Für die Evangelikalen um Hedwig von Beverfoerde und Beatrix von Storch ist in Baden-Württemberg aber nichts mehr zu gewinnen. Neun "Demos für alle" haben in Stuttgart stattgefunden und doch sind Aktionsplan gegen Homophobie und neuer Bildungsplan mit Inhalten zur Aufklärung über sexuelle Vielfalt in Kraft getreten bzw. tritt der Bildungsplan auch unter Grün-Schwarz nach den Sommerferien in Kraft, unter Billigung der neuen CDU-Kultusministerin. In Hessen ist man noch nicht so weit, da basteln Ausschüsse und das Parlament noch. Politisch ist in BaWü also der Käs gegessen, in Hessen dauert's noch, bis überhaupt serviert werden kann - was macht CDU-Frau von Beverfoerde also? Sucht sich ein neues Ziel.

 

Das neue Ziel heißt Bayern. Bayern ist gut, da regiert die CSU, und die ist tatsächlich noch konservativer als die tiefschwarzeste Schwarzwald-CDU in Baden-Württemberg. Sogar deren Nachwuchs ist so konservativ, dass er die Ehe-Öffnung für Lesben und Schwule just am Wochenende abgelehnt hat. Und dann gibt's da ja noch die Sache mit dem Unterricht und dem Sex und Kindern, die dafür noch zu jung sein könnten. Wie vorher in Baden-Württemberg. Und Niedersachsen. Und Schleswig-Holstein, wo die Besorgten Eltern es tatsächlich geschafft haben, auf politische Prozesse Einfluss zu nehmen, aber das ist eine andere Geschichte. Bayern will doch nicht so konservativ sein, wie es immer aussieht. Das CSU-geführte Bayern wird seine Lehrpläne reformieren. Denn die sind über 15 Jahre alt, und in denen steht nichts von sexueller Identität oder sexueller Vielfalt. Homo- und Transsexualität kommen da gar nicht vor. Das soll sich ändern, das wurde im März beschlossen. Und anders als in Baden-Württemberg finden's alle gut, auch die Lehrerverbände und die Elternvertretungen. Und sogar die CSU. Naja, zumindest viele in der CSU.

 

Wer das gar nicht gut findet, ist die Lobby aus evangelikalen Christen. Von Beverfoerde, Teile der AfD, die Besorgten Eltern, die Initiative Familienschutz (die von Beverfoerde mal gegründet hat), und die Anti-Homo-Lobby um "Informationsseiten" wie pi-news, der Kopp-Verlag, das ganze Medien-Imperium um Sven von Storch und natürlich auch kath.net schießen sich jetzt ein auf Bayern.

Teil eins des Angriffs ging schon unbemerkt über die Bühne, er beinhaltet wie in Baden-Württemberg, richtig, eine Petition. Gegen die Reform der Lehrpläne. Titel: "Wir brauchen kein Gender und 'sexuelle Vielfalt' an Bayerns Schulen". Achtung, hier heißen die Aktivisten anders, nämlich nicht mehr "Besorgte Eltern" oder "Initiative Familienschutz", sondern "Elternaktion Bayern". Sie soll angeblich neu gegründet sein, komischerweise steht aber alles unter demselben Impressum auf der Wordpress-Seite von "Demo für alle", nirgendwo werden Namen genannt oder auch nur andere Internet-Adressen (ich verlinke jetzt nicht, weil ich denen kein Forum und keinen Traffic geben will und donotlink nicht mehr funktioniert).

 

Seit dem 16. Juni ist die Petition bei CitizenGo online, über 2600 Menschen haben sie bereits unterzeichnet. 5000 Unterschriften werden gebraucht, damit das Parlament die Online-Petition zur Kenntnis nehmen muss. Der Appell richtet sich direkt an die CSU, also Ministerpräsident Seehofer und Kultusminister Spaenle. Was gefordert wird und auch die Argumentation dafür sind ziemlich genau gleichlautend wie entsprechende Petitionen und Formulierungen in "Demo für alle"-Reden in Baden-Württmberg. Anders ist jedoch, dass hier niemand namentlich auftritt für die Bewegung und die "Elternaktion Bayern" auch nicht verlinkt ist bei Facebook oder Twitter. Website unten als Link ist die der "Demo für alle", Referenzen werden vor allem an Birgit Kelle verteilt, ebenfalls einschlägig bei diesem Thema bekannt. Mitte Mai gab es bereits einen offenen Brief der Aktion an Miniser Spaenle, komischerweise findet man bei Artikeln dazu auch nur wieder die Namen Kelle und Beverfoerde. Es dürfte sich also bei der "Elternaktion Bayern" nicht um eine neue Gruppierung handeln, und vor allem nicht, wie der Name vorgaukelt, um tatsächliche Eltern, die in Bayern wohnen und daher von sich aus etwas geplant haben. Andererseits: Erschreckenderweise waren bei den letzten vier Demos in Stuttgart auch stets 1,2 Bayern-Fahnen beim Demozug mit dabei.

 

Doch damit nicht genug. Jetzt soll auch in Bayern demonstriert werden. Für kommenden Sonntag ist eine "Demo für alle" in München angekündigt. Das wiederum wird nicht über deren Website angekündigt, das traut sich die Initiative seit geraumer Zeit nicht mehr. Man versucht so gut wie möglich, die Demos geheim zu halten. Argument: Weil man von Linken angegriffen wurde und seine Teilnehmer schützen muss. So wird gleichzeitig ein Opfer-Mythos kreiert, bei dem die wahren, guten Christen bei ihren Verkündigungen der Wahrheit von den Unwissenden sogar noch polizeilich geschützt werden müssen.

Richtige Demokraten dürften die Auseinandersetzung aber eigentlich nicht scheuen. Und die Allgemeinheit zahlt im übrigen dafür, ob sie die Verkündigungen nun hört oder nicht oder überhaupt hören will.

Angemeldet ist die Demo am 26. am Wittelsbacher Platz um 14 Uhr, mit Demo-Route. Gute Hintergrund-Infos dazu gibt es hier im Blog. Wer kann, kommt bitte.

Zwei Wochen nach Orlando so eine Veranstaltung zu machen, ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der queeren Community.

 

 

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Di

14

Jun

2016

Nach Orlando: die Medien und der Hass

Warum fällt der Allgemeinheit Anteilnahme nach dem größten Anschlag eines Einzeltäters in der Geschichte der USA so schwer? Der außerdem größte Anschlag nach 9/11 war ein Anschlag auf die LGBTTIQ-Community. Auch wenn noch über das Motiv spekuliert wird, aber einen Gay Club ausgewählt zu haben, war kein Zufall. In den Stunden nach dem Anschlag, den ganzen Sonntag über hatten Medien leider Probleme, das auch so einzuordnen. Hass auf Schwule ODER ein islamistischer Hintergrund war für viele zwar plausibel. Aber warum denn nicht beides? Und was ist mit Rassismus? Oder Hass auf den Westen, auf "westliche Werte", auf "westliche Freiheiten"? Warum fiel das vor allem deutschen Medien so schwer, das auch so auszusprechen? Oder zu recherchieren?

 

Wen es da getroffen hat, war relativ schnell klar

 

Die Meldung, dass es eine Schießerei in einem Club in Orlando gegeben haben soll, war noch keine zwei Stunden alt, da wusste man, verfolgte man amerikanische Medien und Twitter, bereits, dass der Club als Treffpunkt für LGBT gilt. Er definiert sich außerdem per Selbstdarstellung als "Latin hotspot", also als Treffpunkt für Latinos.

Zu diesem Zeitpunkt hatte auch die amerikanische Community schon begonnen, nach Antworten und Trost zu suchen. Konnte man alles schon sehen. Denn ob 20 oder 50 Tote: Dass ein gay club gewählt worden war, konnte für die meisten kein Zufall sein. Das Hashtag #OrlandoLove und das Bild des gebrochenen Regenbogens in Emoji-Herzen begannen sich auf Twitter zu verbreiten. Auch die alten Hashtags zur Ehe-Öffnung vor einem Jahr in den USA, #LoveIsLove und #LoveWins, wurden wieder genutzt.

 

Ob islamistischer Hintergrund oder nicht, zu diesem Zeitpunkt, Sonntagnachmittag mitteleuropäischer Zeit, wurde das Geschehen auch schon mit den sogenannten Hate Crimes in Verbindung gebracht, Gewaltverbrechen unter anderem an Lesben, Schwulen und trans*, die leider in den USA in den letzten vier bis fünf Jahren wieder zugenommen haben.

Schwule Amerikaner posteten, dass sie gerne Blut spenden würden, dass ihnen das aber - bittere Ironie - ja verboten sei als schwuler Mann. Später am Tag überlegte der Staat Florida, genau diese Regelung angesichts der großen Zahl von Verletzten aufzuheben. Viele brachten den Anschlag mit der aktuellen Diskussion darüber in Verbindung, ob trans*-Menschen auf die Toiletten ihres gewählten Geschlechts gehen dürfen oder nicht (Hintergrund dazu hier). Einer schrieb: "I literally never want to hear again that LGBT people in the bathroom are a threat to public safety." Auch die muslimische LGBT-Gemeinde zeigte ihren Support.

 

Warum ist die Angst, dass Männer Händchen halten, größer als die Angst davor, dass sie Waffen halten?

 

Und noch viel mehr machten sich Gedanken, dass es so einfach ist, an Waffen zu kommen, so dass eine Minderheit doch nicht eine Bedrohung für das Land darstellt, sondern fundamentale Idioten, die um sich schießen. Auch wenn sich Donald Trump nicht entblödete, den Anschlag gleich für sich zu nutzen und anzukündigen, schädliche Einwanderung werde es mit ihm nicht geben (der Täter ist in New York geboren) und die National Rifle Association kundtat, wären die Club-Gänger auch bewaffnet gewesen, hätte der Täter gar nicht so viele Menschen erschießen können. Dass jemand keine Waffen-Gewalt will und schon gar nicht von irgendeiner Seite mit seinem Kampf für gleiche Rechte instrumentalisiert werden möchte, scheint für die meisten heterosexuellen Weißen undenkbar. Wie Edward Snowden twitterte: "If he murdered because he saw two men kiss, I say: Find someone to kiss". Auf einem Plakat am Tatort stand zu lesen: "You would rather see two men holding guns than holding hands?".

 

"Schwulenparade" klingt immer noch sensationsgeiler als "Pride Parade"

 

All das hätte man auch in Deutschland in der Berichterstattung am Sonntagabend schon berücksichtigen können. Aber davon war wenig bis gar nichts zu sehen und zu lesen. Es ist nichts dagegen zu sagen, die Berichterstattung erst einmal neutral zu halten. Aber wenn über das Internet quasi schon eine eigene Form der Bericherstattung und Aufarbeitung passiert, dann sollte man doch darauf reagieren. Es war, als hätte man nach all den Jahren der Besserung irgendwie immer noch Angst, das Wort "Homosexualität" oder "lesbisch" oder "schwul" in den Mund zu nehmen. Es wäre möglich gewesen, ohne spekulieren zu müssen. Denn vielleicht wird das Motiv auch nie richtig klar sein, der Täter ist tot und hat keine Botschaft hinterlassen. Man kann aber mit dem Umfeld der Tat, mit der Emotionalität, mit dem, was sich im Internet bewegte, umgehen und einen informativen Hintergrund gestalten.

 

"Angriff auf Schwulen-Club" ist nur sensationslüstern in einer Überschrift, aber unnötig, wenn danach im Artikel keine Info über den Club, zum Pride Month oder zu Hate Crimes kommt. Und es stimmt ja noch nicht mal, es gibt ja noch mehr Menschen innerhalb von LGBTTIQ, auch anderen Geschlechts und vor allem anderer Geschlechtsidentität. Aber selbst Spiegel Online schreibt im Jahr 2016 beharrlich bis heute "Schwulen-Club" und "Schwulen-Parade" statt "Pride March" - und reagiert nicht auf Anfragen, das doch bitte zu ändern. Das ist Diskriminierung durch Auslassung und Verkürzung. Ja, wir haben viel erreicht, und ich bin auch dankbar dafür, dass Generationen vor mir vor allem in den 70ern und 80ern so viel für die Gleichberechtigung erkämpft haben. Aber da Sprache auch ein Spiegel der Gesellschaft ist - und der Umgang mit LGBT - ihr wundert euch echt, wenn heutzutage immer noch Lesben, Schwule und trans* wütend sind wegen dieser Feinheiten? Ganz einfach: weil es immer noch als Herabstufung gelesen wird. Weil es eine Herabstufung ist.

 

Es ist auch ein gefundenes Fressen für all die Homo-Hasser im Netz, die Sachen twitterten wie "Endlich greift jemand mal die wirklich Perversen an." "Was ist los? Sind doch nur 50 Schwuchteln weniger, gut so." "Nicht zu vergessen, heute wurden auch über 50 Tucken niedergeschossen. Also ein guter Tag." "Gott schuf Adam und Eva. Nieder mit den Homos!" Und so weiter. Man hätte Sonntagnacht Dutzende Accounts melden können. Auch wenn wir inzwischen in westlichen Gesellschaften fortschrittlich sind - dieser Hass ist es aber, der alles immer noch nicht gleich macht, neben den gesetzlichen Unterschieden, die es ja auch nach wie vor noch gibt. Warum ist das so schwer zu begreifen, dass man sich daher so sehr getroffen fühlt? warum fragt eine ratlose ARD-Journalistin im Brennpunkt den USA-Korrespondenten, warum denn so ein Anschlag sein kann, wenn Schwule und Lesben doch schon so viele Rechte haben? Was ist denn das für eine dumme Frage? Gerade wegen dieser Rechte gibt es Streit, Auseinandersetzungen und Hass! Haben wir doch jetzt jahrelang beobachten können, nicht nur in den USA, auch in Frankreich mit den "Manif pour tous", in Deutschland mit der "Demo für alle" und der AfD und in den osteuropäischen Ländern, dass sich dort trotz all der Gesetze kaum jemand outen kann, weil er oder sie dann auf offener Straße niedergetreten wird.

 

Immerhin gab es einen Brennpunkt. Der aber eben all das hier beschriebene ausließ. Und auch von "Schwulenhass" redete. Schon seit einigen Jahren gibt es übrigens die nette Broschüre "Schöner schreiben über Lesben und Schwule" vom Bund lesbischer und schwuler JournalistInnen. Sei der ARD, Spiegel Online und anderen Medien dringend empfohlen. Kann man hier downloaden. So waren es drei Minuten Stochern im Nebel, obwohl man ja genau das nicht wollte: spekulieren.

 

Thomas Roth mit Aussprache-Problemen

 

Noch schlimmer die Tagesthemen dann in der Fußball-Halbzeitpause. Ein Thomas Roth, noch lethargischer als sonst, der ganz offenkundig Probleme hatte, die Wörter "Schwule" und "Lesben" auszusprechen und dazu mit der Stimme herunterging. Ein Bericht, der zwar die Community anspricht und die Trauer vor Ort, aber wieder nicht lebendig werden lässt, was gerade vor Ort passiert.

Auch in den meisten deutschen Zeitungen war am Montagmorgen nichts davon zu lesen. Den Bereich LGBT ließ man lieber aus. Motiv Schwulenhass wurde höchstens erwähnt. Aber was das heißt, warum hier eine Minderheit so schwer getroffen wurde - kein Wort.

 

Unsere Welt wurde getroffen, nicht eure

 

Ich will niemandem etwas unterstellen, aber auch die Solidarität außerhalb der Szene hielt sich zuerst in Grenzen. Eine Freundin von mir traf den Nagel auf den Kopf und schrieb Montagmorgen: "Bin sehr traurig über die vielen Toten in Orlando und wundere mich, dass Facebook nicht schon überquillt vor Beileidsbekundungen. Frage mich, ob es daran liegt, dass noch nicht 100%ig klar ist, ob es ein terroristischer Anschlag ist, weil das Ganze in den USA passiert ist, oder weil die Opfer Schwule und Lesben und deren Freunde sind. Die Überlegung macht mich direkt noch trauriger."

Der größte Anschlag eines Einzeltäters in der Geschichte der USA und der größte nach 9/11 - und König Fußball ist wichtiger. Hat ja nur eine Minderheit getroffen, in so einen Club gehe ich ja gar nicht, so eine Bedrohung ist für mich nicht real. Egal, was Obama sagt, egal, wer alles zu Kundgebungen für Montag aufruft. Keine Profilfoto-Änderungen auf Facebook, keine Fragen an LGBT-Freunde, wie es ihnen denn jetzt damit geht, keine Versuche, beispielsweise mit dem Lesben- und Schwulenverband Deutschlands ein Interview zu führen. Auch wenn viele mittrauerten, hier war etwas fundamental anders. Unsere Welt war getroffen worden, nicht eure. Und die ist, da hat Andriano Sack Recht, weit mehr. Es sind nicht nur Clubs, es ist nicht nur Ausgehen und Feiern. Es sind Schutzräume für uns, wo man Gleichgesinnte trifft, wo man man selbst sein kann, derjenige, der man sein will oder der man eben tief in seinem Innern ist. Der Christopher Street Day ist eben nicht einfach nur eine "Schwulen-Parade", er ist und bleibt eine politische Demonstration, jetzt mehr als je zuvor in den letzten Jahren.

 

Die "Stonewall Riots" sind wieder aktuell

 

Die Community mit ihren Institutionen gibt Sicherheit. Und das muss unbedingt auch so bleiben. Der Kampf, den das "Stonewall Inn" 1969 führte, ist wieder aktuell. Leider.

Mehr noch: Die Feinde werden mehr. Und sie sind nicht nur so unberechenbar wie der IS, sondern weil wie aus den eigenen Reihen kommen. Heute Morgen wurde bekannt, dass der Täter von Orlando vermutlich selbst schwul war, zumindest seit drei Jahren den Club "Pulse" besuchte und Dating-Apps nutzte. Verinnerlichte Homophobie, nicht zu sich selbst stehen zu können - das ist der schlimmste Feind der LGBT-Community. Noch immer erfahren LGBT Gewalt, auch in Deutschland, noch immer werden vor allem junge LGBT auch von ihren Eltern abgelehnt. Eine Gesellschaft, eine Religion, eine Familie, die so etwas erzeugt, ist immer noch nicht frei genug. Und alle, wirklich alle, sollten dafür kämpfen, dass so etwas nicht passieren kann. Denn unsere Freiheit reicht nur so weit wie eure - und umgekehrt. Seid solidarisch.

 

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