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Kerstin Fritzsche

Die kürzesten Wörter, nämlich "ja" und "nein", erfordern das meiste Nachdenken. - Pythagoras

Alles auf der Welt kommt auf einen gescheiten Einfall und auf einen festen Entschluss an. - Johann Wolfgang von Goethe

Leisten wir uns den Luxus, eine eigene Meinung zu haben.

 - Otto von Bismarck

 

Politik ist angewandte Liebe zum Leben.

 - Hannah Arendt

 

Journalisten sind Generalisten. Sie verstehen alles, aber alles meistens nur halb. - Claus H. Casdorff

Schweigen ist eines der am schwierigsten zu widerlegenden Argumente.
 - Josh Billings

 

Wer heute noch nicht verrückt ist, ist einfach nicht informiert.
 - Gabriel Barylli

 

Über 50 Prozent der Offliner glauben, das Internet wird vollkommen überbewertet. - ARD/ZDF-Onlinestudie 2007

Fr

23

Sep

2016

"Demo für alle" will erstmals nach Wiesbaden

Hessen arbeitet gerade an einem Aktionsplan gegen Homophobie. Und im Koalitionsvertrag von CDU und Grünen steht explizit die Verpflichtung zur Aufklärung über LGBTI, wodurch die Landesregierung sich quasi selbst zur Zusammenarbeit mit SchLAu verpflichtet hat. Das hätte vorher niemand der als ziemlich konservativ geltenden hessischen CDU-Fraktion zugetraut. Andererseits: Wer mit den Grünen regieren will, muss sich eben auf solche Dinge der Gleichstellungspolitik einlassen. So konsequent vorangetrieben und festgeschrieben hat das aber bisher kein anderes Bundesland.

 

Klammheimlich den Lehrplan überarbeitet

 

Klammheimlich neben dem Aktionsplan, für den das Sozialministerium verantwortlich zeichnet, hat Hessen die Lehrpläne erneuert und in ihnen die Aufklärung über sexuelle Vielfalt für den fächerübergreifenden Unterricht verankert. Zuletzt sorgte das vor allem in Baden-Württemberg für Entrüstung und bedeutete die Geburt der AfD-gestützten Anti-Bewegung "Demo für alle". Zwar hatte es auch vorher schon in jedem Bundesland, in dem ein neuer Lehrplan beschlossen oder geplant wurde, entsprechende Proteste gegeben, so gut organisiert waren sie vor der "Demo für alle"-Bewegung, die sich das von "Manif pour tous" in Frankreich abgeguckt hat, aber nicht. Außerdem waren die Pläne in einem sehr frühen Entwurf-Stadium in Baden-Württemberg geleakt worden.

 

In Stuttgart war nichts mehr zu holen

 

Nachdem Bildungsplan und ein Aktionsplan gegen Homophobie in Baden-Württemberg in Kraft getreten sind, und es für die Gegner also nichts mehr zu holen gibt in Stuttgart, musste sich die "Demo für alle" zwangsläufig anderen Zielen zuwenden. Ich habe das vorausgesehen, diese Bewegung ist nach wie vor gefährlich. Das war zunächst Sachsen-Anhalt, da konnte man aber noch keine Demo organisieren. Und Bayern, weil da Aufklärung über sexuelle Vielfalt auch sang- und klanglos in den Lehrplan gewandert ist, allerdings wurde die in München geplante Demo im Juli abgesagt, weil zwei Tage vorher der Amoklauf im Norden der Stadt stattgefunden hat. Die Demo zwei Wochen später hatte kaum Teilnehmer. Unterdessen haben die führenden Köpfe von "Demo für alle" aber Kultusminister Spaenle einfach so getroffen und versucht zu beeinflussen.

 

Es war vorauszusehen

 

Es war also vorauszusehen, dass es auch Proteste in Hessen geben wird, zumal bereits für April 2014 schon einmal eine Demonstration in Kassel angekündigt war, die die Organisatoren dann aber selbst wieder absagten. Jetzt will die "Demo für alle" am 30. Oktober in Wiesbaden demonstrieren und mobilisiert dafür gerade sehr breit übers Internet und ihr Netzwerk Anhänger. Die Argumentation ist dieselbe wie in Baden-Württemberg: Man müsse auf die Barrikaden gehen, weil "gegen den ausdrücklichen Willen der Landes-Elternvertretung, gegen das Votum der katholischen Kirche, ohne Absprache mit der Fraktion und ohne öffentliche Diskussion das CDU-geführte Kultusministerium unter Alexander Lorz still und heimlich bereits am 19. August 2016 einen radikalen Sexualerziehungs-Lehrplan erlassen hat, der Kindergefühle und Elternrechte mit Füßen tritt."

Anschließend werden Teile herausgegriffen und wie gewohnt eigenwillig interpretiert. Wer sich selbst überzeugen möchte, was genau im neuen Lehrplan Sexualerziehung steht, kann beim Ministerium selbst hier nachlesen.

 

Dass genau aufgrund der Geschehnisse in Baden-Württemberg unter Forcierung der "Demo für alle" alles so geräuschlos geschehen ist (und damit letzendlich auch versucht wurde, dass das alles den Steuerzahler nicht mehr kostet, weil man keine gewalttätigen Auseinandersetzungen dazu hat), das reflektiert die Anti-Bewegung freilich nicht. Ob damit der hessischen Landesregierung der Kampf erspart bleibt, bleibt abzuwarten.

 

Leider auch an vielen Medien vorbei

 

Übrigens wurde das Ganze so klammheimlich ersonnen und abgewickelt, dass selbst viele Medien und Journalist_innen nicht wussten, was oder in welchem Zeitplan das Ganze vor sich geht. Es gab weder beim zuständigen Kultusministerium, noch bei Staatskanzlei, Grünen und CDU bis jetzt eine Pressemitteilung dazu. Im Vorteil waren dann vermutlich schon vor Bekanntgabe am Freitag die Medien mit der größten Nähe zum Landtag - und das ist naturgemäß der Hessische Rundfunk, der direkt ein Video und einen Audio-Beitrag parat hatte.

Ich selbst war im Mai 2015 noch im Sozialministerium und habe die "Reformierung" des Lehrplans angesprochen, woraufhin mir mit einer Gegenfrage geantwortet wurde: "Woher wissen Sie das denn? Nein, nicht das wir wüssten!". Ich arbeite bei LGBTI-Themen frei und bin auf verbindliche Informationen und meine Kontakte angewiesen. So, liebe Staatskanzlei, liebe Landesregierung, liebe Regierungsparteien, funktioniert Vielfalt in den Medien aber nicht.

 

Gegen-Demo

 

Natürlich gibt es bereits ein breites Bündnis für eine Gegen-Veranstaltung am 30. Oktober. Infos zB über "Vielfalt statt Einfalt".

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Mi

21

Sep

2016

AfterEllen.com wird dicht gemacht

Die US-Website für lesbische Popkultur AfterEllen.com wird am Freitag dicht gemacht. Der Betreiber Evolve Media, der vor zwei Jahren die Site von Viacom kaufte, hat nach zwei Jahren die Reißleine gezogen. Auf der Site selbst steht das nicht, Chefredakteurin Trish Bendix verkündete das Aus des beliebten Subkultur-Blogs in ihrem privaten Blog. Seit 2002 hatte AfterEllen.com zunächst lesbische und queere Frauen in Nordamerika, dann aber auch zunehmend in Europa und andern Teilen der Welt über Genre-News vor allem über Filme, Serien, Literatur, Musik und Popkultur auf dem laufenden gehalten, nach und nach gab es aber auch Artikel zu politischen Themen und Porträts. Ironie des Schicksals: AfterEllen.com war einst nach dem Coming-out von Ellen DeGeneres (und ihrer Sitcom-Figur "Ellen" im Familien-Sender ABC) angetreten, um für mehr Sichtbarkeit von Lesben zu sorgen und sich lesbischen Themen anzunehmen, die in den Mainstream-Medien damals absolut keine Rolle spielten. Der Identifikationsfaktor der Site ist bis heute vor allem für junge lesbische und queere Frauen, die noch nicht out sind, nicht zu unterschätzen, weltweit. Aber genau das reicht als Anspruch und Existenzberechtigung nun nicht mehr. Weil AfterEllen.com nicht wirtschaftlich gewachsen sei, so schreibt Trish Bendix, wird die Seite eingestellt. Dass man bewusst ein Nischen-Produkt führt und eine Marktlücke besetzt? Spielt keine Rolle.

 

Comedian und Talk-Host Ellen DeGeneres hatte sich mit "Ellen" 1997 geoutet (hier ein YouTube-Video). Sie bekam zwar für die entscheidenden beiden Episoden den begehrten "Emmy". Weil aber viele vor allem christliche Zuschauer daraufhin die Sitcom boykottierten und die Werbe-Kunden dem Sender einbrachen, wurde "Ellen" kurz später eingestellt. Begründung von ABC: Man sei ja auch eher ein familienfreundlicher Sender.

 

2005 war AfterEllen.com mit über 400.000 Unique Users die weltgrößte Website für lesbische Themen. Da gab es auch noch AfterElton.com, die schwule Partner-Seite, beide als Hobby von Sarah Warn betrieben. Im Juni 2006 kaufte Logo, ein Subunternehmen von MTV Networks beide Webseiten. Ebenfalls kaufte das MTV-Subunternehmen die schwule Site 365gay.com - die bereits 2010 eingestellt wurde. Logo wiederum ist ein Teil des noch größeren Netzwerkes Viacom, das vor zwei Jahren an Evolve Media in Los Angeles verkaufte. Evolve Media betreibt Fan-Info-Webseiten wie "Total Beauty", "MomTastic", TheFashionSpot" und diverse Special-Interest-Sport-Seiten mit Community. Motto des Unternehmens: "Publishing that matters". Offensichtlich nicht mattering genug.

 

AfterEllen.com nimmt in der lesbischen Internet-Welt eine so besondere Rolle ein, weil Sarah und ihre Bloggerinnen nicht nur immer up-to-date berichteten, sondern weil die Seite meistens die erste war, die wusste, welche neuen Serien und Filme mit lesbischem Inhalt anlaufen, viele davon auch ebenfalls filmisch vorgestellt in den allerersten Vlogs, die es vermutlich überhaupt im Internet gab, als sie aufkamen. Sogar eigene kleine Webserien liefen zuerst oder ausschließlich auf AfterEllen.com. Ein Identifikations-Eldorado ohne Ende - und ohne gleichen. Genau darauf setzte Logo auch beim Kauf, man wollte damit das eigene Online-Video-Geschäft in der Nische ausbauen.

 

In Deutschland ist höchstens die private Website "Coming out of TV", kurz cootv.de, vergleichbar. Die beiden Macherinnen haben sie nach vielen Jahren am Weihnachten vergangenen Jahres eingestellt.

Ich habe viele berühmte und weniger berühmte Lesben und/oder lesbische Figuren über cootv.de für den deutschsprachigen Raum und über AfterEllen.com im nordamerikanischen Raum kennen gelernt. Den Leserinnen war beispielsweise die Comedienne Liz Feldman schon lange ein Begriff, bevor sie international auch dem Mainstream-Publikum bekannt wurde. AfterEllen.com ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Serie "The L Word" so groß wurde wie sie ist und Lebensbedingungen von lesbischen Frauen auch als "reales" Thema in den Blickpunkt anderer Medien rückten. Ich habe nichts weniger als mich selbst ein Stückweit durch diese Berichterstattung kennen gelernt und gefunden, wohl gemerkt in der Anfangszeit des Internets, ohne große Dating-Plattformen, die jetzt so manchem Online-Portal den Rang ablaufen.

 

Das soll alles jetzt nicht mehr wirtschaftlich sein bzw. nicht wirtschaftlich genug? Klar, das Internet hat auch in Deutschland dafür gesorgt, dass Szene-Zeitschriften eingestellt werden mussten, etwa das schwule Magazin "Du & ich". Allerdings hat auch kaum jemand frühzeitig hier auf den Einbruch von Anzeigen reagiert und das Werbegeschäft in die neue digitale Welt übertragen. Damit haben es Nischen-Produkte genauso schwer wie Stadtmagazine, die von Online-Städte-Portalen in Franchise-Konkurrenz überrollt wurden, so ab 2003/04.

 

Auf der anderen Seite geht es aber dem alteingesessenen lesbischen Magazin L-Mag so gut wie nie, seit ein paar Jahren sogar mit eigenem Verlag, mit dem sich die beiden verantwortlichen Redakteurinnen Manuela Kay und Gudrun Fertig selbstständig machten - und zusätzlich auch das Berliner queere Magazin "Siegessäule" herausgeben, seit diesem Jahr sogar deutschlandweit. Und ebenfalls innerhalb dieses Jahres haben sich zwei neue lesbische Magazine gegründet, "Straight" und "Libertine". Der Bedarf ist da, im digitalen Zeitalter ist er vermutlich hinsichtlich von Finden, Auswerten, Präsentieren von relevanten Themen, also des Kuratierens, noch wichtiger als je zuvor.

 

Man sucht sich seine Sexualität nicht aus. Und somit in gewisser Weise seine Medien auch nicht, wenn es nur so wenige gibt. Immer noch, im Jahr 2016. Vielmehr schon wieder. Und wir dachten, die Nische sei überwunden. Ich werde AfterEllen.com vermissen. Die Aufregung um Coming-outs hat sich zwar gelegt. Aber um eine eigene Stimme und das Recht, anders zu sein müssen wir immer noch kämpfen, auch in den Medien.

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Fr

09

Sep

2016

Nicht weiter AfD analysieren, AfD bekämpfen

Ich habe heute Morgen Twitter geöffnet und fand innerhalb von wenigen Minuten 5,6 Links auf Artikel, die sich irgendwie inhaltlich mit der AfD beschäftigen. Hinzu kamen etliche Artikel, die sich damit beschäftigen, dass die CSU jetzt die neue AfD ist. Ich hab die App dann erst mal wieder geschlossen.

So ging das in dieser Woche eigentlich jeden Tag. Es ist die Woche nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Ja, die AfD hat haushoch aus dem Stand abgeräumt. Wie eigentlich bei fast jeder Wahl in der letzten Zeit. Ja, das ist schlimm.

Aber Analysen helfen jetzt nichts. Die wären vor 3 bis 4 Jahren medial sinnvoll gewesen. Da haben aber viele die AfD noch nicht als Gefahr gesehen, weder Politiker_innen noch Medien. Jetzt ist die AfD real, sie geht nicht mehr weg, und ihre Macht wird eher noch wachsen, je mehr die Menschen von den etablierten Parteien enttäuscht werden. Da hilft es nicht, dass die CDU jetzt langsam radikal die AfD verurteilt und die CSU quasi deren Wahlprogramm abschreibt und sich als "Bayern-Alternative" blau anmalt (also neben dem Bayern-Blauweiß).

 

Wieso wundern sich immer noch so viele über die AfD?

 

Es müssen Taten folgen. Doch wohin mal blickt: allgemeine Ratlosigkeit. Parteien, die sich in Nordostdeutschland seit Jahren aus der Fläche gezogen haben, wo keine Infrastruktur mehr vorhanden ist, wo Jugendliche null Perspektive haben - die wundern sich jetzt über das Erstarken der AfD dort? Einige dieser Parteien meinen weiterhin, wir haben ein größeres Problem mit Linksextremismus (in Berlin brennt jeden Tag ein Auto, ischwör!), dabei müssten sie nur mal zB auch in Bayern in die ländlicheren Gebiete blicken, wo jetzt schon teils dieselbe Trostlosigkeit vorherrscht wie etwa in Mecklenburg-Vorpommern. Die Identitäre Bewegung ist auf dem Vormarsch - und keiner will es merken. Und schon gar nicht reagieren.

 

Stellvertreter-Diskussionen überall

 

Stattdesen werden Stellvertreter-Diskussionen geführt, in die sich auch Medienmenschen einspannen lassen oder die selbst schon so ideologisch verblendet sind, dass sie es nicht mehr merken.

Jüngstes Beispiel: Am Dienstag twitterte Tom Schreiber (SPD), Mitglied des Abgeordnetenhauses in Berlin (ja, genau, in Berlin ist ja jetzt auch Wahl): "Neue Erfahrung am -Infostand. Mein -Gegenkandidat sprach mir seine Wertschätzung zu meiner innenpolitischen Arbeit aus." Twitter schnappte über. Aber nicht, um sich Gedanken darüber zu machen, wie perfide sich die AfD wieder mal ranwanzt und Themen und Menschen für sich vereinnahmt. Nein, sehr viel naheliegender war für Twitterer, dass Tom Schreiber also AfD-nah ist.

 

Beschimpfungen folgten, Fragen, ob er sein Amt als queerpolitischer Sprecher da nicht eher niederlegen wolle, bis hin zu Empfehlungen, doch gleich die Partei zu wechseln. Eigentlich nicht erwähnenswert, dass die AfD diesen Tweet auch gleich für sich vereinnahmte. Aber die größte Aufmerksamkeit - und damit auch falsche Interpretation - bekam Schreibers Tweet durch das Fotografieren und neu Tweeten durch den politischen Korrespondenten des "Tagesspiegel", Matthias Meisner, mit den Worten: "Berliner -Abgeordneter freut sich über Lob der . ". 65 Mal wurde das retweetet. Hinterfragt habe nur ich das. Auf die Frage, wo in dem Tweet denn bitte die Freude sei, das sei doch eher Überraschung, erhielt ich keine Antwort. Ebenso erhielt ich keine Antwort von Leuten, denen ich folge, weil sie Expertise in Rechtsextremismus-Dingen haben, und die auch schadenfroh den Schreiber-Tweet retweeten und Dinge wie "So was kommt von so was" dazu schrieben. Ja, von was denn bitte?

 

Taten statt Schuld-Zuweisungen

 

Tom Schreiber nahm es offensichtlich gelassen und antwortete auf keinen der missverstandenen Tweets oder Retweets. Einem Twitterer nur antwortete er, genau, er finde auch, dass die SPD Innenpolitik viel besser könne als die AfD. Damit war ja auch alles geklärt. Gerade Tom Schreiber, einem Abgeordneten, der bekannt dafür ist, dass er superkritisch ist und sich mit ziemlich vielen anlegt, AfD-Nähe zu unterstellen, ist schlicht lächerlich.

Diese Twitter-Hysterie, in die gestandene Politk-Redakteur/innen ohne nachzudenken mit einschlugen, ist aber ziemlich symptomatisch für das Problem, das wir mit der AfD-Diskussion haben. Sie läuft einfach falsch. Und wir brauchen endlich Taten statt Schuld-Zuweisungen.

 

Das Links-/Rechts-Schema ist, mit Verlaub, scheißegal

 

Jede/r steht sofort unter Nähen-Verdacht. Oder wird in ein Links-/Rechts-Schema eingeordnet, das es so eigentlich grad nicht gibt. Und was nicht zielführend ist, weil es eine Ersatzdiskussion ist für die inhaltliche Auseinandersetzung, die die Parteien dringend mit der AfD führen müssten.

Ein weiteres Beispiel dafür sind Tweets von CSU-Oberfranken-Vorsitzendem Hans-Peter Friedrich oder auch dem medialen Rechtsaußen und Ex-FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg. Leute, auf gut Deutsch: Wer oder was eindeutig links oder rechts ist und damit den anderen Parteien in diesem "Ordnungssystem" den Platz und damit die Schuld an den aktuellen Entwicklungen zu geben, ist nicht wichtig (und außerdem überhaupt nicht zu beantworten).

Wenn ihr wirklich was tun wollt, dann lasst Taten folgen, konzentriert euch auf euch selbst, nicht auf das Diffamieren anderer. Ihr wollt doch was tun, oder?

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Mo

22

Aug

2016

Anne Will und Miriam Meckel: Es ist keine Ehe

Schon letztes Jahr zum CSD in Frankfurt (siehe Foto von dpa links) war es die zentrale Forderung: Deutschland soll die Ehe öffnen. Jetzt. Und obwohl uns die SPD das im Bundestagswahlkampf auch versprochen hat und sie zusammen mit der CDU Regierungspartei wurde - ist bekanntlich nichts geschehen. Die Abstimmung dazu 2012 ist gescheitert - da waren ganz viele Sozis überhaupt nicht anwesend, unter anderem auch die ehemalige Bundesjustizministerin nicht, die ihrerzeit als Ministerin die Gleichstellung von Lesben und Schwulen entscheidend vorangetrieben hatte, jezt als Parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium aber lieber Berliner Start-ups fördert.

Zwei Mal in der Folge blockierte dann Schwarz-Rot im Rechtsausschuss einen Antrag der Grünen, die Ehe für alle zu beraten.

 

In 21 Ländern können Schwule und Lesben heiraten

 

Inzwischen haben uns 21 Länder weltweit überholt, in denen die Ehe für alle endlich erlaubt ist, darunter spektakulär 2015 entschieden Irland. In Malta und Israel werden außerdem im Ausland geschlossene gleichgeschlechtliche Ehen anerkannt. Wenn das so weiter geht, dann legalisieren sogar die Schweiz und Österreich vor Deutschland die Ehe für alle, entsprechende Vorbereitungen laufen derzeit.

 

Nun hat die Bunte bereits am Wochenende, alle anderen Medien heute, berichtet, dass Anne Will und Miriam Meckel geheiratet haben. Heimlich am Freitag in Düsseldorf. Alle Medien sprechen von einer "Heirat" oder "Hochzeit". Einzig Spiegel Online formuliert "Sie haben Ja gesagt". Friede, Freude, Eierkuchen also. Schöne Frauen heiraten sich gegenseitig, schöne neue Lesben-Welt, was wollen die Homos eigentlich mehr?

 

Medien haben eine Verantwortung

 

Will und Meckel haben sich aber verpartnert. Sie sind eine Eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen, 15 Jahre, nachdem sie in Deutschland eingeführt wurde, im Volksmund auch "Homo-Ehe" oder "Ehe light" genannt. Weil sie eben nicht gleichberechtigt ist zur Ehe zwischen Mann und Frau. Lauten die Medien-Schlagzeilen aber nun auf "Ehe", "Heirat" und Hochzeit", so wird suggeriert, dass ja alles in Ordnung ist und Lesben und Schwule gleichberechtigt sind. Was aber eben ja nicht so ist. Die Eingetragene Lebenspartnerschaft beinhaltet im jetzigen Stadium mehr Pflichten als Rechte und hat entscheidende Rechte eben nicht.

 

Medien, die verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen wollen, sollten also auch nicht von "heiraten" schreiben. Auch nicht, wenn Anne Wills Management selbst von einer Heirat spricht.

 

Das Private ist immer noch politisch

 

Noch besser: Das Lesben-Magazin "Straight" macht die Beiden in einem Facebook-Post zur Verpartnerung gar zu "Role Models". Bitte? Anne Will und Miriam Meckel mögen zwar inzwischen Vorbilder für junge lesbische Frauen sein:  Sie sind keine maskulinen Butches, sie sind erfolgreich in ihren Jobs, sie werden - so scheint es jedenfalls - nicht diskriminiert, sie stehen über den Dingen und leben einfach ihr Leben.

Aber Galionsfiguren einer (neuen) Lesbenbewegung oder generell innerhalb der LGBT-Szene Deutschlands sind sie sicherlich nicht. Anne Will und Miriam Meckel haben sich zwar nie richtig versteckt, aber auch nie wirklich für die Belange der Community und schon gar nicht für Gleichberechtigung eingesetzt.

 

Auch ihr ComingOut war nicht selbstgewählt und freiwillig. Es gibt keine hundertprozentigen Beweise, die gibt es in den Fällen nie, aber man munkelt, dass 2007 die Zeitung mit den vier großen Buchstaben das Paar erpresst hat: Entweder ihr gebt es jetzt selbst zu, oder wir outen euch. Es war also nur eine Wahlfreiheit in der Art, ob die B*** positiv oder negativ berichtet. Es wurde positiv. Allerdings war das auch ein Zeitpunkt, zu dem Beide schon fest im Berufsleben standen und das Bekenntnis ihnen eigentlich nicht mehr gefährlich werden konnte. Das war ihr Glück. Es gibt aber auch Fälle mit Karriereknick, zuletzt sprach Ramona Leiß davon. Mir sind noch drei andere Fälle bekannt, wo die entsprechende Zeitung genauso erpresserisch vorging, einer davon betrifft ebenfalls ein ComingOut, das die Person sich so sicherlich nicht selbst ausgesucht hätte.

 

Klar, jetzt kann man sagen, ob Verpartnerung oder Ehe und Engagement oder nicht ist Privatsache, auch von Menschen, die im Rampenlicht stehen. Genau weil das aber so ist, haben sie eine besondere Verantwortung. In Zeiten, in denen sich die ideologischen Kämpfe wieder härter zeigen, ist der alte 68er-Spruch "Das Private ist politisch" wieder aktuell. Eben weil Will und Meckel in der Öffentlichkeit stehen und annehmbare Vorbilder für junge Lesben sind, würde ich mir wünschen, dass sie auch etwas für die Community tun oder wenigstens für Gleichberechtigung sprechen. Die Leute an der Kampffront für die Ehe-Öffnung sind nicht die im Blitzlichtgewitter. Und ehemalige Vorkämpferinnen wie Hella von Sinnen (Kampagne "Ja, ich will!" / Video zusammen mit "Rosenstolz" hier) und Maren Kroymann, die ohnehin als schrill und laut oder irgendwie umbequem wahrgenommen wurden, kriegen dadurch nachträglich auch noch mal einen Tritt. Weil andere selbstverständlich das wahrnehmen, wofür sie vor 20 Jahren gekämpft haben. Und dabei dann noch als allseits gesellschaftsfähige Vorbilder gefeiert werden.

Aber das Glück sei Anne Will und Miriam Meckel natürlich gegönnt. Herzlichen Glückwunsch dennoch - vielleicht macht ihr ja dann die "Ehe für alle" auch noch mit, wenn sie kommt?

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So

14

Aug

2016

Entschuldigung, ich habe mich geURLt!

Ich wohne seit anderthalb Jahren in Bayreuth. Mir ist Wagner nicht wichtig. Ich interessiere mich nicht für klassische Musik. Mir sind weder Wagner noch die klassische Musik im allgemeinen näher gekommen, seitdem ich in Bayreuth wohne. Na gut, Wagner vielleicht schon. Notgedrungen. Durch meinen Job als Lokaljournalistin. Zumindest wenn es um die Festspiele geht, sollte mich das interessieren, im Interesse meiner/unserer Leser_innen.

 

Alert, alert

 

So musste es mich also diese Woche interessieren, dass mein hassgeliebtes überregionales Medium "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" vergangenen Sonntag ein Interview mit Anna Netrebko hatte. Ich muss zugeben, dass ich die Seite zu Hause überblätterte, denn in meinem persönlichen Interesse war das Interview nicht ganz vorne dabei. Am nächsten Tag dann meldeten sowohl der Google Alert für Bayreuth, der für die Festspiele und der persönliche Alert durch unseren Kulturchef, dass die Netrebko dabei was über Bayreuth gesagt haben muss. Genauer: über ihr mögliches Engagement bei den Festspielen 2018. Also musste der diensthabende Onliner da ran. Also ich.

 

Netrebko in Bayreuth - ja oder nein?

 

Das redaktionseigene Zeitungsexemplar vom Vortag war zwar verschollen, aber macht nix - das Ganze gab's ja auch schon online. Die entsprechenden Aussagen in einen Artikel gepackt, der Kollege checkte bei der Festspiele GmbH gegen - fertig war das Ganze. Überschrift: "Netrebko wird nicht in Bayreuth singen". Direkt darauf meldet sich ein Freund und Ex-Kollege, im Gegensatz zu mir großer Klassik-Versteher und auch Wagner-Experte und fragt, woher ich denn den Satz habe, den Netrebko gesagt haben soll: "Das ist Gossip!" - als Absage an die Bayreuther Festspiele. Ich dann so: Naja, das ist direkt der erste Satz. Entweder du bist ganz schön daneben grad oder ich.

 

Ein Medium - zwei Interviews

 

Und so stellten wir fest, dass Online- und Print-Variante ein und desselben Interviews mit Anna Netrebko in FAS und auf faz.net unterschiedlich waren. In der Online-Variante wurde so Bayreuth eine klare Absage erteilt, während es in der Print-Variante hieß, man sei noch in Verhandlungen. Also ein Vielleicht.

Das publizierten wir, ich schrieb die Autorin des Interviews an, wie so etwas denn bitte passieren kann und welche Variante denn nun stimme.

 

"Nicht hundertprozentig transkribiert"

 

Am nächsten Tag, also Dienstag, kam als Antwort, dass das Interview online wohl schon angelegt worden sei, bevor es von Anna Netrebko und ihrem Management freigegeben wurde. So sei wohl dieser "fatale Fehler" entstanden. Dennoch dauerte es weitere anderthalb Stunden, bis das Interview online endlich geändert war. Darunter wurde keine Berichtigung gesetzt, wie es sonst üblich ist - in der man journalistisch sauber eigentlich auch nennt, was falsch war, warum es falsch war und Tag und Uhrzeit der Änderung angibt. Sondern da steht, immer noch, lediglich, dass man zwei Antworten von Anna Netrebko in einer ersten Version nicht hundertprozentig transkribiert habe. Aha. Man wolle sich dafür entschuldigen. Intern gehe man der Sache jetzt nach, schrieb die Kollegin mir, das Ergebnis, nehme ich an, wird aber ebenfalls intern verbleiben.

 

Entschuldigung nur Online

 

Da also der Fehler bei den FAZ-Onlinern entstanden ist, befand man wohl, dass eine Entschuldigung und Erklärung in Print nicht nötig sei, jedenfalls ist so etwas in der heutigen Ausgabe nicht zu lesen. Was besonders schade ist, da die FAS seit Jahr und Tag in der Rubrik "Die lieben Kollegen" Kurioses, moralisch Schwieriges oder gar schlicht Falsches aus der Medien-Branche durch den Kakao zieht. Da gibt es immer 100 %, wenn es um andere geht.

Abgesehen davon, dass, auch wenn es bei der FAZ niemand glaubt, es vermutlich wirklich Leser gibt, bei denen sich Print und Online überschneiden (mich zum Beispiel), wäre es auch für Frau Netrebko schön gewesen, ein paar erklärende Zeilen dazu zu lesen. Denn die stand die Woche, nur mal so nebenbei erwähnt, als wankelmütige Kuh da, die keine festen Aussagen treffen kann. Klischee typische Künstlerin. Noch mehr abgesehen davon wirft das alles auch ein Zwielicht auf die Autorisierungspraxis von Interviews im Journalismus, aber das nur noch mehr nebenbei.

 

FAZ-Printler lesen faz.de - und wundern sich nicht

 

Zu lesen ist dann heute wieder über andere: den die Tage unter Beschuss geratenen "Kollegen" Nico Hines, der für "The Daily Beast" homosexuelle Sportler_Innen outete, in dem er sich im Olympischen Dorf auf Dating-Apps umschaute, irgendwas über den Sport-Informationsdienst mit gezwungen komischen Überschriften und den "Stern" über eine absolut anlasslose Sylt-Geschichte (man hätte hier noch tiefer drauf eingehen können, wie mit sowas und der Kreuzfahrt-Geschichte eine Woche vorher Urlaub daheim bzw. sicherer Urlaub für die Deutschen als Thema gepusht wurde, aber gut).

 

Vielleicht ist den FAZ-Printlern der Fauxpas aber gar nicht aufgefallen, denn sie lesen ihre eigene Online-Seite offensichtlich nicht. Zwei Wochen zuvor hat ein gestandener Politik-Redakteur nämlich vermeintlich selbstironisch darüber geschrieben, dass ja komische Themen auf faz.de zu finden seien, er hätte schon an den Kollegen gezweifelt. Um dann richtigzustellen, dass er sich ja vertippt hatte und - huch! - damit auf der Website der "Allgemeinen Fleischer-Zeitung" gelandet sei. Total lustig! Nein, sehr traurig. Denn es hat ihm, bevor das gedruckt wurde, niemand verraten, dass die URL des Online-Auftritts seines Arbeitgebers www.faz.net lautet. Sein Glück, dass es eine Umleitung gibt. Die gab's aber auch nicht immer.

 

Sebstredend gab's auch in diesem Fall keine Berichtigung und keine Entschuldigung. Aber warum auch, wenn man weiterhin davon ausgeht, dass der Print-Leser online nicht dieselbe Marke besucht und umgekehrt. Schöne neue Online-Welt in Frankfurt und Berlin.

Aber gut, dass faz.net von Googles Digital-Initiative unterstützt wird.

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Fr

23

Sep

2016

"Demo für alle" will erstmals nach Wiesbaden

Hessen arbeitet gerade an einem Aktionsplan gegen Homophobie. Und im Koalitionsvertrag von CDU und Grünen steht explizit die Verpflichtung zur Aufklärung über LGBTI, wodurch die Landesregierung sich quasi selbst zur Zusammenarbeit mit SchLAu verpflichtet hat. Das hätte vorher niemand der als ziemlich konservativ geltenden hessischen CDU-Fraktion zugetraut. Andererseits: Wer mit den Grünen regieren will, muss sich eben auf solche Dinge der Gleichstellungspolitik einlassen. So konsequent vorangetrieben und festgeschrieben hat das aber bisher kein anderes Bundesland.

 

Klammheimlich den Lehrplan überarbeitet

 

Klammheimlich neben dem Aktionsplan, für den das Sozialministerium verantwortlich zeichnet, hat Hessen die Lehrpläne erneuert und in ihnen die Aufklärung über sexuelle Vielfalt für den fächerübergreifenden Unterricht verankert. Zuletzt sorgte das vor allem in Baden-Württemberg für Entrüstung und bedeutete die Geburt der AfD-gestützten Anti-Bewegung "Demo für alle". Zwar hatte es auch vorher schon in jedem Bundesland, in dem ein neuer Lehrplan beschlossen oder geplant wurde, entsprechende Proteste gegeben, so gut organisiert waren sie vor der "Demo für alle"-Bewegung, die sich das von "Manif pour tous" in Frankreich abgeguckt hat, aber nicht. Außerdem waren die Pläne in einem sehr frühen Entwurf-Stadium in Baden-Württemberg geleakt worden.

 

In Stuttgart war nichts mehr zu holen

 

Nachdem Bildungsplan und ein Aktionsplan gegen Homophobie in Baden-Württemberg in Kraft getreten sind, und es für die Gegner also nichts mehr zu holen gibt in Stuttgart, musste sich die "Demo für alle" zwangsläufig anderen Zielen zuwenden. Ich habe das vorausgesehen, diese Bewegung ist nach wie vor gefährlich. Das war zunächst Sachsen-Anhalt, da konnte man aber noch keine Demo organisieren. Und Bayern, weil da Aufklärung über sexuelle Vielfalt auch sang- und klanglos in den Lehrplan gewandert ist, allerdings wurde die in München geplante Demo im Juli abgesagt, weil zwei Tage vorher der Amoklauf im Norden der Stadt stattgefunden hat. Die Demo zwei Wochen später hatte kaum Teilnehmer. Unterdessen haben die führenden Köpfe von "Demo für alle" aber Kultusminister Spaenle einfach so getroffen und versucht zu beeinflussen.

 

Es war vorauszusehen

 

Es war also vorauszusehen, dass es auch Proteste in Hessen geben wird, zumal bereits für April 2014 schon einmal eine Demonstration in Kassel angekündigt war, die die Organisatoren dann aber selbst wieder absagten. Jetzt will die "Demo für alle" am 30. Oktober in Wiesbaden demonstrieren und mobilisiert dafür gerade sehr breit übers Internet und ihr Netzwerk Anhänger. Die Argumentation ist dieselbe wie in Baden-Württemberg: Man müsse auf die Barrikaden gehen, weil "gegen den ausdrücklichen Willen der Landes-Elternvertretung, gegen das Votum der katholischen Kirche, ohne Absprache mit der Fraktion und ohne öffentliche Diskussion das CDU-geführte Kultusministerium unter Alexander Lorz still und heimlich bereits am 19. August 2016 einen radikalen Sexualerziehungs-Lehrplan erlassen hat, der Kindergefühle und Elternrechte mit Füßen tritt."

Anschließend werden Teile herausgegriffen und wie gewohnt eigenwillig interpretiert. Wer sich selbst überzeugen möchte, was genau im neuen Lehrplan Sexualerziehung steht, kann beim Ministerium selbst hier nachlesen.

 

Dass genau aufgrund der Geschehnisse in Baden-Württemberg unter Forcierung der "Demo für alle" alles so geräuschlos geschehen ist (und damit letzendlich auch versucht wurde, dass das alles den Steuerzahler nicht mehr kostet, weil man keine gewalttätigen Auseinandersetzungen dazu hat), das reflektiert die Anti-Bewegung freilich nicht. Ob damit der hessischen Landesregierung der Kampf erspart bleibt, bleibt abzuwarten.

 

Leider auch an vielen Medien vorbei

 

Übrigens wurde das Ganze so klammheimlich ersonnen und abgewickelt, dass selbst viele Medien und Journalist_innen nicht wussten, was oder in welchem Zeitplan das Ganze vor sich geht. Es gab weder beim zuständigen Kultusministerium, noch bei Staatskanzlei, Grünen und CDU bis jetzt eine Pressemitteilung dazu. Im Vorteil waren dann vermutlich schon vor Bekanntgabe am Freitag die Medien mit der größten Nähe zum Landtag - und das ist naturgemäß der Hessische Rundfunk, der direkt ein Video und einen Audio-Beitrag parat hatte.

Ich selbst war im Mai 2015 noch im Sozialministerium und habe die "Reformierung" des Lehrplans angesprochen, woraufhin mir mit einer Gegenfrage geantwortet wurde: "Woher wissen Sie das denn? Nein, nicht das wir wüssten!". Ich arbeite bei LGBTI-Themen frei und bin auf verbindliche Informationen und meine Kontakte angewiesen. So, liebe Staatskanzlei, liebe Landesregierung, liebe Regierungsparteien, funktioniert Vielfalt in den Medien aber nicht.

 

Gegen-Demo

 

Natürlich gibt es bereits ein breites Bündnis für eine Gegen-Veranstaltung am 30. Oktober. Infos zB über "Vielfalt statt Einfalt".

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Mi

21

Sep

2016

AfterEllen.com wird dicht gemacht

Die US-Website für lesbische Popkultur AfterEllen.com wird am Freitag dicht gemacht. Der Betreiber Evolve Media, der vor zwei Jahren die Site von Viacom kaufte, hat nach zwei Jahren die Reißleine gezogen. Auf der Site selbst steht das nicht, Chefredakteurin Trish Bendix verkündete das Aus des beliebten Subkultur-Blogs in ihrem privaten Blog. Seit 2002 hatte AfterEllen.com zunächst lesbische und queere Frauen in Nordamerika, dann aber auch zunehmend in Europa und andern Teilen der Welt über Genre-News vor allem über Filme, Serien, Literatur, Musik und Popkultur auf dem laufenden gehalten, nach und nach gab es aber auch Artikel zu politischen Themen und Porträts. Ironie des Schicksals: AfterEllen.com war einst nach dem Coming-out von Ellen DeGeneres (und ihrer Sitcom-Figur "Ellen" im Familien-Sender ABC) angetreten, um für mehr Sichtbarkeit von Lesben zu sorgen und sich lesbischen Themen anzunehmen, die in den Mainstream-Medien damals absolut keine Rolle spielten. Der Identifikationsfaktor der Site ist bis heute vor allem für junge lesbische und queere Frauen, die noch nicht out sind, nicht zu unterschätzen, weltweit. Aber genau das reicht als Anspruch und Existenzberechtigung nun nicht mehr. Weil AfterEllen.com nicht wirtschaftlich gewachsen sei, so schreibt Trish Bendix, wird die Seite eingestellt. Dass man bewusst ein Nischen-Produkt führt und eine Marktlücke besetzt? Spielt keine Rolle.

 

Comedian und Talk-Host Ellen DeGeneres hatte sich mit "Ellen" 1997 geoutet (hier ein YouTube-Video). Sie bekam zwar für die entscheidenden beiden Episoden den begehrten "Emmy". Weil aber viele vor allem christliche Zuschauer daraufhin die Sitcom boykottierten und die Werbe-Kunden dem Sender einbrachen, wurde "Ellen" kurz später eingestellt. Begründung von ABC: Man sei ja auch eher ein familienfreundlicher Sender.

 

2005 war AfterEllen.com mit über 400.000 Unique Users die weltgrößte Website für lesbische Themen. Da gab es auch noch AfterElton.com, die schwule Partner-Seite, beide als Hobby von Sarah Warn betrieben. Im Juni 2006 kaufte Logo, ein Subunternehmen von MTV Networks beide Webseiten. Ebenfalls kaufte das MTV-Subunternehmen die schwule Site 365gay.com - die bereits 2010 eingestellt wurde. Logo wiederum ist ein Teil des noch größeren Netzwerkes Viacom, das vor zwei Jahren an Evolve Media in Los Angeles verkaufte. Evolve Media betreibt Fan-Info-Webseiten wie "Total Beauty", "MomTastic", TheFashionSpot" und diverse Special-Interest-Sport-Seiten mit Community. Motto des Unternehmens: "Publishing that matters". Offensichtlich nicht mattering genug.

 

AfterEllen.com nimmt in der lesbischen Internet-Welt eine so besondere Rolle ein, weil Sarah und ihre Bloggerinnen nicht nur immer up-to-date berichteten, sondern weil die Seite meistens die erste war, die wusste, welche neuen Serien und Filme mit lesbischem Inhalt anlaufen, viele davon auch ebenfalls filmisch vorgestellt in den allerersten Vlogs, die es vermutlich überhaupt im Internet gab, als sie aufkamen. Sogar eigene kleine Webserien liefen zuerst oder ausschließlich auf AfterEllen.com. Ein Identifikations-Eldorado ohne Ende - und ohne gleichen. Genau darauf setzte Logo auch beim Kauf, man wollte damit das eigene Online-Video-Geschäft in der Nische ausbauen.

 

In Deutschland ist höchstens die private Website "Coming out of TV", kurz cootv.de, vergleichbar. Die beiden Macherinnen haben sie nach vielen Jahren am Weihnachten vergangenen Jahres eingestellt.

Ich habe viele berühmte und weniger berühmte Lesben und/oder lesbische Figuren über cootv.de für den deutschsprachigen Raum und über AfterEllen.com im nordamerikanischen Raum kennen gelernt. Den Leserinnen war beispielsweise die Comedienne Liz Feldman schon lange ein Begriff, bevor sie international auch dem Mainstream-Publikum bekannt wurde. AfterEllen.com ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Serie "The L Word" so groß wurde wie sie ist und Lebensbedingungen von lesbischen Frauen auch als "reales" Thema in den Blickpunkt anderer Medien rückten. Ich habe nichts weniger als mich selbst ein Stückweit durch diese Berichterstattung kennen gelernt und gefunden, wohl gemerkt in der Anfangszeit des Internets, ohne große Dating-Plattformen, die jetzt so manchem Online-Portal den Rang ablaufen.

 

Das soll alles jetzt nicht mehr wirtschaftlich sein bzw. nicht wirtschaftlich genug? Klar, das Internet hat auch in Deutschland dafür gesorgt, dass Szene-Zeitschriften eingestellt werden mussten, etwa das schwule Magazin "Du & ich". Allerdings hat auch kaum jemand frühzeitig hier auf den Einbruch von Anzeigen reagiert und das Werbegeschäft in die neue digitale Welt übertragen. Damit haben es Nischen-Produkte genauso schwer wie Stadtmagazine, die von Online-Städte-Portalen in Franchise-Konkurrenz überrollt wurden, so ab 2003/04.

 

Auf der anderen Seite geht es aber dem alteingesessenen lesbischen Magazin L-Mag so gut wie nie, seit ein paar Jahren sogar mit eigenem Verlag, mit dem sich die beiden verantwortlichen Redakteurinnen Manuela Kay und Gudrun Fertig selbstständig machten - und zusätzlich auch das Berliner queere Magazin "Siegessäule" herausgeben, seit diesem Jahr sogar deutschlandweit. Und ebenfalls innerhalb dieses Jahres haben sich zwei neue lesbische Magazine gegründet, "Straight" und "Libertine". Der Bedarf ist da, im digitalen Zeitalter ist er vermutlich hinsichtlich von Finden, Auswerten, Präsentieren von relevanten Themen, also des Kuratierens, noch wichtiger als je zuvor.

 

Man sucht sich seine Sexualität nicht aus. Und somit in gewisser Weise seine Medien auch nicht, wenn es nur so wenige gibt. Immer noch, im Jahr 2016. Vielmehr schon wieder. Und wir dachten, die Nische sei überwunden. Ich werde AfterEllen.com vermissen. Die Aufregung um Coming-outs hat sich zwar gelegt. Aber um eine eigene Stimme und das Recht, anders zu sein müssen wir immer noch kämpfen, auch in den Medien.

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